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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.07.2005

Ein Originalton-Feuerwerk

Hörbücher zum 100. Geburtstag von Elias Canetti

Von Lutz Bunk

Elias Canetti. (DRadio)
Elias Canetti. (DRadio)

Das Feature "Elias Canetti – Leben und Werk" von Caroline Naab enthält ein mit allen in Archiven verfügbaren Auftritten Canettis gespicktes Originalton-Feuerwerk. Ebenfalls auf CD erschienen ist das Hörspiel "Die Blendung" nach Canettis gleichnamigen Roman, eine Koproduktion von NDR, BR, ORF und Deutschlandradio Kultur.

"Kerls, wollt ihr ewig leben ? Ja !"

Zeitlebens hasste er den Tod. Tief in seiner Schriftsteller-Seele protestierten dagegen der Komödiant und das ewige Kind in Elias Canetti, Herzens-Wiener, beigesetzt in Zürich in einem Ehrengrab neben James Joyce, Muttersprachen: Hispano-Jiddisch, Bulgarisch, Türkisch, Englisch und Deutsch. Eine schier unlösbare Aufgabe, Leben und Werk von Elias Canetti zu porträtieren

Elias Canetti im Winter 1945/46:
"Wenn das Frühjahr kommt, wird die Trauer der Deutschen ein unerschöpflicher Brunnen sein, und es wird sie von den Juden nicht mehr viel unterscheiden. Hitler hat die Deutschen zu Juden gemacht, in einigen wenigen Jahren, und deutsch ist nun ein Wort geworden, so schmerzlich wie jüdisch. Hitler müsste jetzt als Jude weiterleben."

In einem mit allen in Archiven verfügbaren Auftritten Canettis gespickten O-Ton-Feuerwerk, von Karl Kraus bis Theodor Adorno, erschließt das Feature von Caroline Naab die Entstehungsgeschichte seines Werkes, die seiner Rezeption und vor allem auch den Menschen Canetti, der erst mit 7 Jahren, nach dem Tod seines Vaters, die deutsche Sprache erlernte, in der er Zeit seines Lebens schrieb.


"Ich hörte sehr oft das Wort Wien z.B., und das war auch das einzige Wort, das sie mir erklärten, sonst sprachen sie Deutsch, wenn sie vor uns Kindern etwas geheim halten wollten, und Kinder sind sehr neugierig, ich wollte unbedingt wissen, was es war, aber sie sagten mir nichts, und ich erinnere mich genau, dass ich manchmal in ein anderes Zimmer ging und diese deutschen Worte für mich übte wie magische Laute, ohne sie zu verstehen, ich konnte dann ganze Sätze im richtigen Tonfall in der richtigen Geschwindigkeit, aber es war noch keine richtige Sprache."

Und Karoline Naab versammelt Augenzeugen, erschließt jenes eher unbekannte Enfant Terrible Canetti, der eine Zeitlang mit 4 Frauen gleichzeitig freizügig in einer
ménage á quatre zusammen lebte, seine Manuskripte aber am liebsten bis an sein Lebensende verborgen gehalten hätte.

"Wenn Canetti nur mit seinen Manuskripten rausrückte, es ist ja das umfangreichste Werk eines Zeitgenossen, es müssen fast drei fertige Romane da sein, eine Unzahl Skizzen, Novellen und Erzählungen, ein neues Drama wird bald fertig, und dann 8 Bände Aphorismen. Robert Neumann
: er arbeitet ununterbrochen, seit ich ihn kenne, sein Schreibtisch: blank polierte Riesenplatte, auf der höhnischerweise nichts liegt als 30 haarfein gespitzte, nebeneinander der Größe nach hin geordnete Bleistifte. Ich besuchte Canetti in Hamashon, ich begegnete ihm auf einem schmalen Weg zwischen Gärten, er war in alten schäbigen Kleidern und hatte eine Tellermütze auf dem Kopf, er war sehr lieb und offenherzig, aber irgendwie mit einer Weichheit, einem Schatten von Weichheit , die mir von schweren inneren Konflikten herzurühren scheint."

Karoline Naab: Elias Canetti: Leben und Werk, das Portrait eines wahren Europäers und eine atemberaubende Reise durch das 20. Jahrhundert, eine Feature-Perle, produziert vom Hessischen Rundfunk. Und ebenfalls empfehlenswert bietet der Hörverlag München dazu auch noch eine Hörspiel-Version von Canettis einzigem, 1935 erschienen Roman "Die Blendung" an, eine frühe, grotesk-wienerische Auseinandersetzung mit dem Faschismus, in der Canetti die Zwänge der spießbürgerliche Ehe als Metapher für eine schleichende, sich radikalisierende Verwahrlosung des Intellektuellen an sich in der Gesellschaft verwendet.

"Bitte Herr Mörder, Ruhe, Ruhe ! Bitte, da ist das Essen. Unsinn, das Essen wird der Hausbesorger schicken. Er schickt mich ja, ich muss, hab ich vielleicht selber wollen. Ich will kein Essen. Ach was ich lass es fallen, es ist schade um das schöne Essen. Bitte, das nicht vorhandene Essen ruhig fallen zu lassen, denn eins, meine liebe Leiche, will ich Ihnen gleich sagen, Angst habe ich keine, die Zeiten sind vorbei, Gespenstern reiße ich die Larven vom Leibe. Ich höre noch immer kein Essen fallen, sollte ich das Geräusch überhört haben?"

Opulent mit 16 Stimmen in Szene gesetzt: Und "Die Blendung" endet mit Canettis unausgesprochenem Lebens-Motto: lachen im Angesicht des Todes:

"Als die Flammen ihn endlich erreichen, lacht er so laut, wie er sein Leben lang nicht gelacht hat."

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