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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.10.2012

Ein Jahr wie kein zweites

Florian Illies: "1913. Der Sommer des Jahrhunderts", S. Fischer, Frankfurt/Main 2012, 320 Seiten

Der deutsche Journalist und Autor Florian Illies (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Der deutsche Journalist und Autor Florian Illies (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Voller Begeisterung beschreibt der Autor Florian Illies das Jahr 1913, das in mancher Hinsicht epochal ist: Der erste Weltkrieg steht bevor, Henry Ford setzt aufs Fließband, Strawinsky beflügelt die Musik. Illies nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise - und lädt zum Mit- und Nacherleben ein.

Begeisterung ist nicht die schlechteste Voraussetzung, um ein gutes Buch zu schreiben. Und Florian Illies ist sehr begeistert vom Jahr 1913, das er als ein "Jahr am Südhang der Geschichte" feiert. Max Weber diagnostizierte damals die "Entzauberung der Welt", doch das hindert Illies nicht daran, vor allem die zeitgenössische Kunst-, Literatur- und Musikszene in magischer Plastizität vorzustellen. Dazu verfolgt er in Monatskapiteln den Alltag der Heroen aus dem Umkreis der Moderne. Und zwar stets aus nächster Nähe, mit guter Ortskenntnis und starken Zitaten.

Man ist mit Rilke in Spanien, mit Schönberg in Wien, mit Marcel Duchamp ist man schlapp, mit Adolf Loos wütend und mit Alma Mahler und Oskar Kokoschka wild im Bett. Aber auch Hitler und Stalin streunen durchs Buch. In Kurzabsätzen fällt ein Luftschiff vom Himmel, dann wird Burt Lancaster geboren, und Henry Ford setzt aufs Fließband. Merke: Auch nackte Fakten befeuern die Suggestion.

Illies verschweigt nicht, dass sich in Europa die Horizonte verdüstern und Oswald Spengler am "Untergang des Abendlandes" arbeitet. Aber er vermeidet es, 1913 als bloßes Vorkriegsjahr zu porträtieren. Auch Optimisten waren ja reichlich vorhanden. David Starr Jordan, Präsident der Standford University, versicherte dem Publikum: "Der große Krieg in Europa, der ewig droht, wird nie kommen" - aus ökonomischen Gründen. So erhält der "Sommer des Jahrhunderts" sein eigenes Recht.

Manches Ereignis wurde sofort als epochal begriffen. Etwa die Uraufführung von Strawinskys "Le Sacre du printemps" in Paris. Der "Erste Deutsche Herbstsalon" in Berlin wollte dagegen Epoche machen, endete aber desaströs. Dass Sigmund Freud und C. G. Jung im Clinch lagen, floss sofort in die Wissenschaftsgeschichte ein; Kafkas unerträgliche Briefe haben zunächst nur Felice Bauer entsetzt, später die ganze literarische Welt fasziniert. Wer sich je für die Epoche interessiert hat, erfährt nicht allzu viel Neues. Bestechend ist jedoch die Zusammenschau der Ereignisse quasi im Geburtsstadium.

Nicht von ungefähr erwähnt Illies, dass 1913 Werner Stein geboren wurde, der Erfinder der synchronoptischen Geschichtsschreibung, die auf die Gleichzeitigkeit von Ereignissen abhebt. "1913" ist synchronoptische Anekdotenschreibung. Illies behält mittels rascher Szenenwechsel Hunderte von Personen und deren Verbindungen im Blick, um so "die ungeheuere ungleichzeitige Gleichzeitigkeit" vorzuführen, die er für das Hauptmerkmal des Jahres 1913 hält. Dass sich mit der gleichen Darstellungstechnik jedes Jahr der jüngeren Geschichte in bedeutendes Licht tauchen ließe, verschweigt Illies geflissentlich. Aber weil er nun einmal in 1913 verliebt ist, geht das in Ordnung. Und genauso, dass der bisweilen goldrandige Erzählton von analytischen Begriffen kaum gestört wird. Das ist nur konsequent. "1913" lädt eher zum Mit- und Nacherleben ein als zu abstrakten Reflexionen.

Obwohl Illies hier und da schmerzhafte Kalauer unterlaufen - "Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben" -, ist ihm ein leichtes und sympathisches Buch gelungen. "1913" eignet sich bestens für den Gabentisch und die Liegekur zwischen den Jahren. Krisenbewusste Leser werden hoffen, dass auf 2013 kein zweites 1914 folgt.

Besprochen von Arno Orzessek

Florian Illies: 1913. Der Sommer des Jahrhunderts
S. Fischer, Frankfurt/Main 2012
320 Seiten, 19,99 Euro

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