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Profil / Archiv | Beitrag vom 18.05.2010

Ein künstlerisches Multitalent

Thorsten Passfeld im Porträt

Von Dirk Schneider

Mittendrin in der Hamburger HafenCity steht eines von Passfelds Holzhäuschen. (Stock.XCHNG / Florian K)
Mittendrin in der Hamburger HafenCity steht eines von Passfelds Holzhäuschen. (Stock.XCHNG / Florian K)

Thorsten Passfeld malt, ist Bildhauer, baut Bühnenbilder, macht Musik und hat angeblich sogar einen fertigen Roman in der Schublade liegen. Bekannt geworden ist Passfeld aber vor allem für seine Häuser aus Abfallholz, die er in Hamburg an verschiedenen Orten gebaut hat.

Die HafenCity, hier entsteht Hamburgs neuer Vorzeige-Stadtteil. Die fertigen Hochhäuser sind architektonisch vom Feinsten, und die Betonskelette, die überall in den Himmel wachsen, sollen einmal zu den ersten Adressen gehören. Mittendrin steht ein nagelneues, zweistöckiges Holzhäuschen. Es wirkt wie ein ironischer Kommentar zur großen Bauwut ringsherum - erst recht, wenn man weiß, wie es entstanden ist.

Thorsten Passfeld: "Ich glaube niemand, der zu Beginn einer solchen Arbeit schon ermessen kann, was alles auf einen zukommt, wie viel Schmerzen, wie viel Ärger, wie viele miese Tage, wie viele Regentage, wie viele Probleme - der würde das machen. Es gehört so 'ne richtig schöne Doofheit dazu."

Der Künstler Thorsten Passfeld steht vor seinem Werk, das er aus Holzabfällen gebaut hat, eigenhändig und im Alleingang. Der 34-jährige Passfeld, dunkle Haare und Zehntagebart, hat noch den Hammer in der Hand, der sein wichtigstes Werkzeug beim Bau war.

Thorsten Passfeld: "Ich hab' hier gearbeitet, mit Rippenbruch, mit Prellungen, immer weiter. Das ist tatsächlich eine Art Kampf."

Und der richtet sich gegen eine ganz bestimmte Art von Kunst.

Thorsten Passfeld: "Das kam so unglaublich in Mode, man hat ein Laptop, und dann macht man Computerkunst ... da hab ich mir ein Material gesucht, das überhaupt keinen Glamour-Faktor hat: Holz, und das sehr anstrengend ist."

Sieben oder acht solcher Häuser hat Passfeld schon gebaut, so genau weiß er es nicht mehr. Von einer kleinen Hütte, die als Kneipe diente, über eine Spielstätte für das Deutsche Schauspielhaus bis hin zur 150 Quadratmeter großen "Kirche des Guten Willens". Allesamt Fantasiebauten, bis in den letzten Winkel liebevoll verziert mit kleinen Holzdetails. Dagegen nimmt sich Passfelds neuestes Werk sehr schlicht aus. Auftraggeber ist ein Kultur liebender Hamburger Investor.

Thorsten Passfeld: "Jetzt ist es so, dass ich das mittlerweile als Lohnerwerb mache. Die Leute wissen gar nicht, dass ich Künstler bin, sondern die denken, ich wäre Tischler. Sogar meine Neffen denken, dass ich Bauarbeiter wäre."

Thorsten Passfeld beschwert sich gerne darüber, dass seine Holzhauskunst unverstanden bleibt:

"Es hat tatsächlich niemand verstanden. Stattdessen haben die Leute das sofort gerafft, dass ich die allerbilligste und willfährigste Arbeitskraft bin, die man bekommen kann."

Doch so, wie er es sagt, hört es sich immer auch ein bisschen augenzwinkernd an.

Geboren wurde Passfeld 1975 in Dinslaken, als zweiter Sohn einer Grundschullehrerin und eines Revisors. Wenn man sich den kleinen Thorsten nun allerdings als Naturburschen vorstellt, der früher schon Baumhäuser gebaut hat, täuscht man sich:

"Ich habe als Kind vor allem gerne Süßigkeiten gegessen und Fernsehen geguckt."

Bis seine Lehrerin eines Tages ein Bild von ihm lobte - um ihn überhaupt einmal zu loben. Die Begeisterung für die Malerei wuchs dann schnell.

Thorsten Passfeld: "Wie ein Bescheuerter hab' ich gemalt. Das Ganze Zimmer hab ich ruiniert. Also, du kannst in so einem total kleinen Jugendzimmer natürlich keine zwei mal drei Meter Bilder malen. Das hat mir unglaublich viel Freude gemacht, und hat mir auch eine Identität gegeben."

Nach Abitur und Zivildienst wollte Passfeld dann allerdings Architektur studieren. Er bekam den Platz nicht, schrieb sich für Philosophie ein und bewarb sich schließlich an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Beim zweiten Anlauf klappte es, er malte weiter, bis er in seinem Atelier aus Spielerei mit Holzarbeiten anfing. Aus den Holzobjekten wurden Möbel, schließlich baute er ein ganzes Haus drum herum.

Für die Art Basel Miami Beach bekam er 2006 den Auftrag, die Ausstattung für einen Ableger der Kunstmesse am Strand zu bauen, mit Bar, Tischen und Stühlen. "Play With The Big" nannte Passfeld diese Arbeit – und der Kunstverleger und Sammler Benedikt Taschen kaufte sie. Er lud Passfeld nach Los Angeles ein, um sie dort wieder aufzubauen:

"Und dann hab ich mit Benedikt Taschen in seinem Chemosphären-Haus, und alles zehnmal größer als das Leben, einen Kaffee getrunken. Und stellte sich dann raus: Was wollen die mit 120 Sitzplätzen? Brauchen die gar nicht. Ich fand, es passte irgendwie zu mir. Da stehe ich quasi mit dem Superboss vom Kunstbetrieb, und ich müsste nur zugreifen. Und ich fahr einfach wieder nach Hause."

So endete Passfelds "Spiel mit den Großen" fürs erste, und an dieser Stelle der Geschichte zitiert er gerne aus dem Film "The Commitments".

Passfeld: "Mach dir nichts draus, so ist es Poesie."

Mit dem Häuserbauen ist nun auch Schluss - zu anstrengend, zu gefährlich, das findet auch seine Frau. Dafür macht Passfeld seine bunten, verspielten Holzobjekte, die aussehen, als kämen sie direkt aus einem Comic-Heft, und wird mit diesen von einem namhaften Galeristen vertreten. Und er hat endlich auch wieder Zeit, mit seinem Freund Mike Lüdde im Duo namens "Heimweg" zu musizieren.

Einspieler Heimweg, "Ein Zimmer für immer":
"Zufrieden. Ein Zimmer unterm Dach, seit Jahren und für immer. Wo mehr ist, als ich bringen kann. Wir nähern uns dem Ungefähren. Man kann es sehen und hören. Doch niemals sagen."


Thorsten Passfeld: "Das ist ja das Schöne in der Kunst. Wenn es glückt, dann kann man etwas ausdrücken, was man sprachlich, und damit eigentlich gedanklich auch, gar nicht fassen kann."

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