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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.08.2011

Ein Musiker im Pop-up-Urwald

Laëtitia Devernay: "Applaus", München 2011, 132 Seiten

In "Applaus" können Kinder staunen statt lesen.  (Stock.XCHNG / joana franca)
In "Applaus" können Kinder staunen statt lesen. (Stock.XCHNG / joana franca)

Mit Tusche zeichnet die junge französische Künstlerin Laëtitia Devernay in dem Bilderbuch "Applaus" eine Geschichte über einen Dirigenten. Mit dem Kinderbuch gelingt ihr ein Debüt, das das freie Spiel der Formen und den Reichtum der Musik feiert. Das Buch wurde mehrfach ausgezeichnet.

Der Pop-up-Urwald ist groß und so braucht es eine Weile, bis man das kleine Faultier ausgemacht hat. Inmitten des Grüns, in der Gesellschaft von Papageien, Affen, Ameisenbären und auch einiger Menschen, hängt es in einem Baumwipfel. Eine Idylle, doch der Schein trügt. Blättert man um, hat sich ein riesiges Fahrzeug seinen Weg durch den Dschungel gefräst.

Hier passiert Schreckliches, das wird sofort klar, wenn Pop-up für Pop-up die Rodungsmaschinen – in grellem Gelb und Rot dargestellt – immer zahlreicher werden, und die Bäume immer weniger. Die Vögel fliehen als erste, schließlich rennen die übrigen Tiere und die Menschen buchstäblich aus dem Bild. Alle sind alarmiert – nur das Faultier nicht. Es schläft bis zuletzt, auf dem einzig noch stehenden Baum, der schließlich auch noch abgeräumt wird. Fünf Pop-up-Doppelseiten reichen Anouck Boisrobert und Louis Rigaud, um die Katastrophe mit ebenso einfacher wie eindrücklicher Falttechnik abzubilden. Der begleitende Erzähltext besteht aus wenigen Sätzen, den totalen Kahlschlag illustrieren zwei weiße Seiten. Der Wald ist weg. Nichts popt mehr auf. Aber steht da nicht ein kleiner Mensch mit einem Samentütchen? Und ist da nicht eine Papierlasche, an der sich ziehen lässt? Und tatsächlich, tut man es, geschieht ein Wunder.

Es ist allein die Kraft der Bilder, auf die sich dieses Kinderbuch verlässt, und dennoch könnte es seine Botschaft kaum eindrücklicher transportieren. Präzise und filigran gezeichnet, gemalt und schließlich gefaltet lassen die französischen Gestalter eine Welt entstehen, vergehen und wieder entstehen. Und dass sich in der Realität nicht an einer Lasche ziehen lässt, weiß jedes Kind.

Poetischer, subtiler, künstlerischer und gänzlich ohne Worte "erzählt" Laëtitia Devernay in einem Leporello-Buch ihre Bildergeschichte über einen Dirigenten und die Welt der Musik. Dabei sind ihr Bilder von solcher Anmut und Schönheit gelungen, dass die Geschichte des Dirigenten, der mit seinem Taktstock in den Wald geht, fast in den Hintergrund rückt. Es sind die Blätter der Bäume, die sich zur vom Dirigenten angeschlagenen Musik erheben und wie Vögel in die Lüfte schwingen. Über 132 Seiten schwärmen sie aus und bilden – in wunderbar reduzierter Farbigkeit, einzig auf Hell-Dunkel-Kontraste setzend – Formationen, Muster, Girlanden und Ornamente. Unterschiedlich in Form und Größe, mal fein schraffiert, mal flächig ausgemalt, mal einzeln über zwei Seiten schwebend, mal als Reihe auftretend, mal wie ein Vogelschwarm fliegend, mal im Anschnitt, mal im Detail gezeigt, werden sie zu Sinnbildern von Rhythmen, Harmonien und Melodien.

Da das Leporello nur an der vorderen Umschlagklappe befestigt ist, kann man in dem Buch nicht nur blättern, sondern zudem je nach Belieben einige, viele oder auch sämtliche Seiten ausfalten und bis zu einem neun Meter langen Gesamtbild werden lassen. Damit gelingt Devernay ein Buchkunstwerk, das das freie Spiel der Formen feiert und den Reichtum der Musik in Bildern ausdrückt. Einfach großartig!

Besprochen von Eva Hepper

Laëtitia Devernay: Applaus
aus dem Französischen übersetzt von Sarah Pasquay
mixtvision Verlag, München 2011
132 Seiten, 19,90 Euro

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