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"Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos"

Loriot: "Gesammelte Prosa", Diogenes, Zürich 2006, 750 Seiten

Vicco von Bülow alias Loriot mit einem seiner berühmten Knollennasenmännchen auf einem Archivbild von 1996.
Vicco von Bülow alias Loriot mit einem seiner berühmten Knollennasenmännchen auf einem Archivbild von 1996. (AP Archiv)

Vicco von Bülow alias Loriot ist ein überaus gelungenes Beispiel für Adlige, die auch nach der Verbürgerlichung und sogar nach dem angeblichen Ende des Bürgertums etwas Sinnvolles mit ihrer Lebenszeit anzufangen wissen.

Nichts Geringeres als die Aufheiterung eines ganzen Volkes ist ihm gelungen, das sowieso in der Welt nicht gerade als das humorvollste angesehen wird, und das verständlicher Weise nach den schlimmsten Verfehlungen, zu denen ein Volk überhaupt fähig sein kann, schlechtgelaunt in die zweite Jahrhunderthälfte aufbrach.

Als er 1950 mit seinen ersten Cartoons im "Stern" debütierte, nahm er mit seinen liebenwerten Knollenasen die Bürger und Kleinbürger der jungen und gleich kräftig durch Reeducation und Wirtschaftswunder verwöhnten Republik aufs Korn. Man kann sagen, dass Loriots Zeichen- und Textkunst selbst zum Besten an "Wieder-Erziehung" gehört – neben der Gruppe 47 und dem humanen Katholizismus Konrad Adenauers – was das zarte Pflänzchen deutsche Demokratie zu bieten hatte.

Während die radikale Linke den Nierentisch als Insignie des nur oberflächlich befriedeten Kleinbürger-Spießers abmahnte, kümmerte sich Loriot humortechnisch um Kleingartenbesitzer mit Gießkannen, um die Herrchen von Möpsen und großen Zottelhunden und die Poesie von Schnellkochtöpfen. Aber besonders lag ihm der Bildungsbürger am Herzen, eine vielleicht voreilig totgesagte Spezies. Loriots Projekt war die Entheroisierung eines zum Hehren und Heldischen verzogenen Volkes – und er trug mit Feder und Pinsel seinen Teil dazu bei, ohne das spezifisch Deutsche – im kulturtraditionellen Sinne – aufzugeben.

Seine Cartoons und Sketche, seine Gedichte und Kurzessays haben Bestand – sie sind immer noch komisch und sind am besten zu subsumieren unter das, was Thomas Mann, Loriots bürgerlicher Bruder im Geiste, einmal "liebende Ironie" nannte.

Jetzt erscheint im Schweizer Diogenes Verlag, der dem heute 83-jährigen Loriot ein Künstlerleben lang die Treue gehalten hat, eine handliche, dennoch imposante, 750-seitige Ausgabe gesammelter Prosa nebst zehn Gedichten, dessen kürzestes Loriots Lieblingshunderasse, die Möpse, zu Ehren kommen läßt, unter der Überschrift "SINNLOS":

"Ein Leben ohne Mops
ist möglich, aber Sinnlos".


Eine Ausfaltung dieses eminenten Themas stellt auch das Vorwort zu Loriots autobiografischen Versuchs "Möpse und Menschen" dar. Man begegnet Klassikern, die nichts von ihrer Zeitlosigkeit verloren haben, wie den Dialogen "Die Nudel" oder "Kosakenzipfel". Aber auch unbekanntere Texte wie der Vignette "Hasch" über einen skurrilen Drogenkurier. Absolut lesenswerte Vor- und Nachworte von Kritikerpapst Joachim Kaiser und Neo-Bürgertumsverfechter Christoph Stölzl rahmen die kostbare Prosasammlung ein.

Ohne Loriot wären Harald Schmidt und Helge Schneider humortechnisch undenkbar. Ein Volk von Übermenschen ist lächerlich. Nur ein ziviles Volk kann komisch sein. Vielleicht kann auch nur ein komisches Volk wirklich zivil sein. Dem großen Prosaisten Vicco v. Bülow verdanken wir Deutschen diese Einsicht.

Rezensiert von Marius Meller


Loriot: Gesammelte Prosa
Diogenes, Zürich 2006, 750 Seiten, 19,90 Euro

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