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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.09.2012

Ein Buch gegen die "Politik der Ignoranz"

Lob für Heinz Buschkowskys Streitschrift über die Probleme von Migranten in Berlin und anderswo

Güner Balci im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Heinz Buschkowsky bei der Eröffnung eines Kindergartens
Heinz Buschkowsky bei der Eröffnung eines Kindergartens (Fröbel-Gruppe)

Die Schriftstellerin Güner Balci hat sich zustimmend über das Buch "Neukölln ist überall" von Heinz Buschkowsky geäußert: Man könne dem Berliner Bezirksbürgermeister dafür dankbar sein, dass er sich nicht scheue, Tacheles zu reden.

Matthias Hanselmann: Es freut ihn sicher mächtig, den Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky: Sein Buch "Neukölln ist überall" ist aus dem Stand auf den ersten Platz der deutschen Sachbuch-Bestseller-Liste gelandet, der Untertitel "Deutschlands bekanntester Bürgermeister redet Klartext". Das tut er eigentlich immer schon, und er eckt damit auch des Öfteren an. Buschkowsky schlägt Alarm, er beklagt die Gewalt auf den Straßen seines Berliner Bezirks, die hohe Arbeitslosigkeit, die Überfremdungsängste bei der einheimischen Bevölkerung, und er sagt, die Multikulti-Idee ist gescheitert. Viele Migranten leben in Parallelwelten mitten in unserem Land, in unserer Gesellschaft, von der sie sich aber erfolgreich abgrenzen.

Güner Balci ist Journalistin und Schriftstellerin und wie Buschkowsky in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Balci wurde dort als Kind türkischer Gastarbeitereltern geboren. Ich habe mit ihr gesprochen über Buschkowskys Buch, und die Frage, ob den Muslimen in unserem Land, besonders den fundamentalistischen, zu viel verziehen wird und oft zu viel Verständnis entgegengebracht wird, so, wie es Buschkowsky sagt. Zunächst wollte ich natürlich wissen, wie sie das Buch "Neukölln ist überall" beurteilt, welchen Eindruck sie davon hat.

Güner Balci: Also ich würde alles, was er dort beschreibt und behauptet, so unterschreiben, und die Formulierung, dass Neukölln überall ist, die trifft für mich auch tatsächlich zu, und zwar sogar über die bundesdeutschen Grenzen hinaus findet man Zustände, die ähnlich sind wie in Neukölln.

Hanselmann: Wo denn zum Beispiel?

Balci: Zum Beispiel in Frankreich oder in England. Aber selbst in Amerika gibt es Viertel, in denen ich sagen würde, oh, da sind ja Parallelen zu unserem Kiez in Neukölln, eben diese Parallelwelten, wo die Leute sich abgeschottet haben, unter sich leben und auch ein anderes Wertesystem leben als das, das man sich jetzt vorstellen würde in einer Demokratie.

Hanselmann: Kaum ist das Buch erschienen von Heinz Buschkowsky, tritt jetzt schon zum Teil das ein, was er selbst vorhergesagt hatte, man wirft ihm Rechtspopulismus vor, sogar Rassismus. Der Bürgermeister des Nachbarbezirks Kreuzberg in Berlin tut das und rühmt sich, dass in seinem Bezirk große Fortschritte gemacht worden seien bei den Deutschkenntnissen türkisch- und arabischstämmiger Kinder. Was sagen Sie dazu?

Balci: Ich glaube ihm sogar, dass es da auch große Fortschritte gab, aber gemessen an dem, was es hätte an Fortschritten geben können oder geben müssen bisher, gemessen an der Gesamtheit der Menschen, die es einfach nicht geschafft haben, in diesem Land anzukommen – ob mittels Sprache oder auch trotz ihrer Deutschkenntnisse –, ist eigentlich das, was ein Kreuzberger Bürgermeister da behauptet, eigentlich nur verlogen, weil es ist eigentlich nur der klägliche Versuch, ständig auszublenden, dass es diese Probleme im alltäglichen Umgang miteinander gibt. Das ist genau so wie das, was in Wedding passiert zum Beispiel – gehört ja zur Mitte in Berlin. Auch der Bürgermeister in Mitte würde niemals so konkret und Tacheles sprechen wie Heinz Buschkowsky. Bei Heinz Buschkowsky kann man dankbar sein, dass der Mann einfach in politischer Hinsicht auch nichts mehr zu verlieren hat und deswegen auch die Wahrheit nicht scheut. Und er ist einer der einzigen, die ich kenne, der so offen und direkt und oft auch politisch unkorrekt die Wahrheiten anspricht, die da anzusprechen sind, weil sonst würde sich nie was verändern.

Hanselmann: Er spricht Tacheles, Sie sagten es, und schon kommt der Vorwurf von Cem Özdemir von den Grünen, er spreche die Sprache des Boulevards, er würde verallgemeinern und die übliche Abrechnung mit der multikulturellen Gesellschaft betreiben.

Balci: Ja, so jemand wie Cem Özdemir sollte sich mal persönlich fragen, warum er aus einem Haus auszieht, in dem ihm ein Moschee-Verein nicht gefällt, aber ansonsten nicht möchte, dass andere Menschen über solche Zustände sprechen und sich vielleicht auch darüber empören, dass sie irgendwelche Moschee-Vereine oder diverse andere Vereine mit Aktivitäten, die sich ihrer Kenntnis entziehen, in ihrer Gegend haben und sich einfach unsicher fühlen.

Also das ist auch wiederum so eine Unaufrichtigkeit von Politikern, die für sich und ihr eigenes privates Leben, für ihre eigenen Kinder beanspruchen, dass sie auf die besseren Schulen in der Stadt gehen, dass sie selber in besseren Vierteln oder Häusern oder Straßenzügen leben, aber alle anderen, die eben vielleicht keine Lobby haben und vielleicht auch gar nicht die Mittel und die Möglichkeiten, dann diesen Problemen auszuweichen, die werden einfach im Stich gelassen, und sowie jemand dann offen über diese Verhältnisse und Probleme spricht, ist er sofort jemand, der in die rechte Ecke geschoben wird, nur damit man ganz schnell diese Diskussion vom Tisch hat, weil man hat sie ja jahrzehntelang nicht führen müssen, warum sollte man sie jetzt führen? Wenn man das immer noch nicht vor der eigenen Haustür hat, hat man ja eigentlich seine Ruhe.

Hanselmann: Frau Balci, ich zitiere mal aus dem Buch von Heiz Buschkowsky, der schreibt: "Solange wir eine Politik des alles Verstehens und des alles Verzeihens betreiben und den Menschen signalisieren, dass wir gar nicht daran denken, die Verhältnisse zu ändern, weil diese Verwahrlosung der Sitten zur kulturellen Identität und zur Weltoffenheit – also von uns Deutschen – gehöre, solange werden wir für eine wirklich erfolgreiche Integrationspolitik nur verhalten Mitstreiter finden." Haben Sie auch den Eindruck, dass in Deutschland eine Politik des alles Verstehens und alles Verzeihens betrieben wird?

Balci: Es ist eine Politik des alles Verstehens und alles Verzeihens, aber es ist vor allem auch eine Politik der Ignoranz und der Gleichgültigkeit. Also was ich ja noch fast viel schlimmer finde: Man setzt sich ja nicht wirklich mit den Dingen, die da sind, tatsächlich auseinander, sondern immer nur dann, wenn es gerade wirklich ganz schlimm brennt, also wenn es einen Brandbrief gibt oder wenn irgendwo etwas Schlimmes passiert, dann ist das mal kurz ein Thema, aber im Grunde genommen blendet man das ja eigentlich aus. Es müsste ja eigentlich auf die Agenda der Kanzlerin, weil es bestimmt ja auch die Zukunft in diesem Land.

Und ich glaube, dass das nicht passieren wird, leider wird es auch nicht nach dem Buch von Heinz Buschkowsky passieren. Man müsste sich das wünschen, aber es wird nicht eintreten. Man wird sich streiten über die Art und Weise, wie Heinz Buschkowsky diese Probleme darstellt in seinem Buch, und letztendlich wird aber trotzdem nicht ein super Sprachprojekt für Roma-Kinder irgendwo bezahlt werden in der Form, in der man es eigentlich nötig hätte, um diese Kinder dann in 20 Jahren auch Teil dieser Gesellschaft zu nennen, also nur als Beispiel. Da wird nichts passieren politisch, da bin ich mir ziemlich sicher.

Man hat sich damit arrangiert, dass es eben so kleine Gruppierungen gibt, die da so ihr eigenes Süppchen kochen, die auch nach ihrem eigenen Wertesystem leben, und solange das im privaten Bereich ist, mischen wir uns da auch nicht ein, aber selbst, wenn es die Schule betrifft, räumt man dann immer noch so Sonderrechte ein oder versucht, Probleme zu umschiffen, denen aus dem Weg zu gehen. Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass das Lehrpersonal davor zurückschreckt, diese patriarchalischen Strukturen in den Elternhäusern der Kinder anzusprechen, weil dann würden die Konflikte vom Zaun brechen, die man eigentlich nicht haben möchte.

Hanselmann: Gelten denn für Muslime in Deutschland, weil sie Muslime sind, andere Regeln als für andere Bevölkerungsgruppen?

Balci: Ja, da ist was dran, weil wenn wir auf unser Recht auf Meinungsfreiheit pochen, und wenn das alles im strafrechtlich nicht relevanten Rahmen passiert, dann dürfte es Aufschreie geben in der Bevölkerung, aber trotzdem müssten wir auf unser Recht auf Meinungsfreiheit pochen dürfen. Das passiert aber nicht, weil wir natürlich Angst haben. Wir haben Angst vor diesen großen Konflikten, und selbst ich als Einzelperson muss sagen, als Journalistin und als Autorin: Es gibt für mich gewisse Tabus, da überlege ich mir auch mehrfach, ob ich das überhaupt mache oder nicht mache, weil es natürlich am Ende lebensbedrohlich sein kann. Und das wissen wir alle hier in diesem Land, und trotzdem gehen wir damit nicht wirklich um, sondern wir schrecken davor eher zurück und versuchen wirklich, diese sogenannten schlafenden Hunde nicht zu wecken.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton" – wir sprechen mit Güner Balci, die in Neukölln in Berlin aufgewachsen ist und heute als freie Journalistin und Schriftstellerin besonders zu Integrationsthemen arbeitet. Unser Thema: "Neukölln ist überall", das Buch des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky, der darin Alarm schlägt und Gewalt auf den Straßen, hohe Arbeitslosigkeit und Überfremdungsängste bei der einheimischen Bevölkerung als die Realität in seinem Bezirk beklagt. Frau Balci, viele deutsche Politiker, so schreibt es der Schriftsteller Michael Kleeberg im "Spiegel", hätten Angst, schlafende Hunde zu wecken – wir haben eben über dieselben gesprochen –, auf Deutsch, ein hartes Vorgehen des Staates gegen Islamisten in Deutschland, also gegen eine Minderheit, könnte viele nichtradikale Muslime dazu bewegen, sich mit den Radikalen zu solidarisieren. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Balci: Das ist ja schon Fakt, das ist ja schon etwas, was passiert. Nach 9/11 gab es ja bereits unter Muslimen schon einen breiten Zuspruch für diese Anschläge auf Amerika, und das wusste man auch in der Politik, und das waren jetzt nicht Menschen, die zwangsläufig als Radikale vom Verfassungsschutz beobachtet wurden, sondern das waren Leute, die in diesen Milieus leben, in denen man sich schon einig ist darüber, dass man als Moslem erst mal nicht nur Sonderrechte hat, sondern auch eine andere Stellung in der Gesellschaft, nämlich eine übergeordnete über alle anderen Ungläubigen oder weniger Gläubigen. Und ich denke schon, dass die Politik auf jeden Fall, weil sie gar nicht wissen, mit wem sie es da tatsächlich zu tun haben und wie weit verbreitet auch diese Art des Denkens tatsächlich unter den Muslimen im Deutschland am Ende ist, versucht man dann lieber immer wieder zwar punktuell, wenn was passiert, zu reagieren, aber letztendlich das ganze Große mal so ein bisschen außen vor zu lassen, weil es würde natürlich bedeuten, dass man in den Konflikt gehen müsste, und den brauchen wir auch, diesen Konflikt.

Wir müssen uns aneinander abarbeiten, weil wir haben hier in diesem Land, haben wir einfach auch eine Diskussionskultur, die es eigentlich zulassen müsste, dass man auch diesen Streit austrägt und dass man guckt, was der Gegenüber auch aushält und was er verkraften kann, weil wir müssen einfach das einfordern, wofür dieses Land steht, und dazu sind wir eigentlich verpflichtet, und das sind die Grundrechte in diesem Land. Und wenn wir dazu nicht in der Lage sind, dann sägen wir uns am eigenen Bein.

Hanselmann: Worin sehen Sie die Hauptursachen dafür, dass deutsche Politiker Muslime mit Samthandschuhen anfassen und vielleicht auch Gleichgültigkeit nur vortäuschen und in Wirklichkeit Angst haben?

Balci: Muslime, die sich dann auch als solche in der Gruppe definieren und bezeichnen, neigen ja immer sehr schnell dazu, sich in diese Opferperspektive zu stellen oder stellen zu lassen auch gerne, und sind dann immer sehr schnell beleidigt, und somit kann man ja dann auch jede Diskussion erst mal töten beziehungsweise in seichtere Gewässer bringen, ja? Es wird dann gar nicht mehr so konfliktgeladen und doch nicht so kritisch, und am Ende ist man dann doch sehr tolerant, und am Ende versucht man dann doch wieder auf Muslime zuzugehen und auf sie einzugehen und auf ihre Probleme, weil man ja nicht möchte, dass sie sich diskriminiert fühlen in diesem Land. Das ist das ewige Problem, das wir in Deutschland haben. Dasselbe gilt auch für den Antisemitismus: Diese Antisemitismus-Keule, die ist ja sofort draußen, wenn es eine kritische Diskussion gibt, wenn es zum Beispiel um die Beschneidung geht. Das muss man sich mal vorstellen, also dass man sich immer diese Vorwürfe immer wieder anhören muss und dann gleichzeitig auch einknickt, weil man nichts dagegenhalten möchte. Und so ist es mit den Muslimen ähnlich.

Hanselmann: Vielen Dank an Güner Balci. Sie ist Journalistin und Autorin unter anderem des Buches "Arab Boy", erschienen bei S. Fischer.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.