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Interview / Archiv | Beitrag vom 26.10.2009

Ein Erfolg der Pharma-Lobby?

Transparency International kritisiert Massenimpfung gegen die Schweinegrippe

Angela Spelsberg im Gespräch mit Nana Brink

Spelsberg: "Das halten wir für falsch." (AP)
Spelsberg: "Das halten wir für falsch." (AP)

Nach Meinung von Transparency-Vorstand Angela Spelsberg sind die Fachleute, welche die Impfung gegen die Schweinegrippe empfohlen haben, durch ihre Kontakte zu Pharma-Firmen in massive Interessenkonflikte verwickelt. Die Erklärung zur Pandemie habe eine wissenschaftliche Überprüfung ausgehebelt, so die Ärztin.

Nana Brink: Heute beginnt die bundesweite Impfaktion gegen die Schweinegrippe, und geimpft werden zuerst die Beschäftigten in Krankenhäusern, Arztpraxen bei der Polizei und besonders gefährdete Gruppen wie Kinder, Schwangere und ältere Menschen und Menschen mit gesundheitlichen Problemen. Die Impfaktion ist die größte in der Geschichte der Bundesrepublik, sie kostet 600 Millionen Euro – aber ist sie wirklich nötig? Während ein Professor viele Tote in der Boulevardpresse voraussagt, stellen viele Ärzte wiederum die Impfung generell in Frage. Was sollen wir also noch glauben? Wir sind jetzt verbunden mit Angela Spelsberg, sie leitet das Tumorzentrum in Aachen, ist Epidemiologin und ist aktiv bei Transparency International, einer Antikorruptionsinitiative. Schönen guten Morgen, Frau Spelsberg!

Angela Spelsberg: Guten Morgen!

Brink: Sie sind Ärztin und Mutter von vier Kindern. Lassen Sie sich impfen?

Spelsberg: Ich persönlich habe die Entscheidung getroffen, mich und meine Kinder nicht impfen zu lassen, aber das muss jeder selbst entscheiden.

Brink: Warum lassen Sie sich nicht impfen, was kritisieren Sie dann an dieser Impfaktion?

Spelsberg: Wir kritisieren von Transparency International, dass diese, wie Sie es auch richtig sagten, größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik eigentlich, dass da bei der Impfentscheidung nicht so richtig klar ist, was da für Interessen vorliegen. Wir beobachten eine sehr milde Infektion, die kaum lebensbedrohlich verläuft, und daher ist eine Impfaktion, die so viel Geld kostet, eigentlich erst mal gründlich zu überprüfen, ob das wirklich notwendig ist. Und diese wissenschaftliche Überprüfung ist eigentlich ausgehebelt worden durch die Erklärung der Pandemie, und Pandemie bedeutet ja, ... oder es macht den Leuten dann furchtbar Angst und bedeutet, dass hier eine große Gefährdung auf uns alle zukommen könnte, und dafür gibt es aber keine wissenschaftlichen Belege. Daher haben wir kritisiert, dass eben die Entscheidungsprozesse um diese ganze Pandemie-Erklärung herum und was dann geschah und auch vorher schon geschah, also sprich, dass große Mengen von Impfdosen einfach gekauft wurden ohne weitere Überprüfung – das halten wir für falsch.

Brink: Sie sagen also, wenn ich Sie richtig verstanden habe, diese Impfung ist nutzlos und sagen, dass es keine medizinischen Beweise dafür gibt. Unterstellen Sie dann den Gesundheitsbehörden, dass sie nicht wirklich nachgefragt haben, oder wo haben Sie denn Ihre Beweise, dass es nutzlos ist?

Spelsberg: Die Verläufe in den Ländern, die die Grippewellen schon hinter sich haben, kann man ganz gut heranziehen als Vergleich, und dort gab es ja noch keine Impfungen. Und hier sind eben, wenn man das mit einer normalen saisonalen Grippe vergleicht, eben relativ viele Leute angesteckt worden, aber sehr wenig sind nur daran verstorben, Gott sei Dank. Und dieser Verlauf in der südlichen Hemisphäre der Welt, der kann ganz gute Hinweise darauf geben, wie es sich mit dieser Pandemie verhält, und deshalb ist zum Anfang der Pandemie-Welle auch gesagt worden, wir haben das überschätzt und die Gefahr konnte man anhand der Datenlage nicht richtig einstufen. Aber jetzt mittlerweile müsste es einen Kontrollmechanismus geben, der diesen Pandemie-Automatismus zurückfährt. Und das Problem ist, dass wir so eine Kontrolle nicht haben und dass eben die Dokumente und alles, was zu diesen Entscheidungen geführt hat, auch nicht offengelegt werden. Und das kritisieren wir.

Brink: Sie kritisieren es. Sie sind gleichzeitig auch tätig, ich habe es gesagt, bei Transparency International, einer Antikorruptionsinitiative. Was unterstellen Sie dann den Gesundheitsbehörden und auch der Pharmaindustrie?

Spelsberg: Wir unterstellen nicht, sondern wir beobachten, dass da massive Interessenskonflikte sind, dass eben die Fachleute, die über diese Impfung entscheiden, gleichzeitig mit den Impfherstellern weitreichende Kontakte haben, also sprich, dass sie zum Teil in die Impfstudien selber involviert sind und dass sie von den Herstellern der Impfstoffe auch eben finanziell Unterstützung erhalten beziehungsweise Honorare bekommen. Und das sind Dinge, die wir sehr heftig kritisiert haben, schon viele Jahre, und dieses Phänomen ist ein generelles, was wir in der Medizin beklagen, dass es eben zunehmend weniger unabhängige Experten gibt und daher die Beurteilung von medizinisch sinnvollen Leistungen und medizinisch sinnvollen Therapien immer schwieriger wird.

Brink: Das erklärt dann aber noch nicht die Hysterie in Bezug auf die Schweinegrippe.

Spelsberg: Das können wir uns auch nicht erklären, und deshalb sagen wir, ganz ruhig bleiben und jeder muss seine individuelle Impfentscheidung treffen. Aber es ist sicherlich so, dass diese Impfaktion gegen eine Grippe vorgeht, die im Vergleich zur saisonalen Grippe bislang ganz mild verlaufen ist.

Brink: Nun würde man ja gerne als naiver Zuhörer feststellen: Wo kann ich denn Informationen bekommen, um für mich selbst eine Entscheidung, für mich und meine Kinder und meine Angehörigen, zu treffen?

Spelsberg: Da gibt es einige unabhängige Informationen, die ich ihnen empfehlen kann, zum Beispiel das Arzneitelegramm. Das ist eine kritische, aber sehr gute Informationsquelle für Medikamente und medikamentöse Therapien, aber eben auch für Impfstoffe. Und die haben in drei sogenannten Blitztelegrammen das, was an wissenschaftlichen Erkenntnissen und an weltweiten Daten jetzt vorliegt, zusammengefasst. Das ist eine sehr gute Quelle.

Brink: Aber ist abwarten – als abschließende Frage – nicht einfach auch zu gefährlich? Der US-Präsident Barack Obama hat schon wegen der Schweinegrippe den nationalen Notstand ausgerufen und nach Angaben des Robert-Koch-Instituts gibt es drei Todesfälle in Deutschland, 25.000 Krankheitsfälle. Ist das nicht ein Grund zur Sorge?

Spelsberg: Aber wenn Sie das vergleichen mit den saisonalen Grippezahlen, dann beklagen wir ja bei der normalen saisonalen Grippe zwischen 5.000 und 10.000 Toten jedes Jahr – trotz Impfung. Das Verhältnis von 25.000 Infizierten auf drei Todesfälle, das ist eben ein Verhältnis, was uns sagt, dass diese Grippe eben nicht so aggressiv verläuft wie eine normale saisonale Grippe.

Brink: Sie sagen dann also: abwarten?

Spelsberg: Ich gebe keine Empfehlung, sondern ich sage: Jeder muss diese Fakten einfach zur Kenntnis nehmen und dann für sich ganz ruhig entscheiden, wie er sich verhalten will.

Brink: Angela Spelsberg, sie leitet das Tumorzentrum in Aachen und wir sprachen über den bundesweiten Start der Impfungen gegen die Schweinegrippe. Vielen Dank für das Gespräch!

Spelsberg: Gerne!

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