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Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSein und Online
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Im Computer gibt es keine große Pause wie im Theater: Der Besucherschwund der Analog-Bühnen beschäftigt heute mehrere Feuilletonisten. Sind Twitter und Facebook schuld oder gar die "Blogwarte", von denen einer schreibt? Mehr

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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.08.2012

Ein kleines Nest blüht auf

Wie Friedrich der Große seine Stadt neu erfand

Von Adolf Stock

Potsdam: Blick durch das Säulenportal der Nikolaikirche auf den Alten Markt
Potsdam: Blick durch das Säulenportal der Nikolaikirche auf den Alten Markt (picture alliance / dpa - Klaus-Dietmar Gabbert)

Eine Ausstellung im Forum für Kunst und Geschichte in Potsdam zeichnet nach, wie die Stadt im 18. Jahrhundert zu einer bedeutenden Garnisons- und Residenzstadt wurde.

Potsdams Bürgermeister Jann Jakobs blickt auf die Geschichte seiner Stadt, die im 18. Jahrhundert zu einer bedeutenden Garnisons- und Residenzstadt wurde.

"Das beginnt beim Soldatenkönig und findet seine erste Vollendung natürlich mit Friedrich dem Großen. Das Gute ist, dass dann auch jeder der nachfolgenden Preußenherrscher meinte, Potsdam ein besonderes Kleinod noch hinzufügen zu müssen, aber man unterschätzt vielleicht auch ein wenig die schon im 18. Jahrhundert einsetzende Verbürgerlichung dieser Stadt, die ja dann auch das Potsdam Museum mit geprägt hat, dass ja vor 103 Jahren gegründet worden ist und zwar hier im Alten Rathaus. Und insoweit gehen beide Dinge auch eine Symbiose ein."

Doch wie man es dreht und wendet: Friedrich der Große bleibt der Kern der Potsdamer Stadtgeschichte. Als Friedrich König wurde, wollte er aus einem elenden Nest eine blühende Residenzstadt machen. Das ist ihm gelungen. Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die ersten Handwerker und Bauarbeiter. Der Alte Markt wurde zu einem der schönsten Plätze Europas, der nach der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg erst jetzt wieder neu entsteht: Die Nikolaikirche ist schon saniert, das Stadtschloss fast fertig, und das Palais Barberini wird an seinem historischen Ort demnächst wieder aufgebaut. Und natürlich das Alte Rathaus, frisch saniert ist es selbst das wichtigste Exponat der Potsdamer Sonderausstellung. Zum Platz-Ensemble zählt auch ein stattlicher Obelisk von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff. Jutta Götzmann, Leiterin des Potsdam Museums.

"Friedrich war es auch wichtig, seine Ahnenreihe am Obelisken zu verewigen mit Bildnis-Medaillons in römischer Manier. In der Wiedererrichtung zur Zeit der DDR sind diese Medaillons ausgetauscht worden, gegen die unverfänglicheren Architekten, heute sind Knobelsdorff, Schinkel und Persius an der Fassade zu sehen. Auf der Rückseite sehen Sie noch einige Vorlagen, Werke, unter anderem Palladios vier Bücher über die Baukunst. Sie wissen ja, dass das Alte Rathaus nach dem Entwurf nach dem Palazzo Angarano in Vicenza erbaut worden ist. Friedrich hatte eine Ausgabe in französischer Sprache und hat die als Maßgabe hier für den Bau des Alten Rathauses gewählt."

Italien: Palladio in Vicenca, Barberini in Rom. Friedrich der Große hatte einen erlesenen Architekturgeschmack.

Jutta Götzmann: "Sie sehen hier biografische Stelen, die wir errichtet haben, um Architekten vorzustellen, hier am Beispiel von Knobelsdorff oder auch Heinrich Ludwig Manger, der das Baukontor geleitet hat. Ihm haben wir es ja zu verdanken, dass es wichtige Bauakten gibt, die die Baugeschichte Potsdams festhalten."

Die Akten des preußischen Oberhofbaurats gehören zu den Grundlagen der Ausstellung. 190 Exponate sind zu sehen, zwei Drittel sind Leihgaben, hinzu kommt ein zeitgemäßes Medienangebot, mit interaktiven Bildflächen und Hörstationen.

In einer Vitrine liegt ein schriftlicher Rapport von 6. September 1783. Damals wurde festgehalten, wer durch die fünf Potsdamer Stadttore ein- und ausgereist ist. Es waren Gesandte, Angehörige des Hofes, Soldaten und Handelsleute.

"Mit Extrapost, die Kaufleute Harman aus Halifax in Engeland und Sjöberg aus Malmö in Schweden haben sich hier besehen, gehen nach Berlin."

Eine Abteilung widmet sich den hoch subventionierten Manufakturen, die unter Friedrich II. den Potsdamer Bürgern Wohlstand brachten.

Jutta Götzmann: "Wir haben vier größere Manufakturzweige ausgewählt. Einmal die Möbelherstellung, Sie sehen Glas und Kristall, hier am Beispiel auch des Kronleuchters. Sie sehen wichtige Manufakturen, Rewendt und Sartori stehen hier für Fayence-Manufakturen. In Potsdam wurde Seide angebaut, große Maulbeerplantagen angelegt, und es wurde auch Seide weiterverarbeitet. Es sind immer Personen, die dahinter stehen und die wir auch näher vorstellen."

Die Ausstellung endet in der Gegenwart. Heute ist der König in fester Hand der Werbung und des Tourismus. Im letzten Raum haben sich Künstler mit Friedrich II. beschäftigt. Sie kratzen an einem Bild, das sich viel zu glatt in unser Alltagsbewusstsein gefressen hat. Lovis Corinth macht hier den Anfang. Er hat einfach gemalt, was er beim Anblick der Totenmaske empfand. Die Spur führt weiter zu Bernhard Heisig, einem Meister der Leipziger Schule. Er malt in prächtigen Farben einen zerrissenen König Rex, der nur noch am Dreispitz zu erkennen ist.

Damit ist das Potsdam Museum schon weiter als die Bürgergesellschaft der Stadt. Ein paar Schritte vom Alten Markt wollte der Unternehmer Hasso Plattner Potsdam eine Kunsthalle schenken. Doch es gab Proteste gegen den Standort, und Bürgermeister Jann Jakobs ist kein Fridericus Rex, der einfach mal so was bestimmen könnte.

Jann Jakobs: "Wir haben ja alle mit – oder nicht alle, aber ein Großteil – mit großem Bedauern zur Kenntnis genommen, dass es Hasso Plattner zu viel geworden ist mit der Diskussion um seine Kunsthalle. Das wäre eine einmalige Chance gewesen, hier nochmal einen Diamanten hinzuzufügen, diese Diskussion hat sich erst mal erledigt. Aber die Kunsthalle bleibt in Potsdam, das ist das Gute daran, auf der anderen Seite, wer weiß, was sich noch für Alternativen finden."

Zunächst wird das Alte Rathaus gefeiert. Die Ausstellung zur Geschichte der Stadt macht schon neugierig auf die künftige Dauerausstellung. Sie soll im nächsten Jahr eröffnet werden und den Besuchern dann noch mehr von Potsdam erzählen, das ohne den Alten Fritz gar nicht zu denken ist.