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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.04.2009

Ein Mittelalterfreak auf Reisen

Tod Wodicka: "Der amerikanische Ritter", Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009, 300 Seiten

Die Frankfurter Skyline sähe so aus "wie die von New York, wären ihr acht Zehntel ihrer Zähne ausgeschlagen worden". (AP)
Die Frankfurter Skyline sähe so aus "wie die von New York, wären ihr acht Zehntel ihrer Zähne ausgeschlagen worden". (AP)

Einen schönen Mummenschanz setzt der amerikanische Schriftsteller Tod Wodicka in seinem Debütroman "Der amerikanische Ritter" in Szene. Mit beinahe Twainschem Sarkasmus lässt er seinen Erzähler, den verkrachten Geschichtslehrer Burt Hecker, zunächst von einer Reise in deutsche Lande berichten, wohin es ihn anlässlich des 900. Geburtstages der Mystikerin Hildegard von Bingen verschlägt.

Verwundert registriert Hecker alias Eckbert Attquiet, wie er sich als Mittelalter-Rollenspieler nennt, die Frankfurter Skyline, die aussähe "wie die von New York, wären ihr acht Zehntel ihrer Zähne ausgeschlagen worden", die gepflegten Industrielandschaften, die "eitle Teenager im Vergleich zu den kettenrauchenden, nüchternen Fabrikanlagen der Neuen Welt" seien, sowie die restaurierten Burgen am Rhein, die, "ununterbrochen von Scheinwerfern angestrahlt und unablässig von unserer oberflächlichen Modernität ins Kreuzverhör genommen", vergeblich "im Fluss ihre Spiegelbilder" suchten.

Dann jedoch, auf halber Länge des Buches, nach einer Autofahrt vom rheinischen Rüdesheim ins böhmische Prag, begleitet von Szenen, die an die Bilder eines Hieronymus Bosch erinnern, ändert sich der Ton des erzählenden Sonderlings mit der überdimensionierten Nase. Die bissige Ironie, der ätzende Spott weichen einer zusehends bitteren Melancholie, und unter der Tarnkappe des Yankees, der sein Leben der Wiedererlangung einer verlorenen Zeit verschrieben hat, tritt ein fahrender Büßer zutage, ein zutiefst verstörter Mann, der alte Schuld wiedergutmachen und seine Familie zurückgewinnen will, die er durch sein närrisches Gehabe vergrault hat.

Jetzt erfährt der Leser, was es mit jenem anfangs so schreiend komisch geschilderten Autounfall unter dem Einfluss von zuviel Met auf sich hatte, der den Mittelalterfreak erst in die Klauen der Polizei, danach im Zuge einer richterlich verordneten Aggressionsbekämpfungstherapie zu einem Gregorianikworkshop und schließlich zum Jubelfest der heiligen Hildegard nach Europa geführt hat. Und warum der Mann aus Queen Falls im Staat New York diese Reise ohne Rückflugticket antrat, weshalb die Tochter nach dem Krebstod der Mutter nach Kalifornien floh, der Sohn die mühsam nachgebauten mittelalterlichen Instrumente und sämtliche Gefäße mit selbstgebrautem Met zerschlug und mit der aus den Karpaten stammenden Großmutter die Flucht nach Polen ergriff.

Dem 33-jährigen, in Berlin lebenden Tod Wodicka ist mit "Der amerikanische Ritter" ein erstaunliches, eindringliches und ungemein intelligentes Debüt von einer faszinierenden sprachlichen Kraft gelungen, ein ergreifendes Plädoyer für das Loslassenmüssen, den Verzicht auf die Suche nach einer verlorenen Zeit, damit man einen neuen Anfang machen und weiterleben kann.

Irreführend ist lediglich der deutsche Titel, denn ein Ritter ist dieser Held von der jämmerlichen Gestalt gewiss nicht. Der Originaltitel des Buches lautet denn auch "All Shall Be Well; And All Shall Be Well; And All Manner of Things Shall Be Well". Das stammt von der mittelalterlichen Mystikerin Juliana von Norwich und heißt auf Deutsch "Alles wird gut, und alles wird gut, und alles, alles wird gut".


Rezensiert von Georg Schmidt


Tod Wodicka
Der amerikanische Ritter

Übersetzt von Anke Caroline Burger
Klett-Cotta
300 Seiten, 19,90 EUR

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