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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.04.2011

Ein Niemand von nirgendwo

John Burnside: "Lügen über meinen Vater", Knaus Verlag, München 2011

Der Vater des Ich-Erzählers ist ein einfacher Arbeiter im Bergwerk (AP)
Der Vater des Ich-Erzählers ist ein einfacher Arbeiter im Bergwerk (AP)

Der Erzähler arbeitet sich an seinen Erinnerungen an einen wahren Vater-Unhold ab, der ihm mit seiner Brutalität die Kindheit und Jugend vergällte. Er muss grandiose Legenden erfinden, um diesen Ur-Schmerz zu betäuben.

Der schottische Erzähler und Lyriker John Burnside, Jahrgang 1955, ist einer der bedeutendsten und eigenwilligsten britischen Gegenwartsautoren. Er hat bisher neun Prosabücher und ein Dutzend Gedichtsammlungen veröffentlicht. Auf Deutsch liegen bereits die Romane "Die Spur des Teufels" und "Glister" vor.

"Lügen über meinen Vater" ist autobiografisch, besteht aber darauf, zugleich ein Werk der Fiktion zu sein. In diesem Frühjahr der vielen Vater-Sohn-Geschichten (von Arno Geiger über Thomas Harlan bis Hanif Kureishi) unterscheiden sich Burnsides Vater-Erinnerungen von allen anderen durch die Wucht und Gewalt der zerstörerischen und selbstzerstörerischen Vater-Sohn-Beziehung, die darin zur Sprache kommt. Der Sohn als Ich-Erzähler arbeitet sich an seinen Erinnerungen an einen wahren Vater-Unhold ab, der ihm mit seiner Brutalität die Kindheit und Jugend vergällte und immer noch, viele Jahre nach seinem Herztod neben dem Tresen einer Kneipe, seine Gedanken heimsucht.

Der Vater, ein einfacher Arbeiter erst in der schottischen Bergwerksstadt Cowdenbeath und dann in der englischen Stahlstadt Corby, war ein Säufer, Spieler und Gewalttäter, der seine Familie mit seinen Wutanfällen tyrannisierte, seinen Sohn prügelte und den Wochenlohn in der Kneipe vertrank. Er war außerdem ein zwanghafter Lügner: Praktisch alle fantastischen Geschichten aus seinem Leben, die er seinen Saufkumpanen auftischte, waren erlogen. Den Grund dafür entdeckt der Sohn erst lange nach dem Tod des Vaters. Dessen schamvoll verstecktes Trauma war seine Herkunft: Er war ein "Niemand von nirgendwo", ein ausgesetztes und an fremder Türschwelle abgelegtes Findelkind, "das kein Mensch gewollt hatte". Er musste grandiose Legenden über sein Leben erfinden, um diesen Ur-Schmerz zu betäuben und sich überhaupt als Jemand fühlen zu können.

In der Pubertät beginnt sich der Sohn gegen den Vater und dessen grausames Männerbild aufzulehnen: Er will nicht so werden wie der Vater. Nach dem Tod der Mutter verhärtet sich die Beziehung zwischen beiden zu purem Hass, nach einem halbherzigen Mordversuch am Vater hält es den Sohn nicht länger daheim. Jahrelang treibt er sich als Gelegenheits-Jobber in England herum. Das letzte Drittel des Buches beschreibt die Abstürze des Sohnes in selbstzerstörerische Alkohol- und Drogenexzesse, die ihn zweimal in der Psychiatrie landen lassen. Erzählt wird von Wahnsinn, Psychose, Depression und Selbstmordversuchen: Der Sohn, der die Gewalt- und Lügenwelt des Vaters so inbrünstig ablehnte und bekämpfte, muss erkennen, dass er dem Vater ähnlicher ist, als ihm lieb sein kann. In Parallelen, Doppelungen und Spiegelungen wiederholt sich die selbstzerstörerische Geschichte des Vaters in der des Sohnes. "Wenn der Sohn in den Spiegel schaut, blickt ihm der eigene Vater entgegen", heißt es an einer Stelle. Der Bibelspruch bestätigt sich: Die Söhne werden heimgesucht von der Väter Missetaten.

"Lügen über meinen Vater" erzählt die vielschichtige, widersprüchliche, abgründige und schockierende Auseinandersetzung mit einer überlebensgroßen Vaterfigur. Der Sohn bringt es am Ende fertig, dem Vater zu vergeben, doch vergessen kann er nicht, was ihm vom Vater angetan wurde.

Besprochen von Sigrid Löffler

John Burnside: Lügen über meinen Vater. Roman
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Knaus Verlag, München 2011
382 Seiten, 19,99 Euro

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