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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 31.07.2013

Ein Krieg neuen Typs

Andreas Platthaus: "1813. Die Völkerschlacht und das Ende der Alten Welt", Rowohlt, Berlin 2013, 480 Seiten

Das Völkerschlachtdenkmal von 1913, noch heute ein Wallfahrtsort deutscher Nationalisten (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Das Völkerschlachtdenkmal von 1913, noch heute ein Wallfahrtsort deutscher Nationalisten (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)

Wer ein Buch über die Völkerschlacht von 1813 lesen möchte, der hat reichlich Auswahl. Die ist jetzt noch größer geworden: Auch Andreas Platthaus, stellvertretender Feuilletonleiter der "FAZ", hat etwas zum Thema veröffentlicht - eine solide historische Studie.

Schreibt ein Mann des Feuilletons ein Buch über historische Ereignisse, so erwartet die Fachwelt nicht unbedingt den großen wissenschaftlichen Wurf. Andere hingegen rechnen mit abwechslungsreicher Lektüre, die ihnen jenes Ereignis temperamentvoll nahe bringt. Andreas Platthaus, stellvertretender Ressortleiter im Feuilleton der "FAZ", übertrifft und unterläuft mit seiner Studie über die Leipziger Völkerschlacht die Erwartungen gleichermaßen.

Er berichtet vom Herbst 1813, der die Welt veränderte. Ein militärisches Großereignis: eine Million Soldaten kämpften vier Tage lang. Mehr als 120.000 Leichen blieben auf den Feldern rund um Leipzig zurück. Die nach dem Russlandfeldzug geschwächte Armee Napoleons verlor 70.000, die der Alliierten 50.000 Mann. Noch Tage nach der Schlacht irrten massenweise verstümmelte Soldaten umher und nährten sich von Leichenteilen.

Es war ein Krieg neuen Typs, wie Platthaus betont, einer der letzten Kabinettskriege, aber doch schon ein europäischer Völkerkrieg. Man beschwor in Wien und Moskau, in Stockholm und Berlin den Volksgeist, um die Massen gegen Napoleon in Stellung zu bringen. Auch wenn dieser Geist noch nicht auf dem beruhte, was Napoleon unter seiner Führung aus den Franzosen gemacht hatte: eine Nation. Die Bezeichnung Völkerschlacht allerdings, auch darauf weist der Autor hin, hat sich erst später durchgesetzt und wurde in politischer Absicht instrumentalisiert.

Dennoch: es traten jeweils multinationale Armeen gegeneinander an, auf Seiten der Franzosen die verbündeten deutschen Kleinstaaten des Rheinlandes, Württemberg, Baden und Sachsen; nur die Bayern fehlten, weil sie sich rechtzeitig den Alliierten zugeschlagen hatten. Auf deren Seite kämpfte der Rest der europäischen Welt, das gesamte Zarenreich mit Tataren, Kirgisen, Polen bis zu den Finnen, die Habsburgermonarchie mit Ungarn, Deutschen, Slowenen oder Italienern; Schweden und Preußen.

Augenzeugen erzählen

Wie die Schlacht verlief, mit welchem Grauen sie einherging, lässt Platthaus detailliert von Augenzeugen erzählen. Es sind nicht die Propagandisten des Krieges, es sind einfache Leute, Pastoren, Spitalsärzte, Stadtschreiber, Feldwebel oder Totengräber. Auch ein sächsischer Postillion ist dabei, der von Napoleon als Pfadfinder angestellt, einen lückenlosen Bericht aus französischer Sicht liefert.

Diese zentralen Kapitel lesen sich anschaulich, der vielfachen Wiederholungen wegen aber auch etwas ermüdend. Gäbe es nicht die Überraschungsmomente in Form von essayistischen Exkursen über Goethes zweideutige Haltung zu Napoleon etwa oder über Englands Beitrag zur Völkerschlacht: Mit einer erstmals massenhaft eingesetzten Rakete, die in Napoleons Armee große Verheerungen anrichtete, begann laut Platthaus das, was im 20. Jahrhundert den totalen Krieg möglich machte.

Neben der neuen Waffentechnik macht er auch auf dem Gebiet der Kommunikation einen Modernisierungsschub aus. Dank der örtlichen Nähe zum Schlachtgeschehen stets aktuell informiert, legte der Leipziger Buchhändler F.A. Brockhaus mit den "Deutschen Blättern" den Grund für die zeitweilig größte deutschsprachige Zeitschrift sowie für eines der renommiertesten Verlagshäuser.

Vorwegnahme von Picassos "Guernica"

In einem letzten Kapitel verlässt der Autor die Bibliotheken und holt die Geschichte an den Schauplatz zurück. Zu Fuß durchstreift er, die unmittelbare Anschauung als Erkenntnismethode nutzend, das einstige Schlachtfeld und stößt zwischen Schrebergärten, Autobahnkreuzen, Plattenbauten auf die alten Erinnerungsmale, allen voran das Völkerschlachtdenkmal von 1913. Dessen Bilder aus übereinander stürzenden Menschen- und Pferdeleibern erscheinen ihm, höchst überraschend, wie eine Vorwegnahme von Picassos "Guernica".

Platthaus´ "1813" ist nicht so sehr das Werk eines Erzählers, auch nicht eines Feuilletonisten, sondern, gediegen in der Darstellung, eine solide historische Studie.

Besprochen von Edelgard Abenstein

Andreas Platthaus: 1813. Die Völkerschlacht und das Ende der Alten Welt
Rowohlt Berlin, Berlin 2013
480 Seiten, 24,95 Euro

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