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Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.09.2013

Ein Mann packt aus

"Ich habe verstanden" - Uraufführung des Politikermonologs von Lukas Hammerstein in Münster

Von Stefan Keim

Stadttheater der Städtischen Bühnen in Münster (picture-alliance / Rolf Vennenbernd)
Stadttheater der Städtischen Bühnen in Münster (picture-alliance / Rolf Vennenbernd)

Ein Politiker hat gelogen. Nun leistet er in seiner Rücktrittsrede Abbitte - und die Zuschauer fahren darauf ab. Das Ein-Mann-Stück am Theater Münster "Ich habe verstanden" besticht durch seinen klaren Blick auf die Mechanismen der Medien, zeigt aber auch die Zumutungen, denen sich ein Mensch aussetzt, der Politiker sein will.

Theater zur Bundestagswahl: Direkt nach der zweiten Hochrechnung zeigte das Theater Münster die Uraufführung eines Auftragswerkes. Lukas Hammerstein hat den Monolog eines zurück tretenden Politikers verfasst, einen satirischen, zynischen Text, der die Mechanismen der Macht zeigt. "Ich habe verstanden" heißt das einstündige Stück.

Der gut aussehende, fünf- bis sechstagebärtige Mann im eleganten Anzug brabbelt vor sich hin. Es sind Politikersprachhülsen, lieblos ineinander gewurstelt. Als würde er Vokabeln lernen, allerdings in einer toten Sprache. Der Mann will zurücktreten. Er übt seine Rede. Eine Kamera steht bereit, die Studiobühne U 2 im Keller des Theaters Münster ist gut ausgeleuchtet. Aber keiner kommt.

Dieser Politiker hat keine Wahl verloren und auch keine Doktorarbeit gefälscht. Er hat sich in den Fäden einer erfundenen Biografie verfangen. Die rührende Geschichte, wie er – ein Waisenkind – bei seiner armen Tante aufwuchs und für sie kämpfte, als sie sterbend nicht die beste medizinische Versorgung bekam – alles gelogen. Der Mann packt aus, in einer Fernseh-Talkshow. Ein Wunder geschieht, seine Glaubwürdigkeitswerte steigen nahe an die hundert Prozent. "Ich habe gelogen, um die Wahrheit sagen zu können", meint der Politiker. Und die Zuschauer fahren darauf ab. Wenn ein Politiker zugibt, dass er lügt, dann glauben ihm die Leute.

Lukas Hammersteins Stück ist ein vielschichtiges und intelligentes Spiel mit der Wahrheit. Ups, "vielschichtig" darf ein Politiker niemals sagen, sonst wird er nicht gewählt. Früher wollte das politische Theater den Mächtigen die Hosen herunter ziehen und ihre Fassaden durchbrechen. Heute stellt Hammerstein die Frage, ob wir wirklich den wahren Menschen sehen, wenn er in einem Handyvideo auf Youtube über Partei und Wähler lästert.

Soll ein Politiker nicht auch mal, wie jeder andere auch, im privaten Rahmen Dampf ablassen dürfen? Dass er sich eine Biografie erfunden hat, wirkt fast wie eine logische Konsequenz angesichts der Medienberater, die ihn auf Wirkung trimmen. Premieren-Abo? Abbestellen. Bayreuth? Ist cool, darf er hingehen. Ein bisschen Tarantino-Verehrung kommt gut. Bloß nicht von Chabrol-Filmen schwärmen, das wirkt viel zu abgehoben. Zu schlau darf der Politiker niemals wirken, er sieht dafür zu gut aus. Und beides geht nicht, das ist zu viel fürs einfache Volk. Wer da seinen Verstand nicht verliert, könnte Lessing heute schreiben, der hat keinen zu verlieren.

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) beantwortet im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in Berlin in der aktuellen Stunde Fragen der Abgeordneten. (picture alliance / dpa)Karl-Theodor zu Guttenberg, ehemaliger Verteidigungsminister: Wie auch andere Politiker wurde er beim Lügen erwischt - eine Story fürs Theater. (picture alliance / dpa)"Ich habe verstanden" ist eine zynische Abrechnung, ein genauer Blick auf die Mechanismen der Medienmacht. Aber das Stück zeigt auch die Zumutungen, denen sich ein Mensch aussetzt, der Politiker sein will. Der Schauspieler Aurel Bereuter spricht oft leise, denn man kann auch im gedämpften Tonfall lügen. Als seine Hände einmal in die Merkel-Raute rutschen, erschrickt er. Zu ähnlich darf er der Frau, die er nur "die Generalin" nennt, nicht werden. Einsamkeit und aufkommende Verzweiflung zeigt Aurel Bereuter in präzisen Andeutungen. Er spielt keine Karikatur, aber lässt das Publikum auch nicht zu leicht hinter die glatte Oberfläche blicken.

Oft spricht der Schauspieler in die Videokamera. Sein Gesicht erscheint dann frontal auf einer Projektionswand. Dieser Kunstgriff des Regisseurs Alexander Frank trägt zur Vielschichtigkeit des Abends bei, der Mensch verschwindet hinter seinem Abbild.

Inspirationsquellen waren viele zurück getretene Politiker der vergangenen Jahre. Weil Aurel Bereuter wie ein Enddreißiger wirkt, denkt man am Wahlabend an Philipp Rösler, dessen Tage nach dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag gezählt sind. Aber auch ohne solche direkten Assoziationen funktioniert der Monolog. Lukas Hammerstein ist eine sprachlich präzise und gedanklich genaue Beschreibung des homo politicus rücktrittiensis gelungen, einer Gattung, die nicht vom Aussterben bedroht ist. Denn jeder Rücktritt ist der Anfang eines Comebacks. Für die ganz abgewrackten Fälle gibt es schließlich noch Europawahlen. "Ich habe verstanden" lautet der letzte Satz des Abends.

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