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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 24.11.2012

Ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle

Vor 100 Jahren wurde der Jazzpianist Teddy Wilson geboren

Von Karl Lippegaus

Benny Goodman, Klarinette, Lionel Hampton, Vibraphon, und Teddy Wilson, Piano, bei einem Konzert in der Carnegie Hall 1982. (AP)
Benny Goodman, Klarinette, Lionel Hampton, Vibraphon, und Teddy Wilson, Piano, bei einem Konzert in der Carnegie Hall 1982. (AP)

Alle liebten sein Können und vor allem seinen Swing: Stets gepflegt angezogen und immer mit Krawatte, gab der Pianist Teddy Wilson dem Jazz eine besondere Qualität.

Den Professor nannten sie ihn. Da kam er also hereingetippelt, mit den Noten unterm Arm, gepflegt angezogen, immer mit Krawatte. Setzte sich ans Klavier. Alle liebten sein Können, seine Professionalität und vor allem seinen Swing. Teddy Wilson, ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, verlieh dem Jazz eine besondere Qualität. Er beflügelte alle Anwesenden. Der weiße Klarinettist Benny Goodman gründete mit ihm und einem Schlagzeuger namens Gene Krupa die erste kleine Live-Jazzband aus weißen und schwarzen Musikern.

Teddy Wilson: "Eine große Hilfe bei diesen frühen Trio-Platten war für mich das Schlagzeugspiel von Gene Krupa. Der Produzent John Hammond machte damals ein paar Sessions mit uns für Victor Records - inspiriert von Hausparties bei der Sängerin Mildred Bailey. Ein Vetter Mildreds hatte bei einer Party mit einem Paar Schneebesen auf einem Stuhl herumgetrommelt. Wir hatten keinen Kontrabass und Hammond wollte im Studio diesen Sound nachstellen, den er auf der Party gehört hatte. Bei Mildred bin ich glaube ich auch Benny Goodman zum ersten Mal begegnet."

Teddy Wilson wurde am 24. November 1912 in Austin, Texas, geboren. Sein Vater unterrichtete Anglistik an der schwarzen Tascidi-Universität, wo seine Mutter die Bibliothek leitete. Note für Note kopierte ihr Sohn von Schallplatten die Soli großer Jazzpianisten. An den alten Grammofonen konnte man die Laufgeschwindigkeit verlangsamen. In Chicago hatte er bei privaten Partys vor dem Gangsterboss Al Capone und seinen 15 Bodyguards musiziert; der gefürchtete Killer war ein leidenschaftlicher Jazzfan. In New York stellte ihm der Produzent John Hammond die junge Sängerin Billie Holiday vor. Mit ihr machte Teddy Wilson über 200 Aufnahmen.

Teddy Wilson: "Ich war aus Chicago nach New York gekommen, um in Benny Carters Band zu spielen, der auch ein Schützling von John Hammond war. Hammond hatte mich im Radio gehört, als ich den Pianisten Earl Hines im Grand Terrace-Ballhaus vertrat."

Teddy Wilson rief die besten Jazzmusiker der Stadt an. Und für eine heute lächerlich anmutende Tagesgage kamen Benny Goodman oder der Saxofonist Lester Young zu den Treffen mit ihm und Billie Holiday. Weil sie das Gefühl hatten: hier waren sie unter ihresgleichen.

Sein Handwerk hatte Wilson bei keinem Geringeren als bei dem genialen Art Tatum gelernt, ihm durfte er über die Schulter schauen und wenn Tatum irgendwo auftrat, hieß es: "God is in the house!"

Teddy Wilson: "Meine Karriere als Profi begann, als ich der Musikergewerkschaft in Detroit beitrat. Bald darauf war ich einige Monate in Toledo, Ohio, und verbrachte dort ein Jahr mit dem Pianisten Art Tatum. Wir waren oft zusammen. Es war der stimulierendste Kontakt, den ich je zu einem Musiker hatte – Tag für Tag in seiner Nähe zu sein, war so wunderbar. Noch vor Art Tatum zog ich nach New York und trat dort im Winter 1933 der Big Band von Benny Carter bei."

Es war eine goldene Jazz-Ära, auch wenn es Amerika wirtschaftlich schlecht ging. Die Musik vermittelte dem jungen Publikums Optimismus, gab ihm die Beschwingtheit. Dieses Publikum sah jedoch immer nur einen Ausschnitt aus dem Leben der Jazzmusiker. Teddy Wilson war sehr vielseitig. Die Schallplatten zementierten seinen Weltruhm. Jede Platte war wie eine Flaschenpost, die jemand ins Meer warf.

Auf die Frage "Wohin geht der Jazz?" antwortete Teddy Wilson, kurz bevor er am 31. Juli 1986 starb, in einem Interview:

Teddy Wilson: "Ich weiß es nicht. Nicht glücklich bin ich über die Fusion von Rockmusik und Jazz. Viele der talentierten Spieler machen da mit. Ich kann sie dafür nicht kritisieren, aber ich höre mir das nicht an. Das ist mir zu kalkuliert. Die Sache mit den Computern. Die Modetrends. Die Tricks. Die Vermarktung. Doch der Jazz kann davon nicht zerstört werden. Jazz entspringt einer anderen Richtung."

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