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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.02.2010

Ein Film wie ein Mordaufruf

"Jüd Süß" von 1940 bedient etliche antisemitische Klischees

Von Christian Berndt

Veit Harlan, der Regisseur von "Jud Süß", aufgenommen am 31. Oktober 1950 in Göttingen. (AP)
Veit Harlan, der Regisseur von "Jud Süß", aufgenommen am 31. Oktober 1950 in Göttingen. (AP)

Joseph Goebbels nannte ihn den "ersten wirklich antisemitischen Film": "Jud Süß". Der Film, den Veit Harlan 1940 im Auftrag des Propagandaministers drehte, sollte die antisemitische Stimmung anheizen - mit Erfolg.

"Wenn Eure Durchlaucht ein Interesse daran hat, mit mir ins Geschäft zu kommen, so werden eure Exzellenz gewiss Mittel und Wege finden, mir einen Pass zu verschaffen, der mir an der Grenze alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumt." (Filmausschnitt "Jud Süß" von 1940)

Gerissen, verschlagen, dabei sehr charismatisch – so spielt Ferdinand Marian den "Jud Süß". Der Film von Veit Harlan bedient die schlimmsten antisemitischen Klischees. Mit der historischen Figur hat diese Darstellung nichts zu tun: Der echte Joseph Süß Oppenheimer sanierte im 18. Jahrhundert im Auftrag des Herzogs die württembergischen Staatsfinanzen und brachte damit die Privilegien des Adels in Gefahr. Nach dem Tode des Landesherrn wurde Süß von seinen Feinden als Sündenbock für die Politik des Herzogs zum Tode verurteilt.

Schon die Zeitgenossen faszinierte die schillernde Persönlichkeit des Finanzgenies. Mehrere Romane über ihn wurden verfasst, der berühmteste 1925 von Lion Feuchtwanger. Darin ist Süß eine tragische Figur, die an den Vorurteilen seiner Zeit scheitert. Damit hat Harlans Film von 1940, den er im Auftrag von Joseph Goebbels dreht, nichts zu tun. Er soll die antisemitische Stimmung in der Bevölkerung anfachen:

Menschenmenge schreit: "Totschlagen, totschlagen, jagt die Juden raus aus dem Land." (Filmausschnitt "Jud Süß")

Sehr wirkungsvoll mischt Regisseur Harlan antisemitische Hetze mit Melodramatik. Und Ferdinand Marian spielt den Süß Oppenheimer als eine charismatische Figur, die durch ihre Verführungskraft erst recht bedrohlich wirkt. In vielen Städten gibt es nach den Vorführungen antisemitische Ausschreitungen, der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, lässt den Film KZ-Aufsehern vorspielen. Ein überlebender Häftling erinnert sich später:

"Im November 1942 wurde der 'Jud-Süß'-Film im SS-Kasino-Theater-Raum im Konzentrationslager Sachsenhausen vorgeführt, und ich kann eidlich bekräftigen, dass nach der Vorführung des Films die inhaftierten Juden drangsaliert wurden, wie keinesfalls vorher."

Nach dem Krieg stellen sich Regisseur und Hauptdarsteller als Opfer dar, die man zu diesem Film gezwungen habe. Aber beide traten bereitwillig in den Dienst der Nazis, Marian spielte noch in weiteren NS-Propagandafilmen. Doch "Jud Süß" blieb der Übelste – ein Film wie ein Mordaufruf.

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