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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.08.2006

Ein Dorf von Ebay

Jugendroman über eine deutsch-afrikanische Freundschaft

Rezensiert von Joachim Scholl

Die 16-jährige Josefina hat bei Ebay ein afrikanisches Dorf ersteigert. (AP)
Die 16-jährige Josefina hat bei Ebay ein afrikanisches Dorf ersteigert. (AP)

Der Berliner AutorThomas Fuchs ist mit bald dreißig Büchern eine feste, etablierte Größe auf dem Jugendbuchmarkt. In seinem Roman "Akwaaba. Ein Sommer in Afrika" erzählt er die erstaunliche Geschichte von Josefina aus Hannover, die im Internet ein afrikanisches Dorf ersteigert und nicht ahnt, dass sich mit dieser kuriosen Aktion ihr ganzes Leben verändert.

"Akwaaba – herzlich willkommen" heißt es in der Sprache Ghanas, und die 16-jährige Josefina aus Hannover hört diesen Gruß bei ihrem ersten Besuch in Afrika. Nicht als Touristin reist sie an, sondern als rechtschaffene Besitzerin eines afrikanischen Dorfes! Wie das? Das Dorf stand bei Ebay im Internet tatsächlich zur Versteigerung, angeboten vom örtlichen Häuptling, der sich durch diese Aktion Aufmerksamkeit und Hilfe für seine arme Gemeinde versprach.

Josefina steigert mit, mehr aus Spaß, sie braucht ein Geburtstagsgeschenk für ihre ältere Schwester, das wäre doch ein toller Gag! Und für jämmerliche 71 Euro erhält Josefina den Zuschlag! Damit tritt sie allerdings eine Lawine los, die das Mädchen förmlich überrollt.

Erst stürzen sich die Medien auf sie, dann steht plötzlich ein junger Schwarzer in ihrem Teenie-Zimmer, es ist der Sohn des Häuptlings, der den kuriosen Handel rückgängig machen will. Malcolm heißt er, geht in Deutschland zur Schule, und er ist atemberaubend attraktiv, Josefina wird ganz mulmig. Doch Malcolm behandelt sie zunächst so herablassend, dass Josefina bockig wird und auf ihrem Besitz besteht.

Nach einigem Hin und Her organisiert sie eine Spendenaktion für eine Solaranlage "ihres" Dorfes, mit Malcolm zusammen fährt sie nach Afrika, um die technische Neuerung feierlich zu übergeben. In Ghana allerdings wird sie von einem Kulturschock zum nächsten geschleudert und die Dinge entwickeln sich ganz anders als geplant...

Das ist der Grundriss von Thomas Fuchs‘ neuem, packenden Roman, der in turbulenten Szenen, dramatischen Verwicklungen die Geschichte einer deutsch-afrikanischen Freundschaft und zarten Liebe erzählt.

Die Ereignisse, Atmosphäre und Menschen in Ghana lassen Josefina die Welt mit neuen Augen sehen. Sie registriert den Zauber des Landes ebenso wie Armut und Korruption, die Herzlichkeit der Familie Malcolms steht in scharfem Kontrast zur strikten Stammeshierarchie, Tradition und Moderne beißen sich, die Macho-Attitüden der afrikanischen Männer, auch Malcolm ist nicht frei davon, treiben Josefina als emanzipierte Westeuropäerin auf die Palme.

Thomas Fuchs entwickelt diese Probleme so hart, wie sie sind, ohne Schnörkel, ungeschminkt, ohne Harmoniesucht, wie sie oft im Jugendbuch grassiert. Er lässt seine Teenager selbständig denken, jugendlich fühlen und eigene Schlüsse ziehen. Und so gelingt ihm neben einer hinreißenden Geschichte zugleich ein sanftes Plädoyer für Toleranz auf beiden Seiten.

Thomas Fuchs hat selbst mehrere Monate in einem Workcamp in Ghana verbracht, viele Details und genaue Beobachtungen geben dem Buch eine überaus authentische Prägung und machen es darüber hinaus zu einem stimmungsvollen Reise(ver)führer.

Mit "Akwaaba. Ein Sommer in Afrika" stellt der Autor, Jahrgang 1964, erneut unter Beweis, warum er im Bereich von Jugend- und Kinderbüchern als feste Größe gilt. Über dreißig Bücher hat Thomas Fuchs geschrieben. Wer seinem Nachwuchs pädagogisch wertvolle Literatur schenken will, der trifft hier die beste Wahl.

Thomas Fuchs, Akwaaba. Ein Sommer in Afrika. Jugendroman.
Thienemann Verlag Stuttgart, 2006
349 Seiten, 16,90 Euro

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