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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.10.2005

Ein Leben wie ein Roman

"Suite francaise" auf Deutsch erschienen

Rezensiert von Marko Martin

Franzosen feiern die Befreiung von der deutschen Besatzung am 25. August 1944 (AP Archiv)
Franzosen feiern die Befreiung von der deutschen Besatzung am 25. August 1944 (AP Archiv)

Als deutsche Truppen 1940 in Paris einmarschieren, flieht die französische Schriftstellerin Irène Némirovsky in die Provinz. Sie beginnt einen Roman über das besetzte Frankreich, wird dann aber nach Auschwitz deportiert. Von den fünf geplanten Teilen sind nur zwei vollendet. Nachdem das Manuskript über 60 Jahre in einem Koffer lag, wurde es im letzten Jahr in Frankreich erstmals veröffentlicht und sorgte für Diskussionen. Nun ist die deutsche Fassung erschienen.

Die Geschichte zu Irène Némirovskys Roman "Suite francaise" ist ebenfalls romanesk: Zeitgleich mit der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht im Sommer 1940 beginnt die 1903 in Kiew geborene Schriftstellerin, an einer literarischen Chronik zu arbeiten, die mehr sein soll als ein Tagebuch – vielmehr balzacsches Sittengemälde einer Epoche dramatischer Umbrüche, in denen gesellschaftliche Zustände und menschliche Charaktere quasi bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden.

Geplant ist ein 1000-Seiten-Werk, an nichts Geringeres als an Tolstois "Krieg und Frieden" angelehnt – ging es hier doch um den Zusammenbruch einer ganzen Zivilisation. Den ersten Teil – "Sturm im Juli" betitelt und die Flucht Pariser Bürger in den noch unbesetzten Süden schildernd – kann Irène Némirovsky 1940/41 fertigstellen, ehe sie sich an die Arbeit von "Dolce" begibt, 1942 in einem französischen Dorf spielend, dessen Bewohner sich alsbald recht bequem mit den Nazi-Invasoren arrangieren.

Wer bereits die psychologische Präzision von Vercors´ legendärem "Das Schweigen des Meeres" bewundert hat, wer Feuchtwangers "Unholdes Frankreich" oder die Fluchtberichte Hans Sahls, Arthur Koestlers oder Walter Mehrings kennt, wird hier vieles wiedererkennen – und gleichzeitig verblüfft sein. Wie, fragt man sich, gelang es Irène Némirovsky, als staatenlose Jüdin jeden Moment der Deportation gewiss, hier die Kraft zu finden, ihre Eindrücke nicht nur festzuhalten, sondern sie auch zu (ver-)formen, bis genau dieses daraus wurde – ein großartiger Epochenroman?

Als "Dolce" im Sommer 1942 beendet war, wurde die Autorin, die in der Zwischenkriegszeit zu den Jungstars der französischen Literaturszene gehört hatte, verhaftet und nur wenig später in Auschwitz ermordet. Ihren Ehemann Michael Epstein ereilte das gleiche Schicksal, die zwei Töchter Denise und Elisabeth jedoch überlebten – und zwar dank der organisatorischen und finanziellen Hilfe des Verlegers Albin Michel.

Aber erst im Jahre 1996 fand Denise den Mut, jenes eng beschriebene Album zu öffnen, das ihr die Mutter noch kurz vor der Deportation anvertraut hatte: "La suite francaise", ein trotz allem in sich abgeschlossenes Romanwerk in zwei Teilen. 2004 schließlich in Frankreich veröffentlicht, wurde das Buch zur literarischen Sensation und gleichzeitig zur Initialzündung eines notwendigen Streits: Hängt, fragten kluge Beobachter, der teilweise geradezu pathologische Antiamerikanismus der französischen Eliten womöglich mit der verdrängten Tatsache zusammen, dass es letztlich die Amerikaner waren, die das Land 1944 befreiten, während die Mehrheit der Franzosen die deutsche Besatzung passiv hingenommen und keinen Finger für ihre verfolgten jüdischen Nachbarn gerührt hatte? Bücher, die Debatten lancieren, gibt es viele. Literarischen Rang jedoch erreichen dabei nur wenige – "Suite francaise" ist eine dieser kostbaren Ausnahmen.


Irène Némirovsky: Suite francaise
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Albert Knaus Verlag, München 2005, 270 S., 18, 60 Euro

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