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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.09.2012

Ein Gott, drei Räume

Projektleiter Roland Stolte über die Pläne einer Kirchen-Synagogen-Moschee in Berlin

Moderation: Liane von Billerbeck

Das Bethaus soll in Rufweite des künftigen Schloss-Neubaus entstehen.
Das Bethaus soll in Rufweite des künftigen Schloss-Neubaus entstehen. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

In der Mitte Berlins soll ein Lehr-und Bethaus entstehen: ein Haus für Christen, Juden und Muslime. Man wolle einen Ort der Begegnung schaffen, der das "Näherrücken von Religionen hier in der Stadt" symbolisiere, so Roland Stolte, theologischer Referent der Sankt-Petri-Gemeinde Berlin.

Liane von Billerbeck: Nathan der Weise wäre vermutlich stolz, dass in Berlin ein gemeinsames Lehr- und Bethaus entstehen soll für Muslime, Christen und Juden, und das auch noch an historischem Ort, denn auf dem Petriplatz, mitten im ältesten Teil Berlins, da standen schon seit der Gründungszeit der Stadt im 12. Jahrhundert Sakralbauten.

Genau dort soll jetzt Unerhörtes geschehen, dort soll ein gemeinsames Bethaus für drei Religionen entstehen.

Roland Stolte ist jetzt mein Gast. Er ist theologischer Referent der Sankt-Petri-Gemeinde, Mitinitiator und Projektleiter des Architekturwettbewerbs für dieses Lehr- und Bethaus. Herzlich willkommen!

Roland Stolte: Guten Tag!

von Billerbeck: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, so ein Haus zu bauen?

Stolte: Als Theologe könnte man ja vielleicht sagen, diese Idee sei vom Himmel gefallen, aber ganz so ist es nicht. Sie hat einen längeren Vorlauf, und sie hat zum einen viel auch mit dem Ort zu tun. Der Petriplatz ist ja so ein bisschen die Geburtsstätte Berlins, und wir sind als Kirchengemeinde für diesen Ort verantwortlich gewesen, schon seit Jahren, und dass der Ort solch eine Bedeutung hat, ist seit 2007 durch archäologische Grabung auf diesem Platz überhaupt erst auch den Berlinern bewusst geworden - und uns auch selbst ein Stück weit bewusst geworden, dass wir hier doch eine Verantwortung tragen für einen Ort, der der Urort der Stadt ist, auf den sich alle Stadtjubiläen ja auch beziehen, und insofern haben wir dann im Gefolge der archäologischen Grabungen noch mal ganz neu überlegt, was machen wir hier mit diesem Ort.

Und das zweite, was dazu kam, war dann, dass uns relativ schnell klar wurde, dass wir dort nicht noch eine Kirche errichten können - es gibt genug Kirchen in Berlin -, und wir dieses Gefühl hatten, dass es doch an der Zeit sei, dass man dieses Näherrücken von Religionen hier in der Stadt, was wir ja auch in unserem Alltag erleben, und auch die Auseinandersetzung der Stadt hier mit Religion, mit dem Phänomen der Religion an sich, dass man da ruhig mutig mal vorangehen sollte, nicht einfach immer nur den Entwicklungen hinterherhinken, sondern das auch mal anpacken, mutig, dieses Thema, und daraus etwas machen, was an diesem Urort von Begegnung, von Religion und Stadt etwas Zukunftsweisendes auch dann in sich birgt. Und das war so ein bisschen die Grundidee und der Ausgangspunkt vor zwei Jahren.

von Billerbeck: Also nicht reagieren, sondern agieren, und deshalb sind Sie auf die Idee mit einem Lehr- und Bethaus für drei Religionen gekommen. Nun unterscheiden sich die drei Religionen ja nicht bloß in ihren Vorstellungen von Gott, sondern auch in ihren sakralen Bauten.

Und ich habe mir sofort vorgestellt, wie kann das zusammenpassen, eine christliche Kirche, eine jüdische Synagoge und eine Moschee - also eine Kirchensynagogenmoschee -, wie müssen wir uns das vorstellen, wie waren da die Vorgaben für diesen Architekturwettbewerb?

Stolte: Also es gab einen sehr langen Vorlauf, und dass es also von der Idee bis hin zum Architekturwettbewerb zwei Jahre dauerte, ist auch alles andere als ein Zufall gewesen. Also es bedurfte einer Vielzahl von Vorüberlegungen theologischer Natur. Man musste ja auch überlegen, also sucht man sich bei diesem Projekt den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen den Religionen oder pflegt man eher wirklich das eigene und sucht im Pflegen des Eigenen die Begegnung miteinander? Das war ein wichtiger Gesprächsgang, den wir miteinander zu führen hatten.

Dann waren die architektonischen Fragen natürlich ganz entscheidend, und die Architekten waren sehr neugierig und auch gewillt, sich in diese Fragen mit einzuarbeiten und einzufühlen. Und insofern sind aus diesem Prozess des miteinander Überlegens und Konzipierens sind Vorgaben entstanden, die im Grundlegenden darin bestehen, dass jede Religion ihren eigenen Raum haben soll, also wirklich Kirche, Moschee und Synagoge unter einem Dach, aber verbunden mit einem gemeinsamen Raum der Begegnung, sodass also da der Akzent ganz stark bei uns darauf liegt, dass jeder das Eigene auch pflegen kann, die eigenen Gottesdienste feiern kann und dann sich aus dieser Pflege eigener Identität auch dann die Begegnung ergibt.

Und insofern war das eine Grundstruktur für den Architekturwettbewerb, zu sagen, es gibt auch drei eigene Räume, die auch durchaus individuell gestaltet werden können, plus diesen gemeinsamen Raum, in den sich die drei Räume, die drei Sakralräume hin öffnen, um so also die Begegnung auch möglich zu machen.

von Billerbeck: Nun sind das drei monotheistische Religionen. Wäre es auch denkbar, dass andere da auch teilnehmen, oder weshalb haben Sie sich so entschieden?

Stolte: Jetzt ist es auch mit der Struktur des Gebäudes zunächst auf die drei monotheistischen Religionen doch sehr stark fokussiert. Wir haben es am Anfang überlegt, aber schnell verworfen, weil das wäre so unübersichtlich geworden, auch von dem Religionsbegriff, und auch von dem Einstieg in das, was Religion ausmacht, wäre es sehr kompliziert geworden. Und wir haben uns auch vor dem Hintergrund dafür entschieden, es so zu machen, weil die drei Religionen jetzt doch das Stadtleben prägende Kräfte hier sind. Und insofern vollzog sich jetzt so die Festlegung, die, ich denke, natürlich prinzipiell offen ist, aber durch die Bauform auch des Gebäudes auch eine gewisse Festlegung weiterhin behalten wird.

von Billerbeck: Wie müssen wir uns das nun ganz praktisch vorstellen, in diesem Lehr- und Bethaus, das drei Religionen bauen? Wie läuft das ab da, ganz alltäglich, wie stellen Sie sich das künftig vor?

Stolte: Jetzt wird natürlich in einem ersten Schritt der Bauprozess selber, wird auch noch mal sehr spannend sein. Das habe ich mir auch von den Architekten sagen lassen, dass natürlich, wenn wir jetzt den Preisträger des Wettbewerbs gefunden haben, dass dann noch mal ein neuer Arbeitsprozess beginnt, wie also die Innengestaltung wirklich im Detail aussehen wird, wie bestimmte Gestaltungsformen auch dann für die Moschee, für Kirche und Synagoge aussehen werden, da wird man noch mal sich ganz im Detail zusammenzusetzen haben - da denke ich mir, wird es auch mit dem Architekturbüro, mit dem Berliner Büro Kühn Malvezzi wird es noch mal ein sehr spannender Konzeptionsprozess werden. Und dann, wenn es denn irgendwann mal stehen sollte - hoffentlich bald -, wird es dann natürlich auch einen sehr spannenden Prozess geben, wie das Zusammenleben auch aussehen soll.

Da war es ja so, dass wir jetzt auch schon auf Bitten der Architekten so eine Art fiktiven Jahresplan mal erstellt haben. Also welche religiösen Feste will wer feiern, und wo sind Berührungspunkte oder wo sind religiöse Feste, wo die jeweiligen Religionen sagen, nein, da wollen wir eher unter uns bleiben, das sind auch sehr spannende Fragen, wo wir also auch schnell dann in theologisches Diskutieren und in theologische Debatten gekommen sind.

Und das wird also dann im Zuge der Nutzung - da gibt es jetzt natürlich auch den ersten Vorschlag, auch mit Festen, die sich der Stadt hin öffnen, und die also zeigen, dass Religion auch ...

von Billerbeck: Also auch für Nichtgläubige?

Stolte: ... genau, auch für Nichtgläubige, dass da die Begegnungsmöglichkeit auch da einen deutlichen Akzent haben wird. Ob sich das alles denn so bewähren wird, werden wir alles dann zu erproben haben. Insofern ist es also - es war ein Wagnis und wird ein Wagnis auch bleiben.

von Billerbeck: Roland Stolte ist mein Gast, Mitinitiator und Projektleiter des Architekturwettbewerbs für ein gemeinsames Lehr- und Bethaus für Muslime, Christen und Juden. Ohne Identitäten zu vermischen, das steht im ersten Satz auf der Internetseite des Vereins für dieses Haus - da werden ja schon Grenzen gezogen. Wie wichtig war dieser Satz den Beteiligten, dieses Grenzen Ziehen?

Stolte: Das war uns sehr wichtig. Wir haben auch schnell den Vorwurf gehört, ob hier nicht so eine Art Religionsvermischerei, also so ein Religionseintopf ...

von Billerbeck: Ein Surrogat ...

Stolte: ... entsteht. Das wollten wir auch nicht, weil wir denken, dass gerade auch im Pflegen des Eigenen sich ja überhaupt erst ein vernünftiges Gespräch zwischen Partnern ergeben kann.

von Billerbeck: Aber ist das nicht so ein bisschen was wie Gütertrennung in der Ehe - ich liebe dich, ich heirate dich, aber bitte nicht an mein Geld ran?

Stolte: Nein, es geht ja eher mehr um inhaltliche Fragen dann. Es geht ja nicht darum, dass wir einfach Positionen, die für den jeweiligen Glauben, sei es welcher Religion auch immer, dass man die aufgibt, um ja dann mit einem anderen besser ins Gespräch kommen zu können.

Also es geht da um ein redliches Beibehalten auch eigener Positionen, die man natürlich im Gespräch mit dem anderen auch noch mal neu zu überdenken lernt. Dass es da sehr spannende Prozesse geben wird, das sehen wir ja auch aus der theologischen Wissenschaft, die ja dieses Thema gerade sehr intensiv auch diskutiert, dass aber auch auf so einer Ebene, wo auch Gemeinden sich treffen, und wo es so zentral in der Mitte Berlins verortet ist, das auch jetzt so zu machen, das, glaube ich, wird sehr spannend sein, und da, glaube ich, ist dieses nicht Vermischen und dieses auch Gucken, dass das, was die jeweilige Religion ausmacht, auch unverkürzt jeweils zur Geltung kommt, das ist, glaube ich, an der Stelle auch sehr wichtig.

von Billerbeck: Wenn man dieses Projekt betrachtet, dann hat man den Eindruck, so was geht nur mit liberal ausgerichteten Gemeinden, christlichen, jüdischen und muslimischen. Sehen Sie das auch so?

Stolte: Bei dem Einstieg jetzt würde ich dem zustimmen, ja. Es hat es natürlich leichter gemacht, in dieser Konstellation jetzt zu beginnen. Es ist allerdings für uns wichtig gewesen, wir haben ja richtig juristisch eine Art Hausordnung festgelegt oder Spielregeln festgelegt, wie wir miteinander umgehen.

von Billerbeck: Was steht da zum Beispiel drin?

Stolte: Und da ist jetzt zum Beispiel einer der zentralen Gedanken, dass wir nicht als die Institutionen, die jetzt bei dem Projekt beteiligt sind - also wir als kleine Kirchengemeinde oder auch der eher liberale Teil der jüdischen Gemeinde -, dass die nicht exklusiv für ihre jeweilige Religion einstehen, sondern dass wir sagen, wir wollen immer auch das Öffnen hin zu anderen Richtungen.

Und das heißt, dass wir als evangelische Gemeinde auch die Einladung an die katholische Kirche gerichtet haben, zu sagen, wenn ihr Mal temporär mitmachen wollt, seid ihr herzlich eingeladen.

Und so ist es zum Beispiel auch in der jüdischen Gemeinde, dass da der Rabbiner, Herr Ben Kurin, der von der jüdischen Gemeinde entsandt wurde, großen Wert - zu Recht - darauf gelegt hat, dass auch die Bauform des Synagogenteils so jetzt auch gestaltet ist, dass auch orthodoxe Juden dort ihre Gottesdienste in Zukunft werden feiern können.

von Billerbeck: Nun ahnen Sie wahrscheinlich, was ich frage: Könnte der muslimische Teil in dieser Baugemeinschaft für dieses Haus dann möglicherweise auch Platz für Hassprediger bieten, die ja auch in Moscheen gepredigt haben - auch in Deutschland schon?

Stolte: Steht auch in der Charta als ein weiterer Bestandteil, also die Partner haben sich verpflichtet, die freiheitliche Grundordnung unseres Landes mit allem, was dazugehört, sich darauf zu verpflichten, und diese Charta ist verbunden mit der Satzung unseres Vereins, den wir gegründet haben als Projektpartner.

Und es gibt richtig auch Restriktionsmaßnahmen, wenn also Partner irgendwann mal über die Stränge schlagen sollten. Insofern waren wir da, glaube ich, sehr bedächtig, haben uns auch Rat geholt, wie wir mit diesen Fragen umgehen. Und gerade im Bereich, was ja gerade jetzt so virulent ist, mit Muslimen, wo man doch auch aufpassen muss, und gucken muss, mit wem man da Partnerschaften eingeht, ist es so, dass wir da zum Beispiel - das Bundesinnenministerium ist da auf Arbeitsebene im Kuratorium des Vereins mit vertreten und muss da auch Rat zu geben, dass wir da immer auf dem richtigen Weg jeweils bleiben.

Es ist aber auch bei den Muslimen so, dass die genau so auch - das ist ein kleiner Verein, Forum für interkulturellen Dialog, die da unser Partner sind, die sich auch genau so öffnen wollen -, innerhalb dieser Spielregeln, und auch andere Institutionen, andere Moscheevereine auch dann mit bitten wollen, auch dann daran teilzunehmen.

von Billerbeck: Nun haben Sie gezeigt, es gibt Gemeinsamkeiten, es gibt aber auch Abgrenzung. Trotzdem die Frage, in die Zukunft geblickt, wäre es möglich, irgendwann mal so eine Art multireligiöse Gemeinde zu bilden, wenn sich das da gut anlässt?

Stolte: Man wird gucken müssen. Also es gibt natürlich jetzt schon auch Überlegungen, Bestrebungen, also das zumindest zu liturgischen Formen zu finden, dass man also innerhalb bestimmter Grenzen auch gemeinsam Gottesdienste oder Andachten feiert.

Da sind - mit dem Prozess sind wir aber ganz am Anfang noch. Und da wird man abwarten müssen, da sind wir auch relativ offen, das weiter zu überlegen, aber unter den Prämissen, die wir eingegangen sind, unter diesen Prämissen kann man es auch dann weiter verfolgen, und auch da ist es, würde ich sagen, ein Wagnis. Und dass wir alle gemeinsam feiern, ist dann eher dem Jüngsten Gericht überlassen und der Zeit danach.

von Billerbeck: Das sagt Roland Stolte, theologischer Referent der Sankt-Petri-Gemeinde Berlin, Mitinitiator und Projektleiter des Architekturwettbewerbs für ein gemeinsames Lehr- und Bethaus für Muslime, Christen und Juden, das in der Mitte Berlins entstehen soll. Danke für das Gespräch!

Stolte: Bitte schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.