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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.01.2011

Ein ewig ängstliches Kind

Ausstellung über Leben und Werk des Regisseurs Ingmar Bergman

Von Vanja Budde

Der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman (AP Archiv)
Der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman (AP Archiv)

Die Kuratoren der Deutschen Kinemathek in Berlin haben in Stockholm und auf der Insel Farö in den Archiven gestöbert und die weltweit erste große Bergman-Ausstellung gestaltet, die neben Dutzenden Filmausschnitten Dreh- und Tagebücher zeigt, außerdem Probenmaterial, Briefe, Requisiten und Kostüme. Ihr Titel: "Ingmar Bergman: Von Lüge und Wahrheit".

"Ein roter Faden, der sich durch die ganze Ausstellung zieht, ist die These, dass bei Bergman sich Privates, Autobiographisches und Künstlerisches stark durchdrungen haben."

Einer der Schlüsselfilme dafür ist für Kurator Nils Warnecke "Fanny und Alexander" von 1982. Mit Bergmans letztem großen Kinofilm beginnt und endet die Ausstellung. Die Geschichte einer Kindheit in einer großbürgerlichen Familie um die Jahrhundertwende beruht in vielen Szenen bis ins Detail auf den Erinnerungen Bergmans an die Zeit, als er in Uppsala als Sohn eines strengen protestantischen Geistlichen aufwuchs. Das Kind litt unter drakonischen Prügelstrafen, flüchtete sich in die Welt der Fantasie. Wie sein Alter Ego "Alexander".

Ausschnitt aus Dem Film "Fanny und Alexander":
"Strenger Bischof: "Kannst du deiner Mutter und mir erklären, warum du in der Schule gelogen hast?"
Alexander: "Wieso?"
Mutter: "Willst du vielleicht leugnen, dass du deinen Mitschülern gegenüber behauptet hast, ich hätte dich an einen Wanderzirkus verkauft?"
Bischof: "Fantasie, weißt du, ist etwas Großartiges. Eine gewaltige Kraft, eine Gabe Gottes. Sie wird für uns von den großen Künstlern verwaltet, den Dichtern, den Musikern.""

Diese Szene ist nach Ansicht der Ausstellungsmacher der Schlüssel, um sowohl den privaten Bergman als auch den Theatermacher, Drehbuchautor und Filmregisseur zu verstehen. Immer wieder nimmt Bergman in seinem Schaffen auf sein eigenes Erleben Bezug. Gleichzeitig schreibt er am Rand von Skripten Tagebuch. Seine Autobiografie liest sich wie ein Drehbuch zu seinen Filmen. Kuratorin Kristina Jaspers:

"Sich Bergman als Person zu nähern, ist gar nicht so einfach, wie man vielleicht im ersten Moment glaubt. (…) Wir haben in der Ausstellung zahlreiche Tagebücher, das heißt, wir sind ihm eigentlich ja ganz nahe. Es gibt Werkaufnahmen: Er hat immer die Kamera mitlaufen lassen bei den Dreharbeiten. Wir sehen ihn, wir hören ihn, wir lesen ihn. Insofern gewinnen wir durchaus ein Bild von Bergman. Und trotzdem bleibt er für mich ein großes Geheimnis und ein Rätsel."

Ein Leben lang von Ängsten gepeinigt, die er seine "Dämonen" nannte, hat Bergman auf der Theaterbühne und der Leinwand nichts dem Zufall überlassen. Jede Szene, jede Einstellung war minutiös durchdacht, jede Probe dokumentiert. Improvisation war Bergmans Natur völlig fremd, wie er schon vor Jahrzehnten im schwedischen Fernsehen eingestanden hat. Ingmar Bergman:

"Meine größte Schwäche als Regisseur und auch als Mensch, ist mein Kontrollzwang. Ich habe ein schreckliches Bedürfnis, die Angelegenheiten anderer zu organisieren und zu kontrollieren. Es ist eine Art Größenwahn. Ein Bedürfnis nach Macht."

Einerseits ging er mit vielen seiner Darstellerinnen Beziehungen ein, heiratete fünf Mal und zeugte neun Kinder. Andererseits setzte er dem Chaos im Privatleben am Set Ruhe und Harmonie entgegen. Fotos von Bergman inmitten seiner Schauspieler verdeutlichen: Erst die jahrelange Vertrautheit mit Max von Sydow, Bibi Andersson oder Liv Ullman machte jene großen Werke möglich, die ganze Generationen von Filmemachern beeinflusst haben. Die Ausstellung zeigt hymnische Briefe von Stanley Kubrick und Woody Allen, die sich vor ihrem Idol verneigen. Kristina Jaspers:

"Da kommen zwei Aspekte zusammen: Das ist einerseits natürlich die Ästhetik, gerade der Schwarz-Weiß-Bilder, die viele mit Bergman verbinden, die wirklich spröde Landschaft. Es hat etwas mit der Radikalität der Inszenierung auch zu tun: Nämlich lange drauf zu halten auf eine Situation, wo andere schon längst abbrechen würden. Ein Schweigen auszuhalten, eine Spannung auszuhalten, dass auch mal nichts passiert auszuhalten – das ist sicherlich an seinem Kino ganz bemerkenswert."

Filme wie "Persona", "Schande" oder "Herbstsonate" wirken wie Versuchsanordnungen: Weil Bergman uns bis in die tiefsten Abgründe menschlicher Beziehungen blicken lässt, sind seine Filme bis heute so aktuell, meint Kurator Warnecke:

"Das hat sicherlich damit zu tun, dass er Geschichten ganz universell erzählt hat. Wie gehen Menschen mit bestimmten Situationen um? Und das wiederum zeigt er ja in allen seinen Filmen: Figuren, mit denen sich die Menschen identifizieren konnten und denen sie auch heute immer noch folgen können in ihrer Emotionalität, in ihren Problemen, in ihren Krisen und in diesen Grundfragen, die er in all seinen Filmen letztlich immer wieder stellt."

Natürlich geht die Schau auch auf den Theater-Regisseur Bergman ein, auf seine Zeit als Intendant des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm, sein Exil am Residenztheater in München auf der Flucht vor der schwedischen Steuerbehörde in den 70er-Jahren. Und sie zeigt die große Rolle, die Farö in Bergmans Leben und Werk gespielt hat, die abgelegene, neblige Insel, auf der er sich ein Haus baute.

Weil seine Dämonen keine frische Luft mögen. Der Ausstellung "Zwischen Lüge und Wahrheit" gelingt es deutlich zu machen, dass Ingmar Bergman beides war: Ein großer Künstler und ein ewig ängstliches Kind.

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