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Religionen / Archiv | Beitrag vom 10.12.2011

Ein Priester gegen die Mafia

Immer mehr Menschen wehren sich gegen die Drogenbanden in Mexiko

Von Wolf-Dieter Vogel

Der Priester Alejandro Solalinde (dpa / picture alliance / Sashenka Gutierrez)
Der Priester Alejandro Solalinde (dpa / picture alliance / Sashenka Gutierrez)

Migranten, die auf dem Weg in die USA sind, sind für die Mafia in Mexiko ein leichtes Opfer. Immer wieder werden sie entführt. Ein katholischer Geistlicher geht dagegen vor. Unterstützt wird er unter anderem von einem Schriftsteller.

Die Bestie kommt meist am späten Abend, manchmal auch tief in der Nacht. Und jedes Mal, wenn sie in Ixtepec eine Verschnaufpause einlegt, beginnt für Pfarrer Alejandro Solalinde und seine Leute ein neuer Einsatz. Denn der Güterzug, den alle "la bestia" nennen, bringt zahlreiche Migrantinnen und Migranten in die Kleinstadt im mexikanischen Süden. Menschen aus Guatemala, Honduras oder El Salvador, die sich auf den Weg in die USA gemacht haben. Für sie hat der Geistliche eine Herberge geschaffen, in der sie sich stärken können, bevor die gefährliche Reise in den Norden weitergeht:

"Ich habe eine Mission. Jesús hat mich beauftragt, mich um die Migranten zu kümmern und sie zu schützen."

Etwa 50 Reisende sind an diesem Morgen in der Herberge, einige von ihnen nehmen an einer Messe teil, die Solalinde hält. Viele haben Schlimmes hinter sich. Manche mussten erleben, wie ihre Freunde vom Dach eines Waggons stürzten. Andere wurden von Banden ausgeraubt. Für Noel Canales aus Honduras ist die Herberge deshalb eine große Hilfe:

"Hier können wir uns besinnen und ausruhen, bekommen etwas zu essen und sammeln neue Kräfte."

Dennoch stellten sich viele gegen Solalinde, als der katholische Priester 2006 seine Herberge mit dem Namen "Brüder auf dem Weg" eröffnete: Der Gemeindepräsident, die Polizei und der Gouverneur des Bundesstaates Oaxaca gingen gegen den 66-Jährigen vor. Man steckte ihn ins Gefängnis, Schlägertruppen versuchten, die Gebäude niederzubrennen. Für Solalinde gibt es keinen Zweifel über den Hintergrund der Angriffe:

"An keinem anderen Ort kann man bessere Geschäfte mit der Ausbeutung der Migranten machen. Die Stadt liegt auf der von den Wanderarbeitern am meisten benutzten Route."

Der Padre berichtet über Polizisten und Migrationsbeamten, die von den Reisenden Geld erpressen – und von den vielen Entführungen. Allein zwischen April und September letzten Jahres zählte die Staatliche Menschenrechtskommission über 11.300 entführte Migrantinnen und Migranten. Hinter diesen Aktionen stecken meist die Zetas, Mexikos brutalste Mafia-Organisation. Auch der Guatemalteke Franzisco Martínez geriet in die Fänge des Kartells. Die Kriminellen zwangen ihn sowie zehn Mitreisende, vom Zug zu steigen und mitzukommen. Martínez landete in einem der klandestinen Häuser, die von den Zetas entlang der Bahnstrecke unterhalten werden:

"Einige von uns folterten sie mit Holzlatten oder schnitten ihnen einen Finger ab. Andere verschwanden. Ich habe keine Ahnung, ob sie ermordet wurden. Wenn die Typen auf Drogen sind und nicht die Wahrheit aus dir herausholen können oder du keine Familie hast, kann es sein, dass sie dich in Stücke schneiden und diese in den Fluss werfen."

Martínez hatte Glück: Er konnte seinen Entführern die Telefonnummer seiner Familie in den USA geben. Nachdem die Mutter 5000 Dollar Lösegeld gezahlt hatte, kam er wieder frei. Auch Solalinde weiß, wie gefährlich die Zetas sind. Mit eigenen Augen konnte er sehen, wie sich die Mafia unter dem Schutz korrupter Polizisten in Oaxaca breit gemacht hat. Als dort vergangenes Jahr Migranten entführt wurden, erstattete er Anzeige – gegen die Zetas. Zunächst dachte er, er werde nun bald sterben. Dass er noch am Leben ist, dafür hat der Padre mittlerweile eine Erklärung gefunden:

"Die Zetas und auch die anderen Kartelle agieren nicht alleine. Ihre Chefs und Beschützer sitzen weit oben, in der Politik. Die Zetas und ihre Killer denken nicht nach, die Politiker schon. Sie wissen, was passiert, wenn sie mich ermorden: Sie bekommen auf nationaler und internationaler Ebene große Probleme. Der politische Preis wäre sehr hoch."

Unterstützung bekam Solalinde von der Bewegung für Frieden in Gerechtigkeit und Würde. "Kein weiteres Blutvergießen" forderten die rund 700 Aktivistinnen und Aktivisten, als sie im September mit einer Karawane durch den Süden Mexikos zogen. Im Blick haben sie nicht nur den Terror der Zetas und anderer Kartelle. Sie kritisieren auch den Präsidenten Felipe Calderón. Denn seit der Staatschef 2007 das Militär gegen die Mafia mobilisiert hat, ist die Gewalt eskaliert, über 50.000 Menschen sind gestorben. Mindestens 10.000 sind verschwunden, viele von ihnen, als sie in Gefangenschaft von Polizei und Militär waren.

Korruption, Straflosigkeit, fehlende Sozialprogramme und ein unfähiger Sicherheitsapparat seien für die katastrophale Lage verantwortlich, erklärt Javier Sicilia. Der Schriftsteller und Dichter ist die Leitfigur der Bewegung. Seit sein Sohn von Killern der Mafia erschossen wurde, widmet er sein Leben dem Kampf gegen die Gewalt. Inspiriert von der Befreiungstheologie hat er es geschafft, unterschiedliche gesellschaftliche Schichten zu mobilisieren: Konservative und Linke, Gläubige und Atheisten, Wohlhabende und Arme:

"Wir haben die Unterschiede und die ideologisch motivierten Vorurteile überwunden, die uns entzweien, und versuchen, die Tiefe des menschlichen Seins zu berühren. Mir gefallen sehr die Metaphern von Jesus im Evangelium, in denen von einem Senfsamen die Rede ist, der einen riesigen Baum hervorbringt, auf dem Vögel sitzen können. Als Christ glaube ich, dass dieser Samen die Substanz des Menschen ist."

Immer wieder spielt die christliche Ausrichtung Sicilias eine Rolle, einige Demonstrationen nannten die Aktivisten "Prozessionen". Von einer explizit religiösen Bewegung will der 55-Jährige jedoch nicht sprechen:

"Es ist eine spirituell inspirierte Bewegung mit religiösen Gesten. Wenn wir
Rosenkränze mit uns tragen, dann sind das nur Symbole, Zeichen einer Spiritualität, die sich manchmal religiös ausdrückt, damit das mexikanische Volk sie versteht."

Durchs ganze Land sind die Aktivisten gereist, überall hat Sicilia Gerechtigkeit eingeklagt, hat dazu aufgerufen, die Politiker zum Handeln zu zwingen:

"Auf unseren Karawanen wurde der ganze Dreck sichtbar, der in unserem Land existiert und den regionale, bundesstaatliche und föderale Behörden verschleiern wollen. Wir haben sehr viele Mütter getroffen, deren Kinder verschwunden sind. Und keine Familie weiß, warum."

Auch Julia Alonso aus Acapulco hat sich der Bewegung angeschlossen. Vor knapp vier Jahren wurde ihr Sohn verschleppt. Bis heute weiß sie nicht, was mit ihm geschehen ist. Wurde sein Körper für den Organhandel benutzt? Lebt er noch? Wird er an einem geheimen Ort festgehalten? Regelmäßig ist die 54-Jährige zur Polizei gegangen, doch die hat sich nie um ihren Fall gekümmert. Nun sammelt Alonso mit ihren Mitstreitern die Daten der Verschwundenen. Auch mit Staatschef Calderón haben sie sich getroffen. Allerdings vergeblich:

"Bis heute ist keiner der Verschwundenen aufgetaucht. Das weiß auch der Präsident. Von allem, was er versprochen hat, hat er absolut nichts eingehalten. Wir Mütter haben uns umarmt, haben zusammen geweint und uns gesagt: wir werden überall hingehen, um unsere Kinder zu suchen. Auch wenn wir unser Leben riskieren."

Die Menschenrechtler leben gefährlich. Erst letzte Woche wurde ein Aktivist erschossen, der dafür gekämpft hatte, dass das Verschwinden seines Sohnes aufgeklärt wird. Und Padre Solalinde hat inzwischen vier bewaffnete Leibwächter. Mehr Unterstützung hatte er sich jedoch von den Kirchenoberen erhofft. Weniger, um ihn zu schützen, sondern um den Migranten zu helfen. Schließlich seien sie es, die unter der eskalierten Gewalt am meisten leiden. Die katholische Hierarchie jedoch hat für Solalindes Einsatz wenig übrig. Eine Haltung, die der Padre nicht nachvollziehen kann:

"Die Migranten sind das, was die Kirche eigentlich sein sollte: arm, sichtbar und immer in Bewegung, wie ihr Lehrer. Ich verstehe nicht, aus welchem Konzept unsere jetzige Kirche entstanden ist. Jesus jedenfalls war ein hundertprozentiger Migrant. Einer, der ständig unterwegs war."

Der Honduraner Noel Canales und seine Freunde machen sich indes wieder auf den Weg. Zwei Tage haben sie in Solalindes Herberge Pause gemacht, nun geht es weiter. Auf den Gleisen, gleich neben der Herberge, ist der Zug bereits eingefahren:

"Mir geht es sehr, sehr gut. Ich bin psychisch gut auf die Reise vorbereitet und weiß, dass mich unser Herr bis an mein Ziel begleitet, bis in die USA."

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