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Thema / Archiv | Beitrag vom 04.10.2013

Ein Lexikon für alle

Zum 300. Geburtstag von Denis Diderot, dem Mitherausgeber der berühmten "Encyclopédie"

Ulrich Johannes Schneider im Gespräch mit Ulrike Timm

Der französische Philosoph und Aufklärer Denis Diderot schrieb 6000 der 70.000 Artikel der großen "Encyclopédie" selbst. (Sammlung Diderot)
Der französische Philosoph und Aufklärer Denis Diderot schrieb 6000 der 70.000 Artikel der großen "Encyclopédie" selbst. (Sammlung Diderot)

Denis Diderot sei kein Gelehrter gewesen, aber ein sehr belesener Mensch, der von vielen Dingen etwas verstand, sagt der Philosoph Ulrich Johannes Schneider. Diderot wollte das Wissen der damaligen Welt so formulieren, dass es auch Laien verstehen - und ein Stück weit Literatur daraus machen, meint Schneider.

Ulrike Timm: Jetzt reden wir über einen der tollsten Besserwisser des 18. Jahrhunderts und über sein größtes Werk: Denis Diderot, morgen jährt sich sein Geburtstag zum 300. Mal. Autor, Philosoph, einer der großen Intellektuellen der Aufklärung, lange bevor es diesen Begriff des Intellektuellen überhaupt gab.

Sein größtes Werk: die Herausgabe einer "Encyclopédie", die das Wissen der damaligen Welt zusammenfasste – ein Riesenwerk, von 1751 an über fast 30 Jahre lang nach und nach herausgegeben. Über Denis Diderot und die Herausgabe eben dieses Lexikons, für das er fast die Hälfte aller Artikel selber schrieb, spreche ich mit Professor Ulrich Schneider, Philosoph und Direktor der Universitätsbibliothek in Leipzig. Schönen guten Tag!

Ulrich Johannes Schneider: Guten Tag!

Timm: Herr Schneider, ich habe es nur angerissen: Was ist das für eine Enzyklopädie? Beschreiben Sie sie uns.

Schneider: Nun, das ist die berühmteste und wirkungsmächtigste Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich um ein Werk von 17 Textbänden und elf Abbildungsbänden. Besonders die Abbildungsbände sind auch berühmt geworden, weil das kein anderes Werk so bieten kann. Also man denke zum Beispiel an die "Encyclopedia Britannica", die fing, wie die allermeisten anderen Enzyklopädien allgemeiner Art, ohne Bilder an. Das war nicht zu leisten. Der Verleger von Diderot und d’Alembert, also den Leuten, die die französische "Encyclopédie" herausgegeben haben, haben nicht mit der ersten Auflage in Foliobänden, aber dann mit der Quartoausgabe so viel Gewinn gemacht, dass sie sich auch leisten konnten, die relativ teuren Bildbände nachzuschieben.

""Genau protokollieren, wie die Dinge entstehen""

Timm: Es hat daran mitgeschrieben, wer Rang und Namen hat: Voltaire, Rousseau und eben immer wieder Diderot selber, über den Kolonialhandel ebenso wie über die Musik, die er für die heftigste aller Künste hielt. Insgesamt sind es 72.000 Artikel geworden. Man spaziert wahrscheinlich als Leser hinein und kommt als Gelehrter wieder raus. Worum ging es den Enzyklopädisten um Diderot genau?

Schneider: Das nennt sich ja auch im Untertitel "Wörterbuch der Künste und Wissenschaften", und das verrät schon das eigentliche Ziel dieses Werkes: Es geht darum, das Wissen in seiner kultiviertesten Form sowohl bei den Wissenschaftlern wie auch bei den Handwerkern, den Künstlern und Technikern abzuholen und in ein Buch zu hieven. Also berühmt ist Diderots Wunsch, dem auch weitgehend Folge geleistet wurde, in die Ateliers der Handwerker zu gehen und dort genau zu protokollieren, wie Dinge entstehen, wie sie gemacht werden, wie sie aussehen. Dieses Wissen ist also durchaus aufklärerisch organisiert. Andere, die von der Sache weniger verstehen, sollten einen kurzen Begriff davon bekommen und Bescheid wissen.

Timm: Von Diderot sind viele Zitate überliefert. Eines zum Beispiel ist: "Das Glück des Einzelnen ist der Endzweck der Gesellschaft." Nun wurde dieses Lexikon noch im Absolutismus geschaffen, die Französische Revolution kam etwas später. Inwieweit war so eine Enzyklopädie, die ja auch Bildung verbreitet, in dieser Zeit auch was Subversives, was vielleicht Ärger machte?

Schneider: Na, das war sie. Es gibt ja eine ganze Geschichte der Auseinandersetzung mit der Zensur, einige Bände wurden angehalten, es gab mal vier Jahre lang keinen Fortschritt in der Produktion, es musste dann in die Schweiz verlagert werden - ein faszinierendes Unterfangen, wie da einige Intellektuelle durchaus auch religionskritische Vorstellungen oder sagen wir mal neutrale Vorstellungen versuchten zu artikulieren, was im sehr katholischen Frankreich ihnen häufig Ärger eingebracht hat. Muss man aber sagen: Ärger in Verlegerdingen ist Werbung. Je mehr Ärger berichtet wurde über die Enzyklopädie, umso größer war die Nachfrage.

Timm: Was war das Herzblut, mit dem die bei der Sache waren, die Enzyklopädisten? War das Sendungsbewusstsein, Bildungsbeflissenheit, Aufklärung? Wo war der Grund dafür, so lange an einem so umfangreichen Werk zu arbeiten?

Schneider: Das Anliegen aller dieser Autoren war, die ja von Diderot auch ein bisschen angeleitet wurden, Fachwissen zu übersetzen in allgemeines Wissen. Man kann das sehr schön sehen: Es gibt eine deutsche Philosophiegeschichte, die allerdings, wie damals üblich, auf Latein erschien, von Johann Jakob Brucker, die hat Diderot gelesen und ausgeschlachtet für seine Artikel. Aber wenn Sie nun denken, das sei ein Plagiatsverhältnis, dann irrt man sich. Was Diderot gemacht hat, sind wunderbare kleine Essays über die philosophischen Schulen und Richtungen. So elegant steht das bei keinem deutschen Autor. Das musste sozusagen umgeschrieben werden.

Timm: Aber der Grundimpuls war der Impetus der Aufklärung, Leute belehren, und die Leser waren Leute wie Sie und ich?

Schneider: Also über die Verbreitung der "Encyclopédie" weiß man durch das Archiv auch einiges, und man kann ja auch heute sehen, dass in ganz Europa überall Exemplare stehen. Das Werk war auf Französisch geschrieben und wurde auch so publiziert. Französisch hatte damals ungefähr den Rang, den das Englische heute hat, es wurde an Höfen gesprochen. Die Wirkung war groß und aufklärerisch war das in jedem Falle. Ich würde eher betonen, dass es um Vermittlung von Wissen ging, die Leute in die Lage zu versetzen, selber zu urteilen.

""Eine Figur, vielleicht wie Enzensberger heute""

Timm: Wir sprechen mit Ulrich Johannes Schneider über Denis Diderot und sein größtes Werk, die monumentale französischsprachige "Encyclopédie", die er herausgab und an der er kräftig mitschrieb. Sie sagen, 6.000 Artikel seien von ihm. Er muss ja neugierig gewesen sein, nicht nur gebildet, sondern auch immer wieder ungeheuer neugierig auf alles und jedes. Heißt das, das war ein unglaublich interessierter Mensch oder heißt das auch, er interessierte sich für alles und damit für nichts?

Schneider: Na, es war ein Intellektueller in dem Sinne, dass er von Vielem was verstand. Er war kein studierter Mensch, kein Gelehrter, wie es das in Deutschland vielleicht gab, aber ein sehr belesener Mensch, der durchaus – vergleichen Sie das vielleicht mit einer Figur wie Enzensberger heute – interessiert war, das Wissen auch umzuformulieren, es in breitere Gesellschaftsschichten hineinzutragen, ein Stück weit Literatur daraus zu machen.

Ich sage noch mal, dass die "Encyclopédie" ja sehr stark an den Wissenschaften, an den Handwerken interessiert war. Es gibt auch sehr viele geografische Artikel, die auch zum Teil von Diderot stammten, der allerdings dort weitgehend abschrieb aus Fachenzyklopädien. Was nicht in der "Encyclopédie" drin ist, was aber nachher im 19. Jahrhundert für Konversationslexika et cetera sehr wichtig wird, das sind biografische Artikel.

Timm: Kann man denn so weit gehen und sagen: Das Lexikon ist das Sinnbild, ist ein Grundmodus für die Aufklärung an sich?

Schneider: Insofern das Lexikon alphabetisch geordnet ist, erlaubt es ja den Einstieg für jedermann. Man sucht einfach ein Stichwort und findet dann etwas zu diesem Thema – im Gegensatz zum Lehrbuch, was systematisch aufgebaut ist oder zu sonst welchen akademischen Büchern, die ja manchmal auch über Gegenstände sehr klug und verständlich handeln, aber eben diesen Einstieg nicht haben, der so einfach ist über das Alphabet.

""Wikipedia schließt direkt an Enzyklopädiekultur an""

Timm: Sie haben vorhin gesagt, später kamen in die Enzyklopädien dann auch Biografien von Menschen. Wie hat sich das überhaupt dann weiterentwickelt, der enzyklopädische Geist an und für sich? Also man hat doch immer wieder versucht, das Weltwissen neu aufzusammeln. Im 19. Jahrhundert gab es die großen Lexika. Wie hat sich das überhaupt weiterentwickelt?

Schneider: Also die Geschichte der Enzyklopädien, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts anfängt, ist dann im 19. Jahrhundert eine Erfolgsgeschichte. Man konnte sehr viel Geld damit machen. Es schwankte immer hin und her: Man produzierte Fachenzyklopädien, andere produzierten dann wieder allgemeine Enzyklopädien. Schon das Projekt von Diderot selber ist am Ende des 18. Jahrhunderts neu aufgegriffen worden von dem Verleger Panckoucke, der allerdings sagte: Wir wollen das mal nicht so alphabetisch lassen, sondern wir machen jetzt ein Lexikon über Blumen, über Bäume, über Pflanzen, über Medizin und so weiter, also lauter kleine Fachlexika. Es gibt ein fruchtbares Hin und Her zwischen dem Spezialwissen und dem Allgemeinwissen, das hat angehalten bis zu Zeiten des Internet.

Timm: Da sind wir heute drin. Heute wird nicht mehr viel gedruckt, heute gibt es Wiki. Inwiefern steht das in der Tradition und inwiefern nicht?

Schneider: Die Wikipedia und all das, was an Wissen im Internet verbreitet wird, verdankt sich hohem Engagement und meistens auch Experten. Insofern ist das ein direkter Anschluss an die Enzyklopädiekultur, wie sie Diderot gestartet hat. Heute allerdings, wie dann auch im 19. Jahrhundert sich schon angedeutet hat, ist das sogenannte historische Wissen, das über Länder, das über Personen, ein sehr nachgefragtes enzyklopädisches Wissen. Und da ist natürlich im Internet der Vorteil der Aktualität groß und wird auch entsprechend ausgenutzt. Es stirbt eine berühmte Persönlichkeit – es steht kurz darauf in der Wikipedia. Und das kann man in der Druckform so nicht abbilden. Insofern haben bei allgemeinen Lexika die Verleger heute große Schwierigkeiten, damit erfolgreich zu sein.

Timm: Als Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig besitzen Sie natürlich so ein Exemplar der Diderot-Enzyklopädie. Gehen Sie da gelegentlich mal dran vorbei und schmökern drin?

Schneider: Ich mag diese Sektion in der Bibliothek sehr, wo die Enzyklopädien stehen. Das stimmt. Man wird ein bisschen wehmütig, wenn man dran geht und sieht, wie viel Technik und Fleiß und auch Aufwand da hineingesteckt wurde. Im Falle von Diderot kann man sich damit trösten, dass diese Artikel heute noch wirklich sehr gut lesbar sind. Das lässt sich nicht über jede Enzyklopädie sagen. Es ist ein Stück Literaturgeschichte Europas.

Timm: Haben Sie einen Artikel, den Sie besonders mögen, uns empfehlen können?

Schneider: Bei Diderot gibt es einen schönen Artikel über Skeptizismus, und dann natürlich die Artikel, die sich zum Beispiel mit medizinischen Sachen wie Aderlass oder so ähnlich beschäftigen. Die habe ich mal gelesen, das fand ich sehr faszinierend. Da kann man nämlich sehr schön sehen, wenn ich das kurz ausführen darf, wie die Umwandlung einer Fachenzyklopädie in eine allgemeine Enzyklopädie passiert: Aderlass in den Fachenzyklopädien der damaligen Zeit wird chirurgisch-technisch behandelt. Bei Diderot steht drin: Es ist ein Mittel, den Kreislauf des Menschen zu kräftigen und insofern ist es therapeutisch. Dieser Blickpunkt vom Patienten her, der ist neu und der ist wichtig.

Timm: Mich würden da ja die Bilder reizen. Professor Ulrich Johannes Schneider, Philosoph und Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, über Denis Diderot und die Herausgabe der großen "Encyclopédie" in Frankreich, die er maßgeblich mitgestaltet hat. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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