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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.10.2012

Ein Ereignis von weltpolitischer Bedeutung

Vor 1700 Jahren fand die Schlacht an der Milvischen Brücke statt

Von Thomas Kroll

Säule auf dem Forum Romanum in Rom, Italien (Stock.XCHNG /)
Säule auf dem Forum Romanum in Rom, Italien (Stock.XCHNG /)

Vor 1700 Jahren erlangte die Milvische Brücke in Rom Weltruhm: denn in ihrer Nähe besiegte das Heer von Kaiser Konstantin die Truppen seines Konkurrenten Maxentius. Dieser 28. Oktober 312 hatte Folgen, die über politische Streitereien in einem untergegangenen Imperium hinausreichen.

"Wir haben zwei Berichte über dieses Ereignis, und beide Ereignisse stimmen darin überein, dass Konstantin vor der Schlacht eine Traumvision hatte, in dieser Traumvision sich ihm ein Zeichen gezeigt hat und mit diesem berühmten Satz 'In diesem Zeichen wirst du siegen' sich ihm etwas nahegelegt hat, eine Veränderung der Feldzeichen, und er das durchgeführt hat."

Christoph Markschies. Er ist Professor für Geschichte des antiken Christentums an der Humboldt Universität zu Berlin. Den Berichten nach erscheint Konstantin im Traum der Christengott und führt dem Kaiser ein Schutz und Siegeszeichen vor Augen. Das lässt Konstantin auf die Schilde seiner Soldaten malen - und siegt.

"Das sind Texte von Christen, in beiden Fällen, das muss man sich, glaube ich, auch klar machen, also, die den Kaiser selber auch in einer bestimmten Weise in Funktion bringen wollen. Ein römischer Kaiser, der eine entscheidende politische Veränderung durchführt, stellt sich nicht hin und sagt, wie ein heutiger Politiker: 'Ja, da haben wir aus realpolitischen Einsichten mal die Grundmaximen unserer Politik geändert', sondern sagt: 'Mir ist die Gottheit im Traum erschienen.'"

Wie kommt es zur Schlacht an der Milvischen Brücke? Ein kurzer Rückblick:

"Am Beginn des 4. Jahrhunderts war das Römische Reich zwischen vier Kaisern aufgeteilt, die eigentlich in brüderlicher Eintracht regieren sollten: Zwei von ihnen verwalteten den reichen römischen Osten ..., während der riesige Westen ... zwischen einem gewissen Licinius ... und eben ... Konstantin aufgeteilt war."

Das schreibt der französische Althistoriker Paul Veyne. Geteilte Macht, shared power. Das ist die Reformidee von Kaiser Diokletian. Sie greift nur für kurze Zeit. Denn Konstantin wird in Britannien von Soldaten zum Kaiser ausgerufen - gegen den Willen des Römischen Senats.

Kurz darauf stört ein Fünfter das Kräftespiel der vier Kaiser: Maxentius, der Sohn von Diokletians ehemaligem Co-Kaiser Maximian, bringt Italien und Afrika unter seine Kontrolle.

"Maxentius wird relativ stark unterstützt auch von der Stadt Rom, von den Kreisen, die erhebliche Probleme mit diesem neuen Konstantin aus York, also aus eher abgelegenen Gegenden des Reiches, keine klassisch römische Senatoren- oder Adelsfamilie. Und diese Auseinandersetzungen gipfeln in einer Entscheidungsschlacht vor den Toren Roms."

Nach und nach setzt sich Konstantin gegen alle Mitregenten durch. Alleinherrschaft statt geteilter Macht. Was sind die Folgen für die Christen?

"Der Kaiser hat in den folgenden Jahren massiv begonnen, die Kirche zu privilegieren. Das eine ist, dass er die Friedensrichterfunktion, so könnte man das vielleicht mit heutigen Vokabeln sagen, der Bischöfe staatlich anerkannt hat."

Zugespitzt formuliert: Bischöfe werden zu einem Teil der Reichsverwaltung. In Ruf und Ansehen gleichen sie Staatsbeamten.

"Ein anderes Beispiel dieser massiven Privilegierung ist, dass sie der Kirche etwas vererben können offiziell, also dass das eine Art juristische Person ist, eine öffentlich-rechtliche Körperschaft, um völlig anachronistische moderne Begriffe zu verwenden."

Konstantin fördert den Kirchenbau und führt den Sonntag als arbeitsfreien Tag ein. Auch organisiert der Kaiser das erste Konzil der Christenheit. Denn theologische Streitigkeiten bedrohen Frieden und Einheit des Reiches. Seine Kinder lässt Konstantin christlich erziehen. Er selbst empfängt die Taufe erst im Jahre 337 auf dem Totenbett. Das ist damals üblich. So ist die Sünden vergebende Wirkung der Taufe maximal. Auch für Konstantin, an dessen politischen Händen viel Blut klebt. Nochmals Christoph Markschies:

"Man darf den Einfluss des Kaisers auf die Kirche nicht unterschätzen. Er feiert sein großes Regierungsjubiläum mit einem Festbankett für Bischöfe, und der Bischof von Caesarea in Palästina, im heutigen Israel, Küstenort, sagt, das ist wie ein Vorschein des Reiches Gottes, die Bischöfe liegen mit dem Kaiser zusammen."

"Konstantin hat seine Ziele am Ende erreicht: Der römische Thron wurde christlich, die Kirche wurde eine Macht. Ohne Konstantin wäre das Christentum eine avantgardistische Sekte geblieben."

Christoph Markschies: "Ich schätze Paul Veyne, von dem dieses Zitat stammt, außerordentlich und gerade deswegen widerspreche ich. Das Christentum war längst eine politische Macht, war ein politischer Faktor, was man daran sieht, dass der berühmte Reichsopferbefehl und die ganzen Verfolgungen die Existenz nicht beendet haben.

Und die Vorstellung, das war so eine avantgardistische kleine Gruppe von verfolgten Menschen in Katakomben, die wir manchmal in populären Darstellungen finden, die stimmt gar nicht."

Katakomben sind unterirdische Friedhöfe, keine Versammlungsorte. Dort haben Christen ihre Toten begraben, in bestimmten Gegenden des Römischen Reiches. In den Jahren 303 und 304 werden Christen von Kaiser Diokletian letztmals gezwungen, den römischen Staatsgöttern zu opfern. Ein Opfer als Zeichen der Loyalität. Wer sich weigert, riskiert Deportation, Zwangsarbeit und Hinrichtung.

Mit Konstantin ist all dies endgültig vorbei. Der Alleinherrscher beschleunigt vorhandene Entwicklungen, nicht zuletzt aufgrund machtpolitischer Interessen. Unter ihm wird das Christentum zur erlaubten Religion neben anderen. Der Sprung zur Weltreligion wird möglich und rund sechzig Jahre später wird das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich. Wie ist das zu bewerten?

Christoph Markschies: "Es hat schon in der Antike Menschen gegeben, die gesagt haben: Kontaminiert euch nicht mit diesem Staat.

Reines Christentum kann nur gelebt werden distant gegenüber der Stadt, distant gegenüber den staatlichen Ordnungen, autonom, eigengesetzlich. Es hat immer andere gegeben, die gesagt haben, so kann man die christliche Botschaft nicht allen Menschen verkündigen, es werden nicht alle in die Wüste gehen und ein Leben nach den Regeln der Bergpredigt führen."

Beide Positionen findet man auch heute, wenn es um das Verhältnis geht von Kirche und Staat. Rückblickend erscheint den einen die Traumvision vor der Schlacht an der Milvischen Brücke in hellem Licht, anderen gilt sie als Propaganda mit eher düsteren Folgen.

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