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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.01.2016

Ein Kreuz macht KarriereKulturgeschichte des Hashtags

Von Christian Möller

Ein Sessel steht unter dem Hashtag "Love Where You Work" in den neuen Büroräumen des Kurznachrichtendienstes Twitter Deutschland in Hamburg. (picture alliance / dpa)
Ein Sessel steht unter dem Hashtag "Love Where You Work" in den neuen Büroräumen des Kurznachrichtendienstes Twitter Deutschland in Hamburg. (picture alliance / dpa)

Hashtags funktionieren wie Schlagworte im Social Web, mit denen man Relevantes aus dem Strom der Kurzmitteilungen herausfischt. Manchmal werden sie auch zu Slogans, die - siehe #aufschrei oder #jesuischarlie - Öffentlichkeit für ein politisches Anliegen herstellen.

Sketch Jimmy Fallon / Justin Timberlake:

"Hey Justin, what's up?"
"Not much to me. #chillin. What's up with you?"
"Been busy working. #rising???. #isitfridayyet?"

Stephan Porombka: "Also zuallererst muss man erst mal feststellen, dass dieses Zeichen eine unglaublich große kulturelle Leistung erbringt, nämlich dadurch, dass es zusammenführt, und dass es ordnet."

Sketch Jimmy Fallon/Justin Timberlake:

"Hey, check it out. I bought you some cookies. #homemade, #oatmealraisin, #showmethecookies!"
"Very good. #gettinmycookie. #imtherealcookiemonster. #nomnomnomnomnom."

Christiane Frohmann: "Ein erfolgreiches Hashtag ist eines, was die Runde macht, was sehr lebendig wirkt, was Leute dazu bringt, es zu benutzen und weiter zu spinnen, in neue Kontexte zu stellen, was sich einfach sehr stark im Netz bewegt."

Chris Messina: "I've seen them in shorts and I've seen them on hats. Nowadays, when I walk down the street, and I am seeing billboards or advertisements or buses or subways or in the airport – in any of those places, I am seeing hashtags all over the place."

Dirk von Gehlen: "Das Tolle an Hashtags ist, dass das einen öffentlichen Charakter bekommen hat. Und da gehen wir sozusagen schrittweise in einem noch dunklen Raum immer etwas weiter vorwärts und erleben, welche Optionen da eigentlich noch drin liegen."

Twitterer wussten vor der Tagesschau Bescheid

Jan Hofer: "Guten Abend, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Tagesschau. Frankreich ist heute vom verheerendsten Anschlag seit Jahrzehnten erschüttert worden..."

Als die Meldung vom Terroranschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo"  am 7. Januar 2015 im Fernsehen kommt, ist sie für die meisten Zuschauer keine Neuigkeit mehr.

Im Internet hatte die Nachricht vom Attentat wie ein Lauffeuer die Runde gemacht, vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, weitergereicht von Nutzer zu Nutzer.

Dirk von Gehlen: "Bei #Jesuischarlie war es wie bei den meisten Hashtags, die ich mitbekomme, dass man sozusagen in seine Twitter-Timeline schaut und das ist ja so ein reißender Strom an Informationen, der so an einem vorbeischießt."

Dirk von Gehlen,

@dvg; beigetreten März 2007, 22,7 Tausend Follower,

Redakteur der "Süddeutschen Zeitung":

"Und auf einmal stellt man fest, dass in diesem Fluss immer wieder ähnliche wiederkehrende Begriffe auftauchen. Und die sind sozusagen wie mit dem Raute-Zeichen gefiltert und da sieht man so, oh das ist schon der dritte Tweet, der diesen Hashtag in sich trägt."

Ein Hashtag – das ist ein kurzer Text, der immer durch das Raute-Zeichen eingeleitet wird. Wer ihn anklickt, den führt Twitter zu einer Liste mit allen Einträgen, die mit dem Hashtag, vergleichbar einem Schlagwort, versehen sind.

Dirk von Gehlen: "Bei #jesuischarlie hat es so eine gefühlte halbe Stunde gedauert, bis jemand die Geschichte aufgetan hat, dass ein, glaube ich, französischer Werbetexter als erster ein Bild gebaut hatte, auf dem der Satz draufstand und aus diesem Bild entwickelte sich dann über die Mechanismen der viralen Verbreitung dieser Hashtag.

"Und dann passiert im nächsten Schritt etwas, dass Menschen bei eigenen Beiträgen zu dem Thema oder bei Beiträgen, die sich irgendwie im weitesten damit beschäftigen, den Hashtag auch verwenden."

Rund 3,5 Millionen Mal wurde der Hashtag #jesuischarlie allein innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Anschlag verwendet, teilweise rund 6.500 Mal pro Minute. Rund um den Globus bekundeten Menschen auf diese Weise ihre Solidarität.

"Und so kommt dann diese virale Welle ins Rollen und wird immer größer und nimmt immer mehr mit und da entsteht dann sozusagen der Zauber des Viralen. Der Zauber dessen, dass das Internet eben kein klassisches Einbahnstraßen-Medium ist, sondern ein großer Raum, in dem man weltweit vernetzt ist."

Ordnung im Strom der Tweets

Stephan Porombka: "Also, zuallererst muss man erst mal feststellen, dass dieses Zeichen eine unglaublich große kulturelle Leistung erbringt, nämlich dadurch, dass es zusammenführt, und dass es ordnet."

Stephan Porombka,

@stporombka, beigetreten September 2012, 8.139 Follower,

Literaturwissenschaftler, Professor für Texttheorie an der Universität der Künste Berlin:

"Wir haben es ja bei den sozialen Medien tendenziell mit völlig unüberschaubaren schnellen, hochdynamischen Komplexen in Medien zu tun, in denen man ja, weil sie ja auch nur so funktionieren, dass in den Timelines immer alles oben drauf gestapelt wird und immer was Neues kommt und wieder was Neues und wieder was Beues und die Sachen nach unten verschwinden, dass man sie nicht wiederfindet."

Dirk von Gehlen: "Also historisch gesehen ist es objektiv so, dass wir mit mehr Informationen konfrontiert sind, als jemals zuvor. Dass die Geschwindigkeit schneller geworden ist, als jemals zuvor."

Stephan Porombka: "Und dass das dazu führen kann, dass man sehr viele vereinzelte Stimmen und Beiträge hat, die nicht mal aneinander vorbeilaufen, sondern eher so monadisch laufen."

Dirk von Gehlen: "Wir haben aber umgekehrt auch Mechanismen und Hashtags sind da wunderbare Beispiele, die uns helfen, Dinge zu filtern und zu organisieren."

Stephan Porombka: "Die Möglichkeit, Hashtags einzufügen, bedeutet plötzlich, dass man wie Kapitelüberschriften finden kann, unter dem bestimmte Tweets oder Beiträge oder Posts oder wie auch immer geordnet werden."

Dirk von Gehlen: "Hashtags sind meiner Meinung nach Filter."

Hashtags werden heute in mehreren Internet-Communities genutzt. Bei Facebook, beim Foto-Sharing-Dienst Instagram, vor allem aber beim Kurznachrichten-Dienst-Twitter. Dort wurde der Hashtag auch in die Welt der sozialen Medien eingeführt. Ein Jahr nach der Gründung von Twitter 2006.

Raute funktioniert auch auf alten Handys

Chris Messina: "So the origin story of the hashtag goes back to 2007."

Chris Messina,

@chrismessina, beigetreten Juli 2006, 78,9 Tausend Follower,

Software-Entwickler, Er gilt als Erfinder des Hashtags.

Chris Messina: "In the early days of Twitter, I was in the first, say, 2000 users of Twitter..."

"Das war die Frühzeit von Twitter, ich war einer der ersten zweitausend Nutzer. Meine Freunde und ich suchten nach einer Möglichkeit, die Gespräche dort für uns relevanter zu machen, sie mehr auf unsere Interessen abzustimmen oder das, was uns gerade passierte. Das war kurz, nachdem das iPhone rauskam. Die meisten Leute hatten also noch keine Touchscreens. Viele von uns hatten alte Nokia-Handys. Twitter lief über SMS.

Und ich suchte nach einer Lösung für Gruppen, die man schnell von unterwegs nutzen konnte, für die man nicht erst wieder zurück an den Computer gehen muss. Etwas, das über SMS funktioniert. Ich sah mich in der Softwarebranche um. In bestimmten Online-Chatforen, den IRC Chats, benutzte man das Raute-Zeichen, um einen Channel zu bezeichnen. Und das nahm ich mir zum Vorbild und sagte: Lasst uns einfach dieses Raute-Zeichen nehmen und damit Gespräche verschlagworten."

"And I said, guys, let's do this. Let's just put a pound symbol in front of a word. And kind of tag our conversations."

Ursprung im Mittelalter

Das Raute-Zeichen. Im englischen Sprachgebrauch auch als Pound-Symbol bezeichnet. Der Name deutet die altehrwürdige Herkunft des Kreuzchens an.

Sein Ursprung geht bis in die römische Antike zurück. Damals kam die lateinische Bezeichnung "libra pondo" auf, übersetzt etwa: "ein Pfund Gewicht". 

Seit dem Mittelalter wurde "libra pondo" mit einem kleinen l und einem kleinen p abgekürzt, versehen mit einem kleinen waagerechten Strich, wie man es damals bei Abkürzungen machte.

Und weil in Geschäftsbüchern und ähnlichen Dokumenten die "lp"-Abkürzung so häufig gebraucht wurde, schlich sich irgendwann eine Nachlässigkeit ein. Die beiden Buchstaben und der kleine Strich verschmolzen zu einem kleinen Kreuz.

"Number sign" nannte man es auch im Englischen. Denn es kam überall da zum Einsatz, wo man es mit Zahlen zu tun hatte. Zum Beispiel, sehr viel später, als eines der Standardzeichen auf jedem Tastentelefon.

Chris Messina: "On feature phones, essentially, you had an asterix and you had the number sign."

"Auf alten Mobiltelefonen hatte man als nicht-numerische Zeichen (unten) das Sternchen und die Raute. Bei Sprachsystemen gibt es ja auch am Ende eines Vorgangs die Aufforderung, die eine oder andere Taste zu drücken."

"And it happened to be that this character was easily reachable on these hardware keypads."

"Und das hatte einfach damit zu tun, dass die Raute auf alten Tastaturen gut zu erreichen ist. Heute auf Telefonen mit Touchscreen ist es natürlich viel leichter, eine große Zahl verschiedener Zeichen zu erreichen. Bei alten Telefonen war die Raute eines der Zeichen, das zu jeder Tastatur gehörte. Das machte es erreichbar für sehr viele Leute, auch Nicht-Englisch-Sprecher. Es gibt ja auch viele Hashtags zum Beispiel auf Arabisch, die nicht auf  lateinischer Schrift basieren. Die Tatsache, dass dieses Zeichen auf diesen Telefonen verfügbar ist, ist ein wichtiger Grund, warum der Hashtag an so vielen Orten funktioniert."

"The fact that that character has been present on these phones is actually a big part of why hashtags work so effective in so many different places."

Ein Erfolg, mit dem 2007 offenbar niemand außer Chris Messina rechnete. Die Resonanz auf seinen Vorschlag, erzählt er, war mäßig.

Twitter-Gründer waren nicht begeistert von der Raute

"I even brought my proposal to Twitter Headquarters..."

"Ich brachte meinen Vorschlag ins Twitter-Hauptquartier, da arbeiteten damals gerade mal 40, 50 Leute, in South Park in San Francisco. Ich ging also rein zu Biz Stone und Jack Dorsey, zwei von den Gründern, und sagte: 'Jungs, ich hab eine eine Idee für Gruppen auf Twitter!' Und sie guckten mich nur komisch an und sagten: 'Das wird nie was. Das ist viel zu nerdig.Nur so ein Tech-Typ wie du wird damit was anfangen können'." 

"That's way too nerdy. That's the kind of thing that only someone like you who is so technical would be able to appreciate or understand."

Der Hashtag ist damit ein typisches Kind des Web 2.0 – dem sozialen Netz, das vor allem auf Partizipation der einzelnen Nutzer basiert. Und auf Selbstorganisation.

Dirk von Gehlen: "Also nicht Twitter hat gesagt, wir bieten euch hier eine Filter- und Sortierungsmöglichkeit an, sondern die Nutzer haben gesagt, das ist hier alles so unübersichtlich, wir nutzen jetzt einfach Schlagworte, die mit einem Raute-Zeichen verbunden werden und darüber organisieren wir unser Gespräch."

Tatort als soziales Ereignis

Inzwischen gehören Hashtags zum Umgang mit Twitter fest dazu. Die Art und Weise, wie sie genutzt werden, hat sich in den acht Jahren, seit Chris Messina seinen Vorschlag veröffentlichte, stark ausdifferenziert. Dirk von Gehlen unterscheidet drei Typen von Hashtag-Nutzung.

"Der banalste Fall ist der Fall der Entstehung. Leute wollen für sich und ihren direkten privaten Umkreis etwas sortieren. Das ist sozusagen der Einstieg.

Der zweite Schritt ist so was wie 'Tatort'."

Seit ein paar Jahren versammeln sich jeden Sonntag Fernsehzuschauer ums virtuelle Lagerfeuer zum Tatort-Twittern. Sie gucken den Krimi in der ARD und twittern dazu unter dem Hashtag #tatort. Spontane Eindrücke, Witze, Wortspiele, sarkastische Kritik.

Was man früher vielleicht dem Partner neben sich auf dem Sofa zugeraunt hätte, wird nun mittels Hashtag dem Twitter-Kollektiv mitgeteilt.

Dirk von Gehlen: "Also eine gemeinsame Verbindung zu einem Ereignis hin. Wo man dann sagt, nein ich sortier das jetzt nicht mehr für meinen privaten Umkreis, sondern ich sortiere das für eine große Gruppe."

Vernetzter Individualismus

Das Smartphone-Display wird zum "Second Screen", wie Medienforscher das nennen. Dieser "zweite Bildschirm" gewinnt für die Nutzer an Bedeutung, während das, was sich auf dem Fernseh-Bildschirm abspielt, nicht mehr das Hauptereignis ist, sondern  zu einem Anlass wird, selbst kreativ zu werden.

Der Hashtag ermöglicht dabei das, was der kanadische Soziologe Barry Wellman als "networked individualism" bezeichnet hat, als "vernetzten Individualismus". In modernen Gesellschaften wollen Menschen meistens beides: Sich einer Gruppe zugehörig fühlen. Und als Individuum innerhalb dieser Gruppe zu erkennen sein.

Wer unter dem Hashtag #Tatort einen lustigen Spruch twittert, bekommt genau das. Er gibt sich nach außen als Mitglied des Tatort-Kollektivs zu erkennen. Und nach Innen als jemand, der vielleicht eine noch originellere Beobachtung gemacht hat als der Twitterer vor ihm. Und der Tatort ist nicht die einzige Gelegenheit dazu."

Dirk von Gehlen: "Das merkt man bei Sportereignissen, bei Fernsehereignissen. Also bei allem, was sozusagen einen Live-Charakter hat, wo man sagt, wir sortieren uns jetzt dazu und dann bekommt es eine virale Dimension. Und die dritte Ebene ist eine Form der politischen Sortierung, des politischen Filterns für etwas, was sonst in dieser Form keine Stimme bekommen hat. Also die Form von #Aufschrei - dass sozusagen eine gesellschaftlich relevante Stimme durch die Art und Weise der Hashtagsortierung auf einmal öffentliche Aufmerksamkeit erfährt."

#Aufschrei

"Anne Will"-Sendung:

"Aus Berlin – das Thema bei Anne Will: Sexismus-Aufschrei: hysterisch oder notwendig?"

Januar 2013. Der Hashtag namens #aufschrei ist in Deutschland vermutlich der erste, der von einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wird. Geprägt wurde er von den Aktivistinnen Nicole von Horst …

"@vonhorst, 3.392 Follower"

...und Anne Wizorek.

"@marthadear, 14.100 Tausend Follower."

Beide gehören zur netzfeministischen Szene.Unter dem Hashtag #aufschrei berichteten Frauen auf ihre Anregung hin von Erlebnisse mit sexueller Belästigung im Alltag.

"Hashtags eignen sich gut dafür, so etwas wie eine Gegenöffentlichkeit herzustellen."

Christiane Frohmann,

@FrauFrohmann, beigetreten September 2012, 2.943 Follwer,

Verlegerin und Literaturveranstalterin. Im 2012 gegründeten Frohmann-Verlag erscheinen Texte aus dem Feld der digitalen Literatur und Netzkultur.

"Also, wenn man sagt, die Realität wird in erste Linie dadurch erzeugt, wie Sachen oder ob Sachen in den Medien dargestellt werden. Das ist erweitert worden durch so eine ein bisschen privatere Form der Öffentlichkeitsherstellung. Und die läuft über Hashtags halt sehr, sehr wirkungsmächtig.

Ein erfolgreiches Hashtag ist eines was die Runde macht, was sehr lebendig wirkt, was Leute dazu bringt, es zu benutzen und weiter zu spinnen, in neue Kontexte zu stellen, was sich einfach sehr stark im Netz bewegt."

Beim feministischen Hashtag #aufschrei war das definitiv der Fall. 

"Also ich glaube, das war insofern ein sehr gelungenes Hashtag, weil es so ein mentales Bild aufmacht. Während Sexismus oder Diskriminierung oder positiv betrachtet Feminismus ja so viele Diskurse schon durchlaufen haben, dass da auch ganz viele negative Lagen sich angehängt haben. Während 'Aufschrei' noch sozusagen unbelastet war, aber sofort ganz viel ausgelöst hat in ganz vielen Frauen und Menschen, die in irgendeiner Form diskriminiert worden sind, dass fast jeder auf einmal merkte, mir ist so was auch mal passiert, habe ich lange nicht mehr dran gedacht, aber wie krass, das ist ja genau das, was die da gerade aufrufen und dann auch den Mut gefasst haben, sich da einzureihen in diese Bewegung, die dadurch auch immer größer wurde und dadurch auch - das ist nämlich der Witz, sobald man merkt, dass Öffentlichkeit entsteht und ein großer Sog im Internet, dann werden nämlich genau die Leute, die sonst so was abtun, aufmerksam und schreiben dann sogar mal brav einen Artikel darüber."

Oder macht eine Talkshow dazu.

"Also 'Aufschrei' hat ja dann auch den Grimme-Online-Award bekommen für das Hashtag. Das klingt ja erst mal ganz verrückt. Aber ist auch sehr angemessen."

Hashtags mit politischem Potenzial

Das Potenzial, mit Hashtags auf gesellschaftlich-politische Missstände aufmerksam zu machen, haben inzwischen einige Aktivisten entdeckt. Die Hashtags, die sie benutzen, sind in der Regel nicht mehr bloße Schlagworte, sondern oft halbe bis ganze Sätze.

#NotJustSad - Nicht einfach nur traurig. Unter diesem Hashtag berichten Twitter-Nutzer über ihre Depressionen.

#BlackLivesMatter.Schwarze Leben zählen. Hier geht es um zunehmende rassistische Gewalt gegen Schwarze.

#WhyISaidNothing. Warum ich nichts gesagt habe. Frauen berichten unter diesem Hashtag, warum sie über Vergewaltigungen geschwiegen haben.

Mit solchen Hashtags schaffen es die Aktivisten immer wieder, auch außerhalb der sozialen Medien Aufmerksamkeit zu erreichen. Noch vor zehn, zwanzig Jahren hätte man dafür direkten Zugang zu einem Fernsehsender, einer Zeitung oder einer großen Internet-Plattform haben müssen. Heute reichen ein Twitter-Account und ein geschickt gewählter Hashtag. 

Christiane Frohmann: "Ja, das knüpft ganz gut an so eine andere Geschichte an, dass man eigentlich sagen kann, also der alte Beuys hat es mit 'Jeder ist ein Künstler', jetzt könnte man so sagen, jeder ist ein Publisher. Jeder veröffentlicht unentwegt Content."

Und schreibt dabei mit an einem großen Text der Gegenwart. Für Literaturwissenschaftler Stephan Porombka ein hochinteressantes Phänomen. An dem aus seiner Sicht Hashtags einen entscheidenden Anteil haben:

"Hashtag heißt, dass es nicht nur den Text so sein lässt wie es ist, sondern ihn gleichzeitig katapultiert in andere Zusammenhänge, in andere Kontexte. Also im Grunde genommen ist der Text nicht nur das, was er ist, sondern er ist gleichzeitig Kontext-Text, weil er sich in den Kontext eben all der anderen Tweets stellt, die auch dazu geschrieben worden sind."

System von Verweisen

Das Prinzip ist im Grunde nicht ganz neu. Schon seit den späten 1960er-Jahren existiert in den Kulturwissenschaften der zeitweilig viel diskutierte Begriff der "Intertextualität".

Gemeint sind die mehr oder weniger expliziten Zitate, Bezüge und Anspielungen von Texten aufeinander. Über die Grenzen einzelner Werke hinaus bilden Texte ganz verschiedener Autoren ein System von Verweisen aus. 

Stephan Porombka: "Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive würde ich sofort sagen, das was unter Hashtag geordnet ist, wenn ich das aufschlage bei Twitter, ist so eine Art kollektiv erstellter Text. Das ist der Text, an dem alle schreiben, nämlich zu einem bestimmten Thema. Und an diesem kollektiv erstellten Text nehmen durch die Einfügung von Hashtags in ihre kleinen Texte alle eher so ... man muss sich das eher so vorstellen wie kleine Ameisenautoren, die alle so ihr Stück nehmen und ohne jetzt zu wissen, wie der große Text eigentlich aussieht und was das ist und in welche Richtung das geht, ihren Teil eben dazu schreiben, um dann irgendwann auf diese andere Seite zu gucken und davon überrascht zu sein, was eigentlich dabei entstanden ist."

Dabei sind politische Kampagnen wie im Fall von #aufschrei oder kollektive Solidaritätsbekundungen wie bei #jesuischarlie nur eine, öffentlich besonders sichtbare Dimension. Gerade für Twitterer, die den Dienst im Alltag sehr viel nutzen, spielt Humor eine wichtige Rolle.

Stephan Porombka: "Sehr weit verbreitet sind aber Hashtags, die, müsste man sagen, nur so was wie Witzhashtags sind, also da sagt man, man liegt noch im Bett und müsste jetzt eigentlich aufstehen #keinbock. Das ist dann, es gibt keine Tausende von Leuten, die jetzt zum Hashtag keinBock twittern wollen, sondern man macht was anderes, man tut so, als sei man nicht der einzige, der eben keinen Bock hat, sondern als gäbe es sowieso das große Überthema, mit dem wir alle zu tun haben. Und ergänzt im Grunde genommen seinen Tweet dadurch, dass man ihm jetzt nochmal eine andere Dimension eröffnet.

Man kann auch damit spielen, also: Ich liege im Bett und müsste eigentlich aufstehen #keinbock #ichmussaber. Und dadurch, dass man was dranhängt und mit dieser Verschlagwortung spielt, öffnet sich jetzt nochmal eine völlig andere Dimension. Ich müsste eigentlich aufstehen und frühstücken #keinBock #ichmussaber #egal.

Und es gibt jetzt auch die Möglichkeit tatsächlich aber auch für andere, darauf einzusteigen. Und das ist ja nochmal eine Form des Schreibens und des Nutzens von Hashtag, die jetzt versucht, einfach so was wie kleine Wortspiele, Sprachspiele und Bedeutungsspiele in Gang zu setzen, die dann eher mit so einer Lust weitergespielt werden von den Leuten da, die sehr, sehr weit verbreitet ist."

Am kollektiven Text schreiben Tausende. Ohne zentrale Kontrolle. Niemand hat die Autorität, vorzugeben, was unter einem Hashtag veröffentlicht werden darf und was nicht.

Weshalb aktivistische Hashtags immer von Leuten genutzt werden können, die das Anliegen, um das es geht, in Zweifel ziehen oder einfach nur verspotten wollen. Gerade bei Hashtags mit feministischen Anliegen passiert das regelmäßig. Zu den Tweets unter dem Hashtag #aufschrei etwa gehörten auch solche wie dieser hier.

"Meine Frau wollte auch etwas zu #aufschrei twittern. Das WLAN reicht aber nicht bis in die Küche."

Eine Erfahrung, die nicht nur politische Aktivisten auf Twitter machen. Auch Unternehmen, die Hashtags zu Werbe- oder PR-Zwecken nutzen, merken oft, dass das auch nach hinten losgehen kann.

Wenn etwa die Berliner Verkehrsgesellschaft BVG unter dem Hashtag #weilwirdichlieben positive Fahrgasterlebnisse sammeln möchte, aber vor allem Tweets über Verspätungen, ausfallende Züge und unfreundliche Kartenkontrolleure hervorruft.

Oder wenn der Lebensmittelkonzern Nestlé unter dem Hashtag #fragnestlé sich vor allem kritische Fragen  anhören musste.

Mit Kontrollverlust muss man rechnen

Dirk von Gehlen: "Kommunikation im Internet hat immer einen Kontrollverlust in sich. Also man kommt im Internet nicht wieder dahin zurück, wo man mal in den 80ern war, dass man sozusagen eine uneingeschränkte Kommunikationshoheit als Unternehmen hat. Und sagt, ich kommunizier jetzt das und ich bin so laut in meiner Kommunikation, dass es eigentlich für den Rezipienten unmöglich ist, Gehör zu finden. Das gibt es im Digitalen nicht mehr. Die Rezipienten können sich organisieren. Das kann mal positive, mal negative Effekte haben, aber sie können selber, wenn sie sozusagen ihre Stimme gemeinsam erheben, Lautstärke produzieren. Und das besondere ist, wenn ein Unternehmen zu einem Hashtag aufruft, ein Politiker das tut, fragt mich etwas, dann muss er gewahr sein, dass er damit eine Bühne öffnet, auch für Menschen, die nicht nur sagen, ich wollte mal sagen, der Kanzler ist ja ein ganz toller Politiker oder ich bin totaler Fan."

Heute sind Hashtags längst aus der digitalen Nische herausgekommen und zum Mainstream-Phänomen geworden. Auch wer nicht auf Twitter oder Instragram unterwegs ist, wird geradezu mit ihnen bombardiert. Ob im Fernsehen, zum Beispiel in der Late Night Show von Jimmy Fallon, der in einem Sketch zusammen mit Sänger Justin Timberlake ein Gespräch führt, das fast nur noch aus Hashtags besteht, ob in der Mode oder der Werbung.

Chris Messina: "I've seen them in shorts and I've seen them on hats."

"Ich sehe Hashtags auf Hosen, ich sehe sie auf Mützen. Wenn ich die Straße lang gehe, sehe ich überall Werbetafeln damit oder Anzeigen, an Bussen, am Flughafen– ich sehe überall Hashtags."

"I am seeing hashtags all over the place."

Dirk von Gehlen: "Ich glaube es ist so ein bisschen so, wie man früher mit Gewalt überall so ein @-Zeichen reingedrückt hat, um zu sagen, wir sind total modern und digital, verwenden heute viele das Raute-Zeichen auch in merkwürdigen Zusammenhängen offline, weil sie glauben, damit würden sie irgendeiner besonderen Form der digitalen Kompetenz Ausdruck verleihen."

Chris Messina: "It's along with the @-symbol..."

"Zusammen mit dem @-Zeichen steht er sozusagen für eine Brücke zwischen der digitalen und der realen Welt. Es zeigt, dass die Leute sich heute mit viel größerer Selbstverständlichkeit zwischen diesen Welten hin- und herbewegen."

"...going between these worlds in a fairly fluid way."

Die Trendsetter wenden sich ab

Und wie das immer so ist mit Phänomen, die zum Mainstream geworden sind: die Trendsetter wenden sich längst wieder ab.

Christiane Frohmann: "Aber es ist tatsächlich so, dass man eigentlich mehr Freude am Schreiben hat, wenn man das ohne Hashtag macht. Also es war irgendwie auch tatsächlich so was wie eine kurze Phase, wo man dem so alles abgewonnen hat, was man an Jux oder an Wirkung usw. erreichen kann, und jetzt benutzt man es, also ich benutze es wirklich eher wieder professionell und nicht als persönlichen Ausdruck."

Stephan Porombka: "Es ist wie Kleingeld, es verschwindet wieder. Ich freue mich immer nur auf den nächsten. Wahrscheinlich erinnere ich mich nicht an den letzten. 'Ach erinnerst du dich noch an den tollen Hashtag, der war ja so toll, dass ich mich ewig daran erinnere' - nein, der geht eben auch so durch und es kommt der nächste. Das war aber trotzdem der Witz war ein netter Moment, und auch das zählt, sozusagen."

Sketch Jimmy Fallon/Justin Timberlake:

"Hey guys?"

"Yeah, ?uest, what's up?"

"#shutthef****up."

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