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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.11.2009

Ein Schiff als Männerdorf

Ioanna Karystiani: "Die Augen des Meeres", Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 305 Seiten

Der Kapitän kennt die Weltmeere, aber seine Frau kennt er kaum.
Der Kapitän kennt die Weltmeere, aber seine Frau kennt er kaum. (AP)

Die griechische Bestsellerautorin Ioanna Karystiani erzählt in ihrem Roman "Die Augen des Meeres" eine moderne Version der Odysseus-Sage. Auf einem Frachter haben sich die Frau und der Sohn des Kapitäns eingeschmuggelt, um ihn zur Heimkehr zu bewegen.

In kaum einem anderen Land wird die literarische Gegenwart so sehr überschattet von der literarischen und kulturellen Vergangenheit wie in Griechenland. Wer an griechische Literatur denkt, der denkt unwillkürlich zurück in die Antike, zurück zu Homer, den Philosophen, Künstlern, Denkern seiner Epoche. Als wäre in den fast drei Jahrtausenden seither in Griechenland nicht viel geschehen. Jeder deutsche Durchschnittsgebildete kann im Handumdrehen ein halbes Dutzend italienischer, französischer, russischer oder amerikanischer Gegenwartsautoren aufzählen, griechische wohl eher nicht.

Eine der wenigen Ausnahmen ist die 1952 geborene griechische Erfolgsschriftstellerin Ioanna Karystiani. Drei Romane sind bisher in deutscher Übersetzung von ihr erschienen, "Die Frauen von Andros", der Bestseller "Schattenhochzeit" und nun der vor drei Jahren in Athen erschienene Roman "Die Augen des Meeres". In allen drei Romanen spielt das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, zwischen enger Inselwelt und der Weite des Meeres, zwischen griechischer Tradition und technischer Moderne eine Rolle. Allen drei Romanen merkt man an, dass Ionna Karystianis Erzählen sich dem Anschaulichen, Szenischen verdankt.

Denn bevor sie in den 90er-Jahren mit dem literarischen Schreiben begann, war sie als Cartoonistin und lange Jahre als Drehbuchautorin tätig. Mit einem griechischen Filmregisseur, mit Pantelis Voulgaris, ist sie auch verheiratet. Sie hat selbst mehrere Dokumentarfilme gedreht, unter anderem einen Film über Christa Wolf, und arbeitete im vergangenen Sommer an einem Filmprojekt mit Martin Scorsese.

Die erste Szene ihres neuen Romans "Die Augen des Meeres" könnte umstandslos auch eine Filmszene sein: Ein weißer Kater spaziert im Morgengrauen über die Reling eines großen Ozeanfrachters. Das Schiff ist der Hauptschauplatz des Romans, es hat den mythischen Namen "Athos III", ein Handysize-Frachter mit einer Tragfähigkeit von 38.000 Tonnen mit 20 Einwohnern. Das Schiff ist ein Männerdorf, der Kapitän heißt Dimitris Avgustis, seit 60 Jahren fährt er zur See, das schwimmende Dorf aber hat er seit zwölf Jahren nicht mehr verlassen. Er kennt die Weltmeere in- und auswendig, aber seine Frau kennt er kaum mehr und seine beiden Kinder so gut wie gar nicht.

Ionna Karystiani übersetzt diese Odysseus-Geschichte in eine moderne Version mit leicht parodistischen Zügen. Denn anders als Penelope, die zu Hause wartete, bis der Ehemann nach vielen Jahren zurückkehrte, dreht die Ehefrau des Kapitäns den Spieß um: An einem Hafen geht sie heimlich an Bord, um den Seefahrer dazu zu bewegen, endlich nach Hause zu kommen. Aus dem schwimmenden Männerdorf wird eine schwimmende Familienzusammenführung, denn auch der Sohn von Dimitris Avgustis hat anonym auf dem Tanker seines Vaters angeheuert und hat dort die Stelle eines Stewarts angenommen.

Der Roman "Die Augen des Meeres" verbindet auf charmante Weise das Burleske mit dem Epischen, er erzählt den mythischsten aller griechischen Mythen neu und mit neuer geschlechtlicher Rollenverteilung.

Besprochen von Ursula März

Ioanna Karystiani, "Die Augen des Meeres",
aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2009, 305 Seiten, 22.80 EUR.