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Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.12.2012

Ein Gottesdienst für alle Sinne

Kirchen bieten Extras für Demenzkranke

Von Josefine Janert

Einem normalen Gottesdienst könnten Demenzkranke nicht mehr folgen.
Einem normalen Gottesdienst könnten Demenzkranke nicht mehr folgen. (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)

Zwiegespräche statt Predigt, Volkslieder statt christlicher Texte: Einige Kirchen bieten spezielle Gottesdienste für Demenzkranke an. Die Gemeinden versuchen an das anzuknüpfen, was ihre Besucher aus der Kindheit kennen.

"Man muss sich das vorstellen so wie beim Computer eine Festplatte, so dass eine Platte nach der anderen aussteigt. Aber man hat auch festgestellt, wenn die motiviert werden, wenn man mit ihnen was unternimmt, dass dann auch ein inneres Aktivsein bei den Dementen noch vorhanden ist. Und man kann es zwar nicht mehr fördern, aber man kann es auf einem Level halten."

Raphael Thieme betreut Demenzkranke. Er ist in einem Berliner Seniorenheim tätig. Heute sind einige Bewohner eine halbe Stunde früher aufgestanden. Ein Behindertentransporter hat sie zur Trinitatiskirche in Charlottenburg gebracht. Nun sitzen sie zu viert auf der Kirchenbank: Thieme, eine demente Dame und zwei weitere Bewohnerinnen, die noch geistig fit sind. Zwar kommt die Pfarrerin Marlis Schultke hin und wieder in ihr Seniorenheim, um mit ihnen in der Cafeteria einen Gottesdienst zu feiern. Doch die Fahrt in die Kirche ist für die Bewohner ein besonderes Ereignis, meint Raphael Thieme:

"Und hier so eine anheimelnde Atmosphäre praktisch in einer Kirche, wenn wir hier vorfahren, die Glocken läuten, die Orgel spielt und so weiter. Viele Bewohner haben auch in ihren Zimmern eine Bibel, in der sie täglich lesen und so weiter und so fort. Oder man liest ihnen was vor. Und dann kommen natürlich oftmals so Geschichten bei den Leuten hoch, aus ihrem Leben, wo sie konfirmiert wurden, als Kind, in der Dorfkirche oder in einer großen Kirche in der Stadt und so weiter."

Die Kirche ist nun gut gefüllt mit Menschen aus Seniorenheimen in der Umgebung. Hinzu kommen Gemeindemitglieder und die vielen Ehrenamtlichen. Sie helfen Marlis Schultke dabei, den Gottesdienst zu gestalten, der durch Spenden finanziert wird. Bezahlt werden muss unter anderem der Transport in die Kirche und zurück.

Die Ehrenamtlichen haben ein Faltblatt mit dem Programm ausgeteilt: Es ist kurz und verzichtet auf verkopfte Liturgie. "Kleider machen Leute" lautet das Motto. Passend dazu hängen Bilder von fein gemachten Männern und Frauen im Altarraum. Ihre Kleidung erinnert an die zwanziger Jahre. Damals waren viele Alte noch Kinder. Schauen, singen, hören - dieser Gottesdienst spricht die Sinnesorgane an.

Vielen Demenzkranken fällt eher ein Volkslied ein, das sie schon vor 70 Jahren gesungen haben, als dass sie sich daran erinnern, was sie gestern Abend gegessen haben. Manche haben das Lied mitgeträllert, andere dösen vor sich hin.

Jetzt beginnt die Predigt. Sie ist aber kein Monolog. Marlis Schultke hält ein Zwiegespräch mit einer der Lektorinnen:

"Kleider machen Leute! Schau dir mal die Leute an: nicht wiederzuerkennen. Sehen die gut aus! Haben sich in Schale geworfen. Sehen ganz anders aus als sonst."

"Naja, dieser Gottesdienst ist ja auch was besonderes. Und weißt du, ich zieh mir ja auch immer was besonderes an."

Gott schaut nicht auf dein Äußeres - du bist immer willkommen. So lautet die Botschaft der kurzen Predigt.

Nun folgt das Abendmahl. Weil viele Alte aus eigener Kraft nicht nach vorn gehen können, kommen die Pfarrerin und die Ehrenamtlichen zu ihnen. Sie bringen Brot und Gläser mit Traubensaft. Am Ende des Gottesdienstes schenken sie jedem eine Blume:

Marlis Schultke hat den Talar abgelegt und sich an eine der langen Kaffeetafeln gesetzt, die in der Kirche aufgestellt wurden. Sie kennt viele Menschen persönlich, schließlich ist sie als Seelsorgerin in Seniorenheimen tätig. Vor acht Jahren trat der Sozialpsychiatrische Dienst an sie heran. Ob sie sich vorstellen könne, einen Gottesdienst für Demenzkranke zu feiern? Solche Gottesdienste gibt in mehreren deutschen Städten, sowohl in katholischen als auch in evangelischen Kirchen.

Marlis Schultke nahm sich viel Zeit, um ein fundiertes Konzept zu entwerfen. Eine Erkenntnis lautet: Rituale helfen den Menschen, sich zu orientieren. Deshalb wird etwa das Lied "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" jedes Mal gesungen. Deshalb gibt es jedes Mal für jeden Besucher ein kleines Geschenk. Und deshalb treffen sich nach dem Gottesdienst alle zum Kaffeetrinken. Marlis Schultke:

"Da sind Erinnerungen an ihre Jugendjahre zum Beispiel. Da müssen Sie einfach anklopfen. Die hören das. Die wissen das dann. Also ich erinnere mich an einen alten Herren, der eigentlich nicht mehr sprechen konnte. Ich glaube "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" war das. Das sollte gesungen werden. Und wir drehten uns um, und er sang. Er hat natürlich danach wieder aufgehört zu singen, aber er konnte durch das Miteinander aufgeregt, angeregt singen. Das war toll."