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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.03.2005

Ein Leben in Kontoauszügen

Münchner erhält 54. Hörspielpreis der Kriegsblinden

Interview mit dem Preisträger Stefan Weigl

Stefan Weigl, Gewinner des 54. Hörspielpreises der Kriegsblinden (Traugott Maßmann/Filmstiftung NRW)
Stefan Weigl, Gewinner des 54. Hörspielpreises der Kriegsblinden (Traugott Maßmann/Filmstiftung NRW)

Der Münchner Autor Stefan Weigl erhält in diesem Jahr den Hörspielpreis der Kriegsblinden /Preis für Radiokunst für sein Hörspiel "Stripped - ein Leben in Kontoauszügen". In der 47-minütigen Collage werden Weigls eigene Kontoauszüge sowie Mahnungen und Drohbriefe der Banken vorgetragen und stellen so seinen Weg in die Verschuldung dar. Nach dem Urteil der Jury thematisiert Weigl somit Verarmung inmitten der Wohlstandsgesellschaft, ohne sozial benachteiligte Randgruppen aufzusuchen.

Die Idee zu dem Text sei ihm gekommen, als er Sozialhilfe beantragte und dafür seine eigenen Kontoauszüge zusammensuchen musste, erzählte Weigl in Fazit. In dem Hörspiel werden Weigls eigene Kontoauszüge vorgelesen, gemischt mit den Droh- und Mahnbriefen der Banken. Dadurch zeichne sich eine Figur ab, so Weigl: Über Vereinsmitgliedschaften und Ebay-Käufe könne man sehen, welche Person sich hinter den Bankbewegungen befinde.

Weigl gibt zu, dass er sich mit dem Stück ziemlich bloßstelle und auch als einen finanziellen Loser darstelle. "Ich kann das Stück immer noch nicht meinen Eltern vorspielen", so Weigl in Fazit. Der Titel spielt einerseits auf die maschinell erstellten Kontoauszüge an (Papierstreifen, im englischen: Strip) und andererseits auf die schonungslose Selbstentblätterung. Doch so viel Offenheit wurde jetzt belohnt: Weigl erhielt für sein erstes Hörspiel den 54. Hörspielpreis der Kriegsblinden/Preis für Radiokunst. In der Begründung der Jury heißt es:

"Stripped – ein Leben in Kontoauszügen ist ein Glücksfall für das Medium Radio, denn die künstlerische Verdichtung eines Sujets der Sozialreportage bei gleichzeitigem Verzicht auf literarische Ausgestaltung konnte in dieser Eindringlichkeit nur mit akustischen Mitteln gelingen. Weigl thematisiert die Verarmung inmitten einer Wohlstandsgesellschaft, ohne dabei sozial benachteiligte Randgruppen aufzusuchen, er zeigt den Mechanismus von Konsumzwängen auf, ohne Jugendliche vorzuführen, die sich durch den exzessiven Gebrauch ihres Handys verschuldet haben, und er spielt gleichzeitig mit dem Voyeurismus des Reality-TV, ohne sich mit ihm gemein zu machen."

Das Hörspiel wurde vom WDR produziert und dort erstmals am 24.5.2004 gesendet. Weigl reiht sich ein in eine illustre Reihe von Preisträgern wie Ingeborg Bachmann, Friedrich Dürrenmatt, Heiner Müller und Elfriede Jelinek.

Der Hörspielpreis der Kriegsblinden, der zu den renommiertesten Auszeichnungen für Hörspielautoren zählt, wird gemeinsam vom Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen getragen. Mit dem Preis wird laut Statut jährlich ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produziertes Hörspiel ausgezeichnet, das "in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert".

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Externe Links:

54. Hörspielpreis der Kriegsblinden, Begründung der Jury

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