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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.01.2011

"Ein gesellschaftliches Erdbeben"

Filmemacher Ali Samadi Ahadi über die schwierige Situation von Künstlern im Iran

Ali Samadi Ahadi im Gespräch mit Joachim Scholl

Der Regisseur und Drehbuchautor Ali Samadi Ahadi (picture alliance / dpa)
Der Regisseur und Drehbuchautor Ali Samadi Ahadi (picture alliance / dpa)

Nach den Protesten gegen die Präsidentschaftswahl im Iran sitzen nach Auskunft von Regisseur Ali Samadi Ahadi viele Künstler im Gefängnis oder leben wie er im Ausland. Sein Film "The Green Wave" über die Grüne Revolution kommt im Februar ins Kino.

Joachim Scholl: Sie reißen nicht ab, die Meldungen aus dem Iran über Festnahmen und Verurteilungen von Journalisten, Anwälten und Künstlern. In dieser Woche wurde die Anwältin Nasrin Sotude zu 11 Jahren Haft verurteilt, kurz vor Weihnachten der Filmemacher Jafar Panahi zu 6 Jahren und 20 Jahren Berufsverbot. Beide hatten sich um mehr Demokratie und Menschenrechte in ihrer Heimat eingesetzt. Diese Hoffnung auf einen politischen Wandel dokumentiert nun ein Film, den Ali Samadi Ahadi gedreht hat, "The Green Wave". Der Titel spielt auf die sogenannte Grüne Revolution an, auf die Proteste nach den Parlamentswahlen 2009. Ali Samadi Ahadi ist jetzt bei uns zu Gast. Willkommen, Herr Ahadi!

Ali Samadi Ahadi: Vielen Dank!

"The Green Wave" NUR FILMSTARTScholl: Als Sie im Dezember für "The Green Wave" den Deutschen Menschenrechtspreis erhielten, haben Sie aus Jafar Panahis Verteidigungsrede vor dem Teheraner Gericht zitiert. Was bedeutet diese Verurteilung für die Filmwelt, für die Filmkünstler im Iran?

Ahadi: Das ist, würde ich sagen, ein klares Signal an die Filmschaffenden, an die Künstler: Das, was wir mit Jafar Panahi machen können als renommiertem, weltbekannten Regisseur, das können wir mit Leichtigkeit auch mit euch machen. Das ist ein klares Signal: Haltet euch von Menschenrechten fern, haltet euch von Dingen fern, die euch nichts angehen, und ihr werdet weiter existieren können. Aber ich glaube, dass es gerade der Anfang erst ist dieser Auseinandersetzung.

Scholl: Es gab ja etliche Festnahmen von Regisseuren – jetzt gibt es diese Verurteilung und diese auch überaus harte Strafe. Ist das eine neue, absichtsvoll brutale Dimension, wie jetzt die Staatsmacht vorgeht?

Ahadi: Also die Brutalität hört ja nicht mit harten Haftstrafen gegen Filmschaffende oder Rechtsanwälte auf, sondern wir haben eine riesengroße Welle von Hinrichtungen seit den Präsidentschaftswahlen erlebt. Fast jeden Tag gibt es Nachrichten von Hinrichtungen, von Menschen, die aus irgendwelchen unterschiedlichsten Gründen verhaftet worden sind. Iran führt diese Hinrichtungsliste weltweit, nach China, laut Reporter ohne Grenzen ist Iran das größte Gefängnis für Journalisten. Und all das zeigt, dass die Regierung der Meinung ist, dass durch harte Gegenmaßnahmen der Wunsch bei den Menschen nach Veränderung, nach Wechsel abebben wird.

Scholl: Nun ist Jafar Panahi inzwischen eine wirklich prominente Persönlichkeit, auch gerade durch den Prozess. Er war jetzt bei der Berlinale in die Jury eingeladen worden. Als das Urteil bekannt wurde, hat die Berlinale sofort ihre ausdrückliche Unterstützung zugesagt. Schon vorher war die Solidarität groß für ihn. Bewirken solche Reaktionen eigentlich etwas im Iran, oder provozieren sie vielleicht sogar gerade das Gegenteil?

Ahadi: Wir haben gar keine andere Wahl, als den Mund aufzumachen, gegen Unrecht laut Nein zu rufen. Wenn wir uns als freie Menschen betrachten, wenn wir uns dem deutschen Grundgesetz verpflichtet fühlen, wenn wir uns der Menschlichkeit verpflichtet fühlen, sind wir gezwungen, unseren Mund aufzumachen und laut Nein zu rufen. Dementsprechend glaube ich, dass Herr Kosslick und seine Kollegen bei der Berlinale genau das Richtige gemacht haben, und ich glaube schon, dass es der iranischen Regierung nicht unwichtig ist, wie die Rezeption deren Politik außen ankommt.

Wir können es erleben anhand von Sakineh Ashtiani, die zur Steinigung verurteilt worden war, und deren Steinigung nach vehementen Protesten weltweit abgesetzt werden musste, weil man gemerkt hat: Man kann nicht so gegen sein eigenes Volk vorgehen. Ich glaube schon, dass es was bewirkt, und ich hoffe auch, dass es nicht nur im Iran was bewirkt, sondern auch in unserer Politik, unserer Außenpolitik im Westen was bewirkt betreffend Iran.

Scholl: Ali Samadi Ahadi, der iranische Filmemacher ist bei uns zu Gast hier im Deutschlandradio Kultur. Sie haben Ihren Film nun, Herr Samadi, aus der Ferne gedreht, Sie sind nicht in den Iran gereist. War das nicht möglich, oder wollten Sie das gar nicht?

Ahadi: Nein, es war nicht mehr möglich nach den Wahlen im Iran einzureisen und wirklich offen Filme zu machen. Sie haben sicherlich verfolgt, dass ausländische Kollegen aus dem Land verwiesen wurden, dass iranische Kollegen in Scharen in die Gefängnisse gebracht wurden, dort verhaftet wurden, unterdrückt wurden, dass sie falsche Zeugnisse ablegen mussten. Jeder, der mit einer Kamera draußen war, wurde verhaftet, verschwand. Das Risiko, egal, für uns oder für andere, war viel zu groß, und dementsprechend war es klar: Wir können es nur von außen begleiten, diesen Prozess, und den Film von außen machen, und mussten eben dementsprechend unsere Elemente suchen, mit denen wir diesen Film umsetzen konnten.

Scholl: Die Grüne Revolution – die Massenproteste nach den Parlamentswahlen – wurde über das Internet zur Weltöffentlichkeit, das konnte die iranische Führung nicht verhindern. Für Ihren Film haben tausende von Internet-Blog-Einträgen durchstöbert und daraus zwei fiktive Studenten entwickelt, die ihre Geschichte als Animation gewissermaßen erzählen. Was ist das für eine Geschichte, Herr Samadi?

Ahadi: Das Beginnt mit der Hoffnung oder mit dem Wunsch nach Veränderung, nach Wandel. Die Iraner haben in der ersten Legislaturperiode von Herrn Ahmadinedschad gemerkt, dass er nicht ihre Stimme ist, dass er denen schadet. Arbeitslosigkeit, Inflation, mangelnde Menschenrechte, mangelnde Frauenrechte, Pressefreiheit, mangelnde Perspektive für junge Menschen – das sind alles elementare Wünsche der Menschen gewesen, die unbeantwortet blieben in den ersten vier Jahren. Und das war auch der Grund, warum man gesagt hat: Bei den letzten Wahlen sind wir nicht zu den Urnen gegangen, jetzt müssen wir zu den Urnen gehen, damit er nicht noch mal vier Jahre bekommt.

Anhänger von Mir Hossein Mussawi demonstrieren in Teheran. (AP)Anhänger von Mir Hossein Mussawi demonstrieren in Teheran. (AP)Und als diese Option für Wechsel, für Veränderung, den man ja wirklich gewünscht hat, verschwand wie aus dem Nichts, da gingen sie auf die Straße und sagten nicht mehr, wir wollen den Wandel, sondern fragten eine grundgesetzkonforme und menschenrechtskonforme Frage: Wo ist unser Stimmzettel geblieben? Und die Antworten waren Schüsse. Und ab dem Moment war es überhaupt kein Thema mehr, ob Ahmadinedschad gute Politik gemacht hatte oder nicht mehr, sondern es war die Frage: Haben wir eigentlich das Recht, in diesem Land zu sein, haben wir das Recht, unseren Menschenrechten nachzugehen, unseren zivilen Rechten nachzugehen oder nicht?

Scholl: Sie haben zahlreiche Unterstützer dieser Grünen Revolution interviewt, Journalisten, die Blogger, politische Dissidenten, einige von ihnen waren im Gefängnis, alle leben im Ausland. Sehr nüchtern erzählen sie in Ihrem Film von Ihren ja zum Teil extrem grausamen Erlebnissen, die sie machen mussten, aber man spürt gleichzeitig, wie tief diese Emotionen gehen. Also an einer Stelle bricht so bei dem Blogger und Journalist Mehdi Mohseni also wirklich das ganze Grauen durch, er fängt an zu weinen. Wie traumatisiert sind diese Menschen und was bedeutet es für sie, jetzt im Ausland zu leben?

Ahadi: Na ja, die sind natürlich durch schwierige, schwierige Situationen durchgegangen. Ich glaube, dass da für viele Menschen ein Weltbild kaputtgegangen ist, die hätten es sich nie vorstellen können, dass ihre eigenen Landsleute auf sie so Gewalt ausüben können, und es ist ein gesellschaftliches Erdbeben, was sich da ereignet hat. Und sicherlich – keiner verlässt seine Heimat so gern, keiner geht in die Fremde, erst recht nicht, wenn man mit Sprache arbeitet, wenn man Journalist ist, wenn man Autor ist, wenn man Filmschaffender ist. Das ist, als ob man einen Fisch aus seinen Gewässern rausnimmt und woanders hinbringt. Das tut man nicht gerne. Der Heimat fern zu sein und von den Liebenden, zu wissen, dass man die eventuell bedroht damit, dass man das Land verlässt, damit, dass man seinen Mund aufmacht, das ist ein hoher Preis, den diese Menschen zahlen.

Scholl: Ihr Film endet sehr hoffnungsvoll, mit einem mächtigen Statement des ehemaligen UN-Anklägers Payam Akhavan. Er sagt dem Sinn nach, der Iran werde von einer großen demokratischen Flutwelle überrollt, die den Iran und den Mittleren Osten verändern werde. Das ist sehr, sehr hoffnungsvoll in Anbetracht der vielen Horrormeldungen von Verhaftungen, Gefängnisstrafen und Todesurteilen von Regimegegnern, Sie haben es erwähnt, Herr Samadi. Ist das so ein großes Zeichen der Hoffnung, des guten Mutes für eine Veränderung?

Ahadi: Genauso wie die islamische Republik, die im Iran die Region beeinflusst hat vehement, würden ein Friedensprozess oder eine zivile Gesellschaft im Iran die Region beeinflussen. Und da setzt natürlich die Aufgabe des Westens oder der Weltgemeinschaft ein. Inwiefern wollen wir das unterstützen, inwiefern wollen wir das thematisieren in unseren Verhandlungen mit Iran? Das ist nicht unwichtig, denn wenn ich denke, dass man mit Atomfragen oder mit regionaler Stabilität mit Iran verhandelt, dann frage ich mich: Wo ist die Frage nach Menschenrechten? Wo ist die Frage nach ziviler Gesellschaft im Iran Thema, Teil dieser Verhandlung? Nirgendwo, aber das sollte es, denn nur ernsthafte demokratische Systeme, nur ernsthafte Systeme, die ihre eigene Bevölkerung achten, deren Rechte achten, deren Rechte wahren, können ernsthafte Partner für Dialoge sein, wo wir von denen verlangen, dass die unsere Rechte wahren.

Und ganz ehrlich, ich meine, Deutschland wäre in der Lage, binnen kürzester Zeit die Atombombe zu bauen, ich glaube, zwei Monate dauert das, technisch gesehen, und jede zweite Woche könnten wir eine neue Bombe bauen. Also es mangelt nicht an technologischem Know-how für Deutschland, die Bombe zu bauen, was uns daran hindert, ist die starke Zivilgesellschaft, was uns daran hindert, ist die Einbettung in die internationale Gemeinschaft.

Und wenn das der Schlüssel sein sollte, warum soll das nicht im Iran der Schlüssel sein? Und wenn wir das erkennen, wenn unsere Politiker das erkennen, dann frage ich mich: Warum setzen sie sich nicht dafür ein, dass das ein Teil unserer Regeln ist, wie wir mit der iranischen Gesellschaft, wie wir mit der iranischen Regierung in Dialog treten?

Scholl: "The Green Wave", der schon preisgekrönte Film von Ali Samadi Ahadi über die Grüne Revolution im Iran läuft in der nächsten Woche beim Sundance-Filmfestival, bei uns kommt er im Februar in die Kinos. Herr Ahadi, alles Gute für Sie und herzlichen Dank für Ihren Besuch!

Ahadi: Ich danke Ihnen auch herzlichst!

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