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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.01.2011

Ein Klassiker

Albert Schweitzer: "Die Weltanschauung der indischen Denker"

Von Susanne Mack

Albert Schweitzer, Theologe und Arzt, 1963 (AP)
Albert Schweitzer, Theologe und Arzt, 1963 (AP)

Albert Schweitzer hat im Jahr 1934 ein Buch über die "Weltanschauung der indischen Denker" verfasst, das bald zum Klassiker avancierte. Im Vorwort zur Erstausgabe bedauert Schweitzer, dass er kürzen musste. 76 Jahre später hat sich der C. H. Beck Verlag entschlossen, das Werk vollständig herauszugeben.

"Schon lange setzte ich mich innerlich mit dem indischen Denken auseinander. Ich wurde dazu geführt, weil ich empfand, dass mein Denken dem indischen mehr verwandt ist als dem abendländischen."

Bekennt Albert Schweitzer, Sohn eines Pfarrers aus dem Elsass und Doktor der Theologie. Warum ist einer, der ursprünglich im Christentum zu Hause ist, vom Geist der alten Inder derart fasziniert?

"Weil ich der Überzeugung bin, dass wahres Denken zur Mystik führt. Dass das indische Denken unentwegt an der Mystik festhält, ist das Große an ihm."

Im ersten Teil seines Buches skizziert Schweitzer das Wesen der jahrtausendealten indischen Mystik, die bis heute im modernen Hinduismus lebt. Die indischen Mystiker verehren das göttliche Sein, im Sanskrit "Brahman" genannt. Brahman ist der Geist des Universums, die All-Seele. Mit ihr in Verbindung zu treten, war ursprünglich den Brahmanen vorbehalten, der altindischen Priesterkaste.

Folgt man hinduistisch-philosophischen Texten, den Upanishaden, werden alle Menschen-Seelen, auch alle Tier-Seelen, aus Brahman geboren und gehen sterbend in Brahman zurück. Diese Tatsache begründet die Seelen-Verwandtschaft alles Lebendigen. Und doch: Einer wie Albert Schweitzer, dem die Erfurcht vor dem Leben soviel bedeutet, vermisst etwas im brahmanischen Denken: Er vermisst eine entwickelte Ethik, vor allem das Gebot tätiger Nächstenliebe.

"Mit Ethik hat die brahmanische Mystik nichts zu tun. Sie ist durch und durch über-ethisch."

Wie kommt das? – Ganz einfach, meint Schweitzer: die Denkart der alten Inder verneint und verachtet das irdische Leben. Diese entrückte Geisteshaltung hat dazu geführt, dass soziale Fürsorge im alten Indien ein Fremdwort geblieben ist. Ein Zustand, den moderne Hindus beklagen.
Einer von diesen modernen Hindus ist Swami Vivekananda, über den Schweitzer in seinem Buch berichtet.

"Vivekananda äußerte sich geradezu verzweifelt darüber, dass das Abendland so große soziale Leistungen aufzuweisen habe, während in Indien, der Heimat der ewigen Wahrheiten, für die Armen und Leidenden so wenig geschehe."

Wie ist diese lebensverneinende Denkart im alten Indien entstanden? Und welche geistigen Gegenströme haben im Lauf der Jahrhunderte versucht, sie aufzuweichen? Diese Fragen beschäftigen Schweitzer im zweiten Teil seines Buches. Hier kommen die Samkya- Lehre, der Jainismus und der Buddhismus zu Sprache. Erst mit Buddha Shakyamuni, so Schweitzer, habe das indische Denken den Weg einer Ethik des Mitgefühls eingeschlagen. Aber ein Gebot praktischer, mitmenschlicher Fürsorge habe auch Buddha nicht formuliert:

"Wenn er die Rechtschaffenheit des Mönches in dem herrlichen Satz beschreibt: ‚Er ist mitleidig und barmherzig und trachtet freundlich nach dem Wohl aller lebenden Wesen’, so ist er weit entfernt, ihm damit tätige Liebe zuzumuten. Er macht ihm nur die zur Vollendung und zum wahren Seelenfrieden gehörige Geistesverfassung zur Pflicht."

Insgesamt hat man den Eindruck, Schweitzer hat die Reden des Buddha durch die Brille von Arthur Schopenhauer gelesen, einem deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, den Schweitzer in diesem Buch auch öfter erwähnt. Darum bescheinigt er dem Buddha atheistisches und anti-mystisches Denken. Übrigens eine Einschätzung, der Max Weber heftig widersprochen hat, für den Soziologen Weber ist der Buddhismus tiefe Mystik. Handelt es sich bei den Lehren des Buddha nun um eine mystische Religion oder um eine atheistische Philosophie? Die Debatte um dieses Thema ist uns bis heute erhalten geblieben.

Wie dem auch sei: Albert Schweitzer fühlte sich weniger zum Buddhismus als zum modernen Hinduismus hingezogen. Zu den Ideen von Ramakrishna, Vivekananda oder Tagore. In deren Geisteskosmos beansprucht das Gebot tätiger Nächstenliebe einen wichtigen Platz. Denn der moderne Hinduismus hat Elemente des Christentums aufgenommen, eines Christentums, das durch die britische Kolonialmacht ins Land gekommen war. Genau wie sich die indische Mystik von der christlichen Ethik hat inspiriert lassen, sollte die christliche Ethik von der brahmanischen Mystik lernen, empfiehlt Albert Schweitzer.

"Denn deren Gebot, jeder Mensch möge in allen Lebewesen sich selbst erblicken, führt, konsequent gedacht, zur Ehrfurcht vor dem Leben und zur tätigen Nächstenliebe."

Schweitzers Buch ist und bleibt ein Klassiker, den es zu lesen lohnt. Eine profunde Geschichte des indischen Denkens, kenntnisreich, dabei schlicht und klar formuliert. Besonders die in dieser Neu-Ausgabe erstmals veröffentlichten Texte –rund zehn Seiten, darunter eine bisher ungedruckte Variante des Vorwortes, belegen: Schweitzer hat Philosophie und Theologie nicht um ihrer selbst willen betrieben, sondern um sich Klarheit zu verschaffen über die eigene, richtige Geistes - und Lebenshaltung. Dazu war ihm religionsübergreifendes Denken eine vollkommen selbstverständliche Angelegenheit.


Albert Schweitzer: Die Weltanschauung der indischen Denker. Mystik und Ethik
Neu herausgegeben von Johann Zürcher und Ulrich Luz
C.H. Beck München 2010.
256 Seiten, 12,95 Euro

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