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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.12.2012

Ein Meer an Geschichten

Simon Winchester: "Der Atlantik", Knaus Verlag, München 2012, 528 Seiten

Simon Winchester erzählt vom Atlantik - aus etlichen verschiedenen Blickwinkeln. (picture-alliance/ dpa)
Simon Winchester erzählt vom Atlantik - aus etlichen verschiedenen Blickwinkeln. (picture-alliance/ dpa)

Wer an der französischen oder portugiesischen Atlantikküste steht und die Wellen auf sich zurollen sieht, verspürt unmittelbar die Faszination dieses Weltmeeres. Auch der englische Wissenschaftsjournalist Simon Winchester ist ihr erlegen. Er widmete sich der Natur- und Kulturgeschichte des Atlantiks –herausgekommen ist so ein Buch wie das Meer selbst: Stellenweise tiefgründig und somit voller Wissen und Historie, aber auch angefüllt mit Seemannsgarn und mitunter recht seicht.

Simon Winchester betrachtet den Atlantik als lebendiges Wesen und schreibt daher dessen "Biografie", gespiegelt vor allem in der Menschengeschichte. Die Entstehung des Meeres streift er nur kurz und berichtet wie vor etwa 195 Millionen Jahren der Urkontinent Pangäa aufbrach, die Erdplatten sich verschoben, bis vor etwa zehn Millionen Jahren das heutige Aussehen der Erde entstand. Viel mehr interessierten Winchester die ersten Seefahrer, Phönizier, die sich aus dem Mittelmeer hinaus auf den damals unbekannten Ozean wagten, da es vor der Küste Westafrikas wertvolle Purpurschnecken gab. Er schreibt über Pytheas, der im vierten vorchristlichen Jahrhundert aus dem Mittelmeer bis ins Nordpolarmeer segelte, von den Fahrten der Wikinger und schließlich den ersten Atlantiküberquerungen, den später aufgegebenen Siedlungen der Wikinger auf Neufundland und den Entdeckungen des Kolumbus und seiner Nachfolger.

Das alles ist wunderbar stimmig beschrieben, oft voller Atmosphäre und garniert mit persönlichen Anekdoten. Simon Winchester unterhält blendend, er spielt mit Sehnsüchten und Erfahrungen und vermittelt nebenher viel Detailwissen. Es gibt tolle Kapitel über Piraten, über die Fischerei nach Kabeljau und deren böse Folgen, die Verlegung der Transatlantik-Kabel, den Slavenhandel, den Walfang oder auch über Menschen wie Malcom Mclean, einen Lkw-Fahrer aus North Carolina, der den Container erfand. Kapitel, die brillant und unterhaltsam sind, so gut, dass man darüber leicht vergisst, welche Schwächen das Buch besitzt.

Denn der Autor will zu viel: Er scheitert an der Überfülle der Themen, an seinem riesigen Zettelkasten von Motiven und Überlieferungen und der Idee, das alles in ein Buch zu packen. So scheinen manche Kapitel eher der Vollständigkeit halber aufgenommen. Andererseits hat Simon Winchester wenig darüber zu sagen, wie sich das Meer in Malerei, Musik oder Literatur niederschlägt. Außerdem ist das Buch von einer angloamerikanischen Sicht geprägt, Europa und Südamerika spielen eine untergeordnete Rolle. So wird der Vertrag von Tordesillas, der dazu führte, dass Spanien seine Entdeckungsfahrten auf dem Atlantik ausweitete, überhaupt nicht erwähnt.

Und so haftet dem Buch eine Schwäche an, die auch von Simon Winchester großartigen Erzählungen nicht ausgeglichen wird. Aber vielleicht gehört das zu einem Buch über das Meer dazu: Mal sind die Wellen mächtig, dann wieder herrscht Ebbe.

Besprochen von von Günther Wessel

Simon Winchester: Der Atlantik. Biografie eines Ozeans
Aus dem Englischen von Michael Müller
Knaus Verlag, München 2012
528 Seiten, 29,99 Euro

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