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Profil / Archiv | Beitrag vom 27.03.2013

Ein Roadtrip ins Heilige Land

Die Dominikanerin und Buchautorin Jordana Schmidt

Von Maicke Mackerodt

Schwester Jordana Schmidt (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Schwester Jordana Schmidt (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

Vier Wochen in einem alten Chevrolet, von Istanbul nach Jerusalem: Die Dominikanerschwester Jordana Schmidt ist für eine TV-Doku durch die Türkei, den Libanon, Libyen, das Westjordanland und Israel gereist. Nun hat sie über ihre Erlebnisse auch ein Buch geschrieben.

Schwester Jordana: "Was ich noch auf meinem Körper spüre, ist der Wüstenwind. Ich war in der Wüste und hatte mein Ordenskleid an und hatte Probleme, diese ganzen Stofflagen irgendwie zu sortieren, weil der Wüstenwind sie mir ins Gesicht blies und ich wirklich Mühe hatte, was zu sehen und mich bekleidet zu halten."

In ihrer weißen Ordenstracht sitzt Schwester Jordana trotzdem ganz entspannt auf einem Dromedar. Den Habit habe sie nur für ein Foto angezogen, erzählt die zierliche 44-Jährige mit den kurzen braunen Wuschelhaaren und den freundlichen Augen. Ansonsten sei der dicke Stoff des Habit in der Wüste viel zu warm. Ganz leger und sogar ärmellos gekleidet, was für eine Ordensfrau ungewöhnlich ist, reist die Dominikanerin im Herbst 2011 vier Wochen in einem roten alten Chevrolet entlang der Route des ersten mittelalterlichen Kreuzzuges. Nur das kleine Kreuz an der Halskette verrät sie als Christin.

Sie hat die Reise genossen:

"So ein bisschen Vagabundenleben zu leben, das hat mir ein Gefühl von Freiheit vermittelt, durch diese langen Straßen zu fahren, die Türkei zum Beispiel - wusste ich nicht, dass die so riesig ist. Den Wind sich um die Ohren sausen zu lassen, diese arabische Musik zu hören, weil es zu der Landschaft, zu dem Land und zu den Menschen, die ich getroffen habe, passte."

2000 Kilometer ist Jordana Schmidt, wie sie mit vollem Namen heißt, im Auftrag des ZDF mit Fernseh-Moderator Rainer Maria Jilg durch die Türkei, den Libanon, Libyen, das Westjordanland und Israel gereist. Rundum gut versorgt vom Filmteam, das sich um alles Organisatorische kümmerte, begann die Reise in Istanbul. Als sie in Konya Station machten, der Hochburg der islamischen Sufis und der tanzenden Derwische, erkannte sie ganz überrascht ein christliches Gefühl wieder.

"Dass man glücklich ist und dass man tanzen möchte, dass man singen möchte. Das haben für mich auch die Derwische ausgestrahlt, dieses Ich-konzentriere-mich-auf-Gott-und-tanze. Ich kenne diese Gefühle, diesen Impuls, das zu machen. Das mache ich aber nur für mich, eher im stillen Kämmerlein, dass ich da auch mal tanze, als dass ich auf die Straße gehen würde und sage: Juchu, Gott liebt mich. Das wäre nicht meine Art."

Eigentlich ist die quirlige Heilpädagogin Kinderdorfmutter. Sie lebt im Bethanien-Kinderdorf in Schwalmtal-Waldniel bei Mönchengladbach mit fünf Kindern zwischen zwei und neun Jahren zusammen - und hat den Spitznamen Fernsehnonne. Der Grund: 2006 sprach sie zum Grand Prix Eurovision in Athen zum ersten Mal - von Schwalmtal aus - das Wort zum Sonntag.

"Musik ist cool. Bin ich wütend oder sauer, dann nehme ich mir meine Geige zur Hand, ich spiele drauf los, ich säge richtig, bin froh, wenn mich keiner hört und ich werde noch wütender, denn ich spiele so schlecht, aber danach geht es mir echt besser."

Als Jüngste von drei Geschwistern wollte Jordana eigentlich Schauspielerin werden. Als eine Freundin ins Kloster eintrat, dachte sie monatelang darüber nach, ob sie ebenfalls berufen ist. Sie fühlte sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach eigenen Kindern und dem Ordensleben. Dann beschloss sie, den Ruf Gottes in ihr zu akzeptieren. Die 21-Jährige verschenkte alle ihre Sachen, sogar die geliebte 2CV-Ente, machte eine Abschiedsparty und war am Tag ihres Eintritts in den Orden ganz unglücklich. Der Gedanke an Keuschheit, Armut und Ehelosigkeit machte ihr Angst. Zu ihrer Überraschung ließ ihr der Dominikaner-Orden viele Freiheiten. Sie ist mittlerweile Familientherapeutin, hat ein iPhone, ein eigenes Zimmer, ein Auto.

"Ich genieße es, dass ich mich voll auf meine Arbeit konzentrieren kann", sagt die Kinderkrankenschwester und wirkt glaubhaft, wenn auch übernächtigt, weil es anstrengend ist, sich rund um die Uhr um fünf kleine Kinder zu kümmern. Eines ihrer Herzensprojekte ist die CD "Echte Kinderrechte". 50 Kinder aus den drei Bethanien-Dörfern singen eigens für sie komponierte Lieder:

"Wenn ein Kind, das selber geschlagen wurde, plötzlich singen kann, keiner darf mir weh tun, das ist unglaublich, was da passiert. Da kriege ich jetzt noch Gänsehaut, das ist was ganz Besonderes und nicht einfach nur ein Text, der da gesungen wird."

Mittlerweile hat Schwester Jordana über ihre Reise mit dem ZDF-Filmteam ein lesenswertes Buch geschrieben: "Auf einen Tee in der Wüste". Sie erzählt, wie sie mit Flüchtlingselend und Bürgerkrieg an der syrischen Grenze konfrontiert wird oder mit muslimischen Frauen über Kopftuch und Karriere spricht. Wie sie mit einem ehemaligen Soldaten die Geisterstadt Hebron besucht oder ihr in einem Altenheim israelische Senioren erzählen, wie sie dem Holocaust entkommen sind. Als sie das Hisbollah-Kriegs-Museum im Libanon besucht, wird ihr geraten, das Kreuz zu verstecken.

"Das war in einem muslimischen Land auch schon mal was Besonderes, dass man sich da outet und sagt: Hier ich bin Christ. Mir ging das in Antakya so, das ist das alte Antiochia, die Paulusstadt, dass es da ein gutes Miteinander zwischen Moslems und Christen gibt und dass ich da mit meinem Kreuz sehr viele positive Reaktionen hervorgerufen habe: Ein Gruß und ein Lächeln, ein ‚ich gehöre auch zu der Fraktion‘."

Die ganze Reise sei für sie eine Gotteserfahrung gewesen. Sie spricht nicht nur mit wildfremden Menschen über deren Glauben, sondern setzt sich auch mit ihrer eigenen Frömmigkeit auseinander. In Tel Aviv begegnet sie dem Juden Ezra Brautmann, einem früheren deutschen Geschäftsmann und spricht mit ihm über Berufung.

"Wo ich nur da saß und ihn anstrahlte und dachte: Genauso könntest du auch von Gott erzählen. Ich bin Menschen begegnet, die Gott wirklich gesucht haben in der Tiefe und die ihn gefunden haben, da habe ich gemerkt, wir sind uns gleich. Ich habe Fundamentalisten in allen Religionen getroffen und da unterscheiden wir uns sehr, aber in der Tiefe glaube ich, dass wir alle an den einen Gott glauben."

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