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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.05.2007

"Ein literarischer Juwelendieb"

Der isländische Poet und Popmusiktexter Sjón

Von Tobias Wenzel

Denkmal im Hafen der isländischen Hauptstadt Reykjavik (AP)
Denkmal im Hafen der isländischen Hauptstadt Reykjavik (AP)

"Ich bin ein literarischer Juwelendieb", sagt der isländische Schriftsteller Sjón von sich selbst. Das Ergebnis seiner Beutezüge kann man nicht nur in seinen Gedichten und Romanen nachlesen, sondern auch in manchen Texten der Sängerin Björk bewundern.

"Theoretisch kann ich zwar ein reines Libretto schreiben oder einen reinen Popsong oder einen reinen historischen Roman. Aber meistens bringe ich diese Dinge zusammen. Ich bin wie ein Dieb, der nachts in Villen einsteigt und schöne Gegenstände wie Juwelen stiehlt, um sie in meinem Versteck, meinem Keller, zusammenzuführen."

Sjón, ein großer, schlanker Mann im schwarzen Kordanzug und ebenso schwarzer Intellektuellen-Brille, grinst, weil er sich selbst mit einem Einbrecher vergleicht. Das 44-jährige isländische Multitalent, das trotz Bart und korrekten Seitenscheitels aussieht wie Mitte 30, sitzt auf einer überdimensionierten Couch in einem Szene-Café in Reykjavík. Neben Sjón liegt seine karierte Schirmmütze. Der Autor fährt mit der Hand durch sein blondes Haar und erzählt von der Sängerin Björk:

"1995 rief mich Björk an und fragte etwas Überraschendes: ‚Kannst du kommen und mir bei einem Lied helfen. Ich finde da einfach nicht die richtigen Worte. Ich brauche größere, poetischere Worte.’ Das war das Lied ‚Isobel’. Das war der erste Song, den ich für sie schrieb. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir alles Mögliche miteinander gemacht, nur eben keine Liedtexte verfasst."

Sjón, der eigentlich Sigurjón Birgir Sigurðsson heißt, schrieb weitere Songs für Björk. Mit seinen Liedtexten zu Lars von Triers Film "Dancer in the dark" wurde er sogar für den Oscar nominiert.

Sjón hatte Björk schon als Jugendlicher kennen gelernt. Mit 15 Jahren gründete er in Reykjavík eine surrealistische Dichtergruppe und veröffentlichte seinen ersten Gedichtband. Björk stieß bald darauf zur Gruppe dazu und erprobte sich mit eigenen Gedichten. Doch Sjón ist heute viel mehr als nur ein Poet und Popmusiktexter. Er hat in der Band "Sugar Cubes" gesungen, Romane geschrieben, Kinderbücher, Filmdrehbücher, Theaterstücke und Libretti:

Die Klingel der Oper von Reykjavík ruft die Gäste, darunter Sjón, zurück auf ihre Plätze, zum zweiten Teil von Skuggaleikur, Schattenspiel. Sjón hat zwei besonders gute Gründe, sich diese moderne Oper anzusehen: Er selbst hat das Libretto geschrieben. Und seine Frau steht hier in einer Hauptrolle auf der Bühne:

"Als Sängerin, nämlich Mezzosopran, weiß meine Frau genauso wie ich, was ein Künstler zum Arbeiten braucht. Wir lassen einander den Raum für unsere Kunst. Zum Beispiel war 2006 das Jahr meiner Frau. Da hat sie sich auf ihre Kunst konzentriert. Und ich habe mich dafür mehr um die Kinder, unseren 7-jährigen Sohn und unsere 14-jährige Tochter, gekümmert. Aber 2007 ist mein dann wieder mein künstlerisches Jahr. Außerdem habe ich ein kleines Haus an der Südküste. Und dahin ziehe ich mich immer wieder für eine Woche zurück, um mich auf das Schreiben zu konzentrieren."

So ist auch sein preisgekröntes Buch "Schattenfuchs" entstanden, der einzige Roman von Sjón, der bisher auf Deutsch erschienen ist. Darin verbindet Sjón die Geschichte einer Fuchsjagd im Winter mit der Geschichte eines Mädchens mit Downsyndrom. Das ganze spielt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Sjón hat sich durch Volkserzählungen über die Fuchsjagd zum Buch inspirieren lassen.

Die Begeisterung für Bücher kam sehr früh bei Sjón. Er wuchs bei seiner allein erziehenden Mutter, einer Bankangestellten, auf und bei seiner Großmutter.

"Als Kind habe ich alles gelesen, egal, ob Zeitung oder Biographie. Meine Großmutter hatte eine sehr gute Bibliothek isländischer Literatur. Dort habe ich die isländischen Volkserzählungen entdeckt und den Dichter Tómas Guðmundsson. Als ich seine Gedichte las, war ich fasziniert davon, was man alles mit Sprache anstellen, welche Bilder man mit Worten erzeugen kann. Mit 15 Jahren entdeckte ich dann in einer Anthologie die isländische Dichtung der 50er Jahre, die stark vom Surrealismus beeinflusst war. Ich wusste sofort: Ich wollte dazugehören, auch ich wollte dichten!"

Und er dichtete. Zwölf Lyrikbände hat er bereits in Island veröffentlicht, einer liegt nun in deutscher Übersetzung vor. "Der Gesang des Steinesammlers" heißt er. Als Sjón das großformatige Buch aufschlägt, fällt sein schwarzer Siegelring auf. Etwas ernst blickt der Dichter auf seine Verse:

Gedicht von Sjón:
"(augen)

du sahst mich im garten
wie einen engel
ich gab den kindern zuckerschnecken"

(und augen)"

Service:
Sjón ist derzeit auf Lesereise durch Deutschland: am 20.5. Köln, 21.5. Leipzig, 22.5. Frankfurt, 23.5. Stuttgart, 24.5. Berlin.

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