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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.07.2007

Ein hoffnungsvoller Appell

Jonathan Sacks: "Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können", Gütersloher Verlagshaus, 288 Seiten

Fast wie nebenbei arbeitet Sacks die Bedeutung von Hass und Vergebung heraus.  (AP)
Fast wie nebenbei arbeitet Sacks die Bedeutung von Hass und Vergebung heraus. (AP)

Der jüdische Philosoph und Theologe Jonathan Sacks ist Oberrabiner der "United Hebrew Congregations of the Commonwealth". In seinem jüngsten Werk sieht er im Gespräch mit denen, die uns fremd sind, das religiöse Gebot der Stunde. "Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können" ist das Erste seiner zahlreichen Bücher, das ins Deutsche übersetzt wurde.

"Jeder Kanon heiliger Schriften enthält Texte, die wörtlich genommen, dazu verwendet werden können, engstirnige Eigenheiten zu vertreten, Fremden zu misstrauen und intolerant denen gegenüber zu sein, die anders glauben als wir. Jeder enthält auch Quellen, die die Verwandtschaft mit dem Fremden betonen, das Mitgefühl mit dem Außenseiter, den Mut, der Menschen dazu bringt, die Hand über Grenzen der Entfremdung oder Feindschaft hinwegzustrecken. Die Wahl liegt bei uns."

Wie die Wahl ausfällt, könnte zur Überlebensfrage werden, und deshalb fordert Jonathan Sacks, dass die Religionen zur Problemlösung beitragen. Religiöse Führer trügen größere Verantwortung denn je, konstatiert er. Sie müssen einen neuen Bund befördern, in dem die Göttlichkeit aller Menschen, unabhängig von ihrem Glauben, betont und die Vielfalt der Religionen als Bereicherung gesehen wird.

Sacks beginnt bei seiner eigenen Religion und begründet aus Sicht eines orthodoxen Juden, warum die Verschiedenheit der Menschen gottgewollt und ihre Würde unteilbar ist. Das ist faszinierend und gerade für Nichtjuden und theologisch nicht speziell Gebildete lehrreich, denn der Autor gewährt – gut verständlich – Einblicke in die älteste monotheistische Religion.
Dabei geht es Sacks um die Herausforderungen der Gegenwart: Eine globalisierte Wirtschaft in einer Welt voller kultureller und religiöser Unterschiede, droht die Verschiedenheit zu negieren, die wir brauchen, um unsere Identität zu wahren.

Die neuen Informationstechnologien revolutionieren den Zugang zu Bildung und Wissen und tragen so zur Demokratisierung bei. Markt und Medien führen aber auch zu Verwerfungen, die Gewalt erzeugen, auch terroristischer Gewalt, die religiös begründet wird. Die einstige Frage der Ideologien sei beantwortet, so Sacks; heute gehe es um Identitäten. Und in dem Zusammenhang habe die Politik keine ausreichenden Antworten zu bieten. Die Fragen wer wir sind, woher wir kommen, wohin wir gehen, die Frage nach dem Sinn des Lebens, sie können seiner Meinung nach nur von den Religionen beantwortet werden.

"Als Sinn- und Zwecksystem sind die großen Weltreligionen noch nie überflüssig geworden. Aber als Ersatz für Politik sind sie voller Gefahren – und gefährlich sind sie in einigen Weltgegenden tatsächlich bereits geworden."

Im globalisierten Markt erkennt Sacks die große Chance, die Armut auf der Welt zu verringern und das habe durchaus religiöse Bedeutung. Andererseits führt die Globalisierung zu neuer Ungerechtigkeit. Politik schaffe die notwendigen Rahmenbedingungen für eine florierende Weltwirtschaft, aber Religion könne und müsse moralische Maßstäbe entwickeln, um die Frage nach gerechter Verteilung zu stellen und beantworten zu helfen. Religionen können zu einer "Vision von der Solidarität aller Menschen inspirieren."

"Märkte sind auf Tugenden angewiesen, die der Markt nicht hervorbringt, genau wie Staaten auf Tugenden angewiesen sind, die der Staat nicht hervorbringt. Wo werden sie hervorgebracht? In Familien, Gemeinschaften, Freundschaften, Gemeinden (..) und Bündnissen verschiedenster Art – kurz: überall dort, wo Menschen nicht zum Zweck des Austauschs von Reichtum oder Macht zusammenkommen, sondern sich füreinander engagieren oder sich gemeinsam eines größeren Anliegens annehmen."

Zu diesen größeren Anliegen gehört das Gespräch mit denen, die anders, die uns fremd sind. Darin sieht Sacks das religiöse Gebot der Stunde. Dass Juden dafür besonders gute Voraussetzungen haben, das zeigt der Autor. "Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können" lautet der viel versprechende Titel seines Buches. Aber wer deshalb konkrete Vorschläge erwartet, wie der Dialog mit jenen religiösen Führern in Gang gebracht werden könnte, die keineswegs auf Friedfertigkeit setzen, sondern im Gegenteil zu Hass und Gewalt aufrufen, der wird enttäuscht. Das Werk ist ein lehrreicher, gut geschriebener Appell, nicht mehr und nicht weniger.

Fast wie nebenbei arbeitet Jonathan Sacks die Bedeutung von Hass und Vergebung heraus und den Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung. Im Gegensatz zum passiven Optimismus setzt Hoffnung auf die Ergebnisse des eigenen und des gemeinsamen Tuns. In diesem Sinne ist sein Appell, ausgehend von einer realistischen Betrachtung großer Gefahren, immerhin hoffnungsvoll.

Rezensiert von Barbara Dobrick

Jonathan Sacks: Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können
Aus dem Englischen übersetzt von Bernardin Schellenberger
Gütersloher Verlagshaus; 288 Seiten, 19,95 €

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