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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.08.2011

Ein Schauspielerleben in der Provinz

Michael Buselmeier: "Wunsiedel", Verlag Wunderhorn, Heidelberg 2011, 158 Seiten

Der Autor Michael Buselmeier (links) blickt zurück in seine Geschichte. (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)
Der Autor Michael Buselmeier (links) blickt zurück in seine Geschichte. (picture alliance / dpa / Ronald Wittek)

In seinem Theaterroman "Wunsiedel" lässt der Autor Michael Buselmeier sein jugendliches Ich aufleben: Nach einer Schauspielausbildung arbeitet sein Alter Ego an einem oberfränkischen Theater, wo geltungsbedürftige Schauspieler auf bessere Tage warten. Eine federleichte, kleine Sommergeschichte.

Eine verwunschene Bahnstation zwischen Wiesen und kleinen Feldern, Wirtshäuser unter rauschenden Kastanien, hutzelige Häuser, Männer auf Fahrrädern, Frauen bei der Ernte – so wirkte das oberfränkische Städtchen Wunsiedel Anfang der 60er-Jahre auf den ungestümen Moritz Schoppe. Eine sommerliche Atmosphäre durchzieht diesen autobiografisch inspirierten Roman von Michael Buselmeier, in dem sein Alter Ego nach 44 Jahren an den Ort seiner späten Jugend zurückkehrt.

Nach einer eher glücklosen Schauspielausbildung bekam Moritz Schoppe nämlich dort sein erstes Engagement: Auf der berühmten Freilichtbühne Luisenburg sollte der "Götz von Berlichingen" einstudiert und dann mehrere Wochen en suite gespielt werden. Der Intendant bestellte sogar eine Bühnenfassung des Stückes bei ihm, die Schoppe mit politischem Sendungsbewusstsein eifrig einrichtete. Unglücklicherweise stirbt ausgerechnet dieser Mann kurz vor Beginn der Probenphase, und natürlich hat sein Vertreter nichts Besseres zu tun, als eine harmlose, festspieltaugliche Version zusammenzubasteln, die im Folkloristischen schwelgt. Schoppe landet im Abseits und muss sich mit einer Nebenrolle zufriedengeben. Doch alles ist besser als die bisherigen Diener auf der Bühne seiner Heimatstadt Heidelberg, wo er noch von seiner Mutter umsorgt wird.

Eingerahmt von einer Reise nach Wunsiedel auf der Gegenwartsebene und vielen Verbeugungen vor Jean Paul lässt der Erzähler in kurzen Szenen sein jugendliches Ich aufleben und beschwört die Sommerwochen von 1964 herauf. Die Doppelung der Zeitebenen erzeugt einen reizvollen Kontrast. Wohltuend ist die ironische Distanz, mit der der abgeklärte Schoppe sich selbst als jungen Mann skizziert: Damals von den Entscheidungen des Intendanten tief gekränkt, sieht er jetzt, dass der Misserfolg sein großes Glück war – nur so fand er zu seinem eigentlichen Beruf, dem Unterrichten und Schreiben.

Voller Hoffart sei er gewesen, arrogant, gleichzeitig leicht kränkbar und verletzlich. Als ihn auch noch seine kapriziöse Freundin sitzen ließ, war es mit seiner Fassung vollkommen vorbei. Der junge Moritz Schoppe steigerte sich in die Rolle des verschmähten Liebhabers hinein und schien im richtigen Leben das bessere Theater zu liefern. Die Gepflogenheiten der Provinzbühne werden plastisch geschildert. Geltungsbedürftige Schauspieler warten auf bessere Tage, der Regisseur ist abgehalftert und passt sich an den Massengeschmack an.

Beiläufig entspinnt Buselmeier, Jahrgang 1939, Verfasser zahlreicher Prosabände, auch eine kleine ethnologische Studie der deutschen Provinz. In Wunsiedel wurde der Schriftsteller Jean Paul geboren und der ehemalige NS-Reichsminister Rudolf Heß beerdigt. War der Ort in den 60er-Jahren noch eine funktionierende Kleinstadt mit einem Sägewerk, einer Bahnstation, Landwirtschaft auf den umliegenden Höfen, Hotels und Restauration, ist es jetzt an den Rand gerückt und aus der Zeit gefallen, trotz des immer noch bestehenden Festspielbetriebs. Am Ende kehrt sein Held dem Theater den Rücken – und ist erwachsener geworden. "Wunsiedel" ist eine federleichte, kleine Sommergeschichte über die Fährnisse der Jugend.

Besprochen von Maike Albath

Michael Buselmeier: Wunsiedel
Verlag Wunderhorn, Heidelberg 2011
158 Seiten, 18,90 Euro

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