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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.09.2007

Ein Drogenrausch zum Lesen

Mircea Cartarescu: "Die Wissenden", Paul Zsolnay Verlag, Wien 2007, 527 Seiten

Palast des Parlamentes in Bukarest. (AP)
Palast des Parlamentes in Bukarest. (AP)

520 Seiten überhitzter Prosa, für die noch die kritischen Begriffe fehlen, das ist das Werk "Die Wissenden" von Mircea Cartarescu. Was man sonst unter Fantastik versteht, verblasst angesichts der entfesselten surrealen Beschreibungsorgien des Autors. Bilder einer überirdisch leuchtenden Schönheit kippen regelmäßig in den puren Horror. Dieser Roman ist eine Geisterbahnfahrt.

"Nostalgia" hieß der Prosaband, mit dem der 1956 geborene Mircea Cartarescu vor fast zehn Jahren auch in Deutschland bekannt wurde. Das prächtig heruntergekommene Bukarest der siebziger und achtziger Jahre war (und ist) der Nährboden seiner Literatur. Wer Sinn für labyrinthische Traumlandschaften, morbide Phantastik und erlesene Manierismen hat, für den war das Buch ein großer Fund.

Dann hörte man hierzulande kaum noch etwas von dem viel versprechenden Autor. Man wusste, er hatte mit einem Roman, dessen erster Band 1996 erschien, in Rumänien Furore gemacht und wurde seitdem zu den ersten Autoren des Landes gezählt. Aber hierzulande war zwischenzeitlich nur eine kleine Gedichtsammlung zu lesen, die wenig von der Wucht der Cartarescu-Welt vermitteln konnte.

Jetzt ist endlich auf deutsch "Die Wissenden" erschienen, 520 Seiten überhitzter Prosa, für die noch die kritischen Begriffe fehlen. Was man herkömmlicherweise unter Fantastik versteht, verblasst angesichts der entfesselten surrealen Beschreibungsorgien Cartarescus, die sich wie ein Drogenrausch lesen. Bilder einer überirdisch leuchtenden Schönheit kippen regelmäßig in den puren Horror. Hier heißt es für den Leser: Anschnallen und festhalten. Dieser Roman ist eine Geisterbahnfahrt.

Im Original heißt er "Orbitor. Linker Flügel". Es handelt sich also, was der Einband der deutschen Ausgabe lieber verschweigt, um den ersten Teil einer Trilogie, deren Titel mit einer Doppelbedeutung spielt. "Orbitor" weist zum einen hin auf das Weltumspannende des Geschehens, zum anderen meint es den Blendwerkcharakter von Welt und Werk.

Jeder Versuch, die Handlung dieses überbordenden Buches zusammenzufassen, muss scheitern. Ein Schlüsselwort ist wiederum die "Nostalgie"; sie gibt den Weg vor. Anfangs werden der Zauber und der Schrecken von Kindheits- und Jugenderlebnissen eines gewissen Mircea beschworen, den man durchaus als Alter Ego des Autors betrachten darf. Das Bukarest seiner Jugend taucht auf in städtischen und dörflich-vorstädtischen Panoramen, Bildern von Plätzen, Landschaften und Halden im rötlich-goldenen Licht der Nachmittage. Bestechend klare Konturen dehnen sich dann unvermittelt ins Albtraumhafte.

Das erzählerische Grundgerüst wird von Mirceas Familiengeschichte gebildet. Das Leben der Eltern, vor allem der Mutter Maria wird erzählt. Mit ihrer Schwester kam sie während des Weltkriegs vom Dorf in die Stadt; gemeinsam erkundeten sie das Bukarester Nachtleben der vierziger Jahre mit seinen Bizarrerien und erlebten schließlich die Bombardierung der Stadt. Aber noch weiter, bis ins Mythische, Kollektiv-Unbewusste von Mirceas Sippe greift der Roman zurück. In Bildern, die an die Höllenvisionen eines Hieronymus Bosch gemahnen, wird die Flucht der Badislavs aus Bulgarien in die Walachei geschildert. Von grässlichen Dämonen besessene Ahnen liefern sich dabei mit Engelswesen eine Schlacht, bei der einem schier der Atem stockt.

Rasant geht es weiter. Bald verlagert sich die Handlung nach New Orleans und in die Sümpfe des Südens. Ein Voodoopriester und ein schwarzer Albino werden als Führerfiguren der "Wissenden" erkennbar, einer ominösen Sekte im Weltverschwörungsgeschehen. Es sind metaphysische Strippenzieher, deren Machenschaften ein Zentrum eben auch in Bukarest haben und in Mirceas Leben bedeutsam hineinwirken.

Zugegeben, das alles klingt ziemlich krude. Aber Cartarescus Breitwandkino der Nostalgia nimmt den Leser gefangen. "Pittura metafisica" - das wollen die überwiegend auf optische Eindrücke fixierten Beschreibungen sein. Schwarze Romantik der Ruinen und der Verwesung wechselt mit Prachtvisionen von gigantischen Palastlabyrinthen und von Schmetterlingen mit den Ausmaßen eines Kleinflugzeugs. Man fühlt sich erinnert an Bilder Giorgio de Chiricos oder Dalís - nur ohne die Beschränkung auf ein paar Meter Leinwand, vielmehr als endlose Rundum-Panoramen.

Vom "Einströmen des Traumes in das wirkliche Leben" hat Gérard de Nerval gesprochen; auch der düstere Romantiker gehört zu den sensiblen Heroen Cartarescus. Die Traumsucht, die Sucht nach Ästhetisierung und die Fluchten zu "alten Erinnerungen" setzen die Farb- und Trostlosigkeit des Gegenwärtigen voraus. Aber nicht nur an die Ceausescu-Diktatur ist zu denken, Hintergrund vieler Kapitel des Buches, sondern auch an das pessimistische Lebensgefühl, das der Exilrumäne Cioran beschrieben hat. Nostalgie, das ist ein "banges Herzstocken angesichts des Ruins aller Dinge".

Der Gesamteindruck dieses Buches ist zu groß, zu überwältigend, als dass einer an stilistischen Eigentümlichkeiten ansetzenden Kritik nicht unversehens die Luft ausginge. Bei Cartarescu sprießen in barocker Üppigkeit und Fabulierfreude die Sprachbilder und prunkenden Genitivmetaphern. In regelmäßigen Abständen gibt es essayistische Partien, die man als surrealen Wortschwall oder absurdes Kauderwelsch empfindet.

Geheimlehren, Esoterik, Metaphysik und Naturwissenschaften gehen dabei eine Verbindung ein, die sich jedem logischen Nachvollzug entzieht und vom Autor vielleicht gar nicht ernst gemeint ist. Womöglich steckt aber auch eine ganz eigene, aus tausend Theorien genährte Privat-Kosmogonie dahinter, die man allerdings den Cartarescu-Forschern überlassen möchte. Um sich lieber wieder von den monströsen Detailmalereien nie gesehener und gelesener Ereignisse in den Bann ziehen zu lassen.


Rezensiert von Wolfgang Schneider


Mircea Cartarescu: Die Wissenden
Aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2007, 527 Seiten, 24,90 Euro

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