Sonntag, 26. Oktober 2014MEZ07:05 Uhr

Buchkritik

RomanDie Feier des Zufalls
Der belgische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint beendet mit "Nackt" seinen Marie-Zyklus.

"Nackt" ist der vierte Roman des Belgiers Jean-Philippe Toussaint über die verführerische und rätselhafte Marie, von der der Ich-Erzähler nicht loskommt - weil er nicht von ihr loskommen will.Mehr

SchlafmangelWeg mit den Weckern!
Ein Stapel Wecker, aufgeschüttet während der Klimakonferenz in Barcelona im November 2009. "tck tck tck" hieß die Kampagne, an der sich 200 zivile Organisationen inklusive dem Roten Kreuz oder Amnesty International, Greenpeace und andere beteiligten.

Der Neurobiologe Peter Spork versteht sich als Anwalt für mehr Schlaf. Er plädiert für Gleitzeit für Arbeitnehmer, spätere Anfangszeiten für die Schulen und nicht zuletzt ein Ende von Zeitumstellung und Sommerzeit.Mehr

Emigranten-RomanEinsamkeit, Hoffnung, Neuanfang
Der 1952 nach Kanada ausgewanderte deutsche Schriftsteller Walter Bauer

Eine Wiederentdeckung: Walter Bauer galt Anfang der 30er-Jahre als literarischer Newcomer. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er nach Kanada. Sein Roman "Die Stimme. Geschichte einer Liebe" erzählt, was es bedeutet, in der Fremde neu beginnen zu müssen.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.12.2006

"Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos"

Loriot: "Gesammelte Prosa", Diogenes, Zürich 2006, 750 Seiten

Vicco von Bülow alias Loriot mit einem seiner berühmten Knollennasenmännchen auf einem Archivbild von 1996.
Vicco von Bülow alias Loriot mit einem seiner berühmten Knollennasenmännchen auf einem Archivbild von 1996. (AP Archiv)

Vicco von Bülow alias Loriot ist ein überaus gelungenes Beispiel für Adlige, die auch nach der Verbürgerlichung und sogar nach dem angeblichen Ende des Bürgertums etwas Sinnvolles mit ihrer Lebenszeit anzufangen wissen.

Nichts Geringeres als die Aufheiterung eines ganzen Volkes ist ihm gelungen, das sowieso in der Welt nicht gerade als das humorvollste angesehen wird, und das verständlicher Weise nach den schlimmsten Verfehlungen, zu denen ein Volk überhaupt fähig sein kann, schlechtgelaunt in die zweite Jahrhunderthälfte aufbrach.

Als er 1950 mit seinen ersten Cartoons im "Stern" debütierte, nahm er mit seinen liebenwerten Knollenasen die Bürger und Kleinbürger der jungen und gleich kräftig durch Reeducation und Wirtschaftswunder verwöhnten Republik aufs Korn. Man kann sagen, dass Loriots Zeichen- und Textkunst selbst zum Besten an "Wieder-Erziehung" gehört – neben der Gruppe 47 und dem humanen Katholizismus Konrad Adenauers – was das zarte Pflänzchen deutsche Demokratie zu bieten hatte.

Während die radikale Linke den Nierentisch als Insignie des nur oberflächlich befriedeten Kleinbürger-Spießers abmahnte, kümmerte sich Loriot humortechnisch um Kleingartenbesitzer mit Gießkannen, um die Herrchen von Möpsen und großen Zottelhunden und die Poesie von Schnellkochtöpfen. Aber besonders lag ihm der Bildungsbürger am Herzen, eine vielleicht voreilig totgesagte Spezies. Loriots Projekt war die Entheroisierung eines zum Hehren und Heldischen verzogenen Volkes – und er trug mit Feder und Pinsel seinen Teil dazu bei, ohne das spezifisch Deutsche – im kulturtraditionellen Sinne – aufzugeben.

Seine Cartoons und Sketche, seine Gedichte und Kurzessays haben Bestand – sie sind immer noch komisch und sind am besten zu subsumieren unter das, was Thomas Mann, Loriots bürgerlicher Bruder im Geiste, einmal "liebende Ironie" nannte.

Jetzt erscheint im Schweizer Diogenes Verlag, der dem heute 83-jährigen Loriot ein Künstlerleben lang die Treue gehalten hat, eine handliche, dennoch imposante, 750-seitige Ausgabe gesammelter Prosa nebst zehn Gedichten, dessen kürzestes Loriots Lieblingshunderasse, die Möpse, zu Ehren kommen läßt, unter der Überschrift "SINNLOS":

"Ein Leben ohne Mops
ist möglich, aber Sinnlos".


Eine Ausfaltung dieses eminenten Themas stellt auch das Vorwort zu Loriots autobiografischen Versuchs "Möpse und Menschen" dar. Man begegnet Klassikern, die nichts von ihrer Zeitlosigkeit verloren haben, wie den Dialogen "Die Nudel" oder "Kosakenzipfel". Aber auch unbekanntere Texte wie der Vignette "Hasch" über einen skurrilen Drogenkurier. Absolut lesenswerte Vor- und Nachworte von Kritikerpapst Joachim Kaiser und Neo-Bürgertumsverfechter Christoph Stölzl rahmen die kostbare Prosasammlung ein.

Ohne Loriot wären Harald Schmidt und Helge Schneider humortechnisch undenkbar. Ein Volk von Übermenschen ist lächerlich. Nur ein ziviles Volk kann komisch sein. Vielleicht kann auch nur ein komisches Volk wirklich zivil sein. Dem großen Prosaisten Vicco v. Bülow verdanken wir Deutschen diese Einsicht.

Rezensiert von Marius Meller


Loriot: Gesammelte Prosa
Diogenes, Zürich 2006, 750 Seiten, 19,90 Euro