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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 15.07.2005

Ein Buch, das warnen will

Chahdortt Djavann: "Was denkt Allah über Europa?"

Rezensiert von Michael Stürmer

Chahdortt Djavann: Was denkt Allah über Europa? (Coverausschnitt) (Ullstein Verlag)
Chahdortt Djavann: Was denkt Allah über Europa? (Coverausschnitt) (Ullstein Verlag)

In Frankreich ist ihr Buch ein Bestseller. Chadortt Djavann, Exil-Iranerin mit traumatischer Erfahrung, warnt die Europäer in einer Schrift mit demokratischer Leidenschaft vor dem Fehler, die islamistische Bedrohung zu unterschätzen. Jetzt ist es auf Deutsch erschienen.

Am Ende dieses Jahrhunderts wird Europa islamisiert sein – das jedenfalls sagt der Doyen der westlichen Islamforschung Professor Bernard Lewis von Princeton den Europäern voraus. Die Völker ahnen das mehr als die Politiker, und sie sträuben sich dagegen. Das Non der Franzosen zum europäischen Verfassungsvertrag und das Nee der Niederländer hatten jeweils verschiedene Gründe. Was sie verband, war die Abneigung gegen das Brüssel der Technokratie und der Erweiterung in islamisches Gelände, Türkei und Nordafrika. Die Politik in den Hauptstädten Europas muss sich hüten, die Mehrheiten zu verlieren an die rechten und linken Ränder. In Deutschland ist dieser Prozess in vollem Gang, und keine Political Correctness wird ihn so rasch stoppen.

Und so auch in Frankreich, wo der künftige Präsidentschaftskandidat Sarkozy die Sorgen der Franzosen abzufangen sucht durch eine Politik, die keine islamischen Inseln in der einen und unteilbaren französischen Republik duldet. Es sind auffallender weise die kampfstarken Frauen, welche die Argumente schärfen. Vor einem Jahr schrieb die Diplomatin Sylvie Goulard einen knappen Essay, sofort ins Deutsche übersetzt, über den Großtürken und die Republik von Venedig - gemeint ist der militante Islam, der auf eine ahnungslose Handelsrepublik Europa trifft. Jetzt ist in Frankreich das Buch der 38-jährigen Chadortt Djavann zum Bestseller geworden. Die deutsche Übersetzung hat den Titel: "Was denkt Allah über Europa?". Dieser Frage schließen sich andere an:

"Was denkt Allah über den Islamismus, den Terrorismus? Was denkt Allah über die Männer, die in seinem Namen sprechen, über jene, die für ihn töten und sterben? Was denkt Allah über die Mullahs, die sich selbst zu seinen Anwälten ernennen? Was denkt Allah über die Selbstmordattentäter?"

Das sind Fragen mit Sprengkraft, welche den Leichtsinn, den Krämergeist und den politischen Opportunismus Europas in Frage stellen. Während im westlichen Europa die Religion Folklore der besonderen Art geworden ist, in Deutschland mit Kirchensteuerprivileg, hat sie in der islamisch-arabischen Welt seit der Revolution des Ayatollah Chomeini 1979 an Kraft und Intensität ständig zugenommen, und nicht zuletzt in der Türkei, wo der säkulare Kemalismus der Staatsgründung einer ständigen Erosion ausgesetzt ist. Frau Djavann ist 1993 aus Teheran nach Frankreich geflohen, studierte dort Anthropologie und wurde zur erfolgreichen Autorin. Sie spricht aus traumatischer Erfahrung, wenn sie die Dienstbarkeit des Islam gegenüber dem Machthunger seiner Prediger beschreibt:

"Seit einem Vierteljahrhundert haben die Menschen Allah für alles benutzt. Er war Teil all ihrer Komplotte, all ihrer makabren Inszenierungen. Alles wird im Namen Allahs gesagt, gemacht, gefordert. Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat, dann hören doch die Menschen nicht auf, Gott nach ihrem Ebenbild zu schaffen… Man darf die Worte der Menschen deshalb nicht für göttlich halten, im Gegenteil: Um die Absichten der Menschen zu erkennen, muss man darauf achten, was sie als Gottes Wort ausgeben."

Der islamische Schleier: Frau Djavann hält ihn nicht für ein modisches Accessoire, sondern für den symbolischen Ausdruck von Beherrschung der Frauen durch die Männer:

"Ein Problem, das viele als "französische Ausnahme" ansehen, erweist sich als gesamteuropäisches Problem. Und der Hinweis auf den antiarabischen Rassismus der Franzosen ist diesmal unzutreffend. In Deutschland sind die Verschleierten türkisch, und dennoch ist auch bei den Türken eine antiarabische Haltung weit verbreitet."

Chadortt Djavann ist unbeeindruckt von den Reden der jungen Frauen, die von den Islamisten vor die Kamera gezerrt werden, um für den Schleier zu werben; unbeeindruckt auch von den Intellektuellen, die den Schleier verharmlosen, der die rechtliche, soziale und existentielle Unterlegenheit der Frauen symbolisiert.

"Der islamistische Diskurs versucht, sich an die Situation, die Gesetze und die Geschichte des jeweiligen europäischen Landes anzupassen, um sie besser zu nutzen. Er legitimiert sich selbst, indem er sich mal auf Rassismus und Fremdenfeindlichkeit beruft, mal auf soziale und wirtschaftliche Diskriminierung, die der muslimischen Bevölkerung gilt, mal auf die koloniale Vergangenheit."

Immer versuchen die Islamisten und ihre Freunde, der Mehrheit ein schlechtes Gewissen zu machen und sich hinter der Political Correctness zu verstecken, die nur für die Europäer gilt, nicht aber für die Pressesprecher Allahs. Es ist erstaunlich, wie wenig die Frauenbewegungen hierzulande das Problem des Schleiers begriffen haben und sich gleichgültig stellen. Djavann:

"Der Schleier reduziert das Verhältnis zwischen Mann und Frau auf eine rüde, bestialische Sexualität… Die islamistische Gesellschaft ist im übertragenen Wortsinne eine pornographische Gesellschaft. Der Schleier … reduziert die Frau auf ein Sexualobjekt. Es ist der Schleier, der die Frau als unreines Wesen darstellt. Der Schleier bedeutet, dass schon der Blick auf die Haare einer Frau jederzeit das sexuelle Verlangen des Mannes wecken kann; mit dem Schleier wird die Frau zu einem sexuellen Köder. Somit versetzt die Frau, allein durch ihre Existenz, die islamische Moral in Gefahr. Oder vielmehr: In der Art und Weise, wie sie ständig die islamische Moral auf die Probe stellt, bestätigt sie in jedem Moment immer wieder neu deren Notwendigkeit. … Wenn der Schleier der Frauen die Flagge des islamistischen Systems ist, dann deshalb, weil er einen permanenten Ruf zur Ordnung darstellt und an das islamische Gesetz mahnt, indem er etwas zeigt, was er zugleich verbirgt."

Die Kampf-Fahne der Islamisten - ist das zu kompliziert – oder ist es übertrieben? Der Schleier bedeutet, dass die Frauen minderen Rechts sind, genau genommen Besitz der männlichen Muslime, ein bisschen besser als Haustiere. Der Schleier ist die Siegesfahne einer Männergesellschaft, welche die Frauen fürchtet und zugleich unterdrückt:

"Dieses System … ist ideologisch totalitär und faschistisch… Der Schleier ist ein Anschlag auf die Ehre der Frauen und der Männer… gleich welche religiöse oder nicht-religiöse Einstellung sie vertreten. Die Ausbreitung des Schleiers in europäischen Städten demonstriert ganz konkret die Verbreitung des islamistischen Systems. Der Schleier … ist eine Kriegsmaschine."

In Europa tröstet man sich über solche Erfahrungen und Analysen durch Unterscheidung zwischen gutem Islam und bösem Islamismus. Das ist politisches Appeasement, Beschwichtigung, aber keine Strategie. Für eine Weile kann das halten. Auf die Dauer müssen die Europäer sich die alte Frage stellen: Liebt ihr die Freiheit, und wollt ihr sie verteidigen? Die Toleranz der Europäer ist meistenteils nicht mehr als Gleichgültigkeit und Opportunismus gegenüber den islamistischen Strategien.
Die Iranerin im Exil warnt die Europäer in einer Schrift mit Kampfgeist und demokratischer Leidenschaft vor dem strategischen Fehler, den Feind zu unterschätzen. Alles in der Welt hat seinen Preis. Und wenn wir so weitermachen wie in den letzten zehn Jahren, dann wird die Warnung des Professor Lewis vor der Islamisierung Europas sich noch zu Lebzeiten der meisten erfüllen, die sie heute für düsteren Pessimismus halten. Nach diesem Buch ist Europa gewarnt.

Chahdortt Djavann:
Was denkt Allah über Europa? Gegen die islamistische Bedrohung
Ullsteinbuchverlage, 2005

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