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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 27.09.2013

Ein Brückenschlag

Ein Studiengang in Düsseldorf bringt Israelis, Jordanier und Palästinenser zusammen

Von Hannelore Becker

Europapolitik wird im Nahen Osten immer wichtiger. (AP)
Europapolitik wird im Nahen Osten immer wichtiger. (AP)

"European Studies" in Düsseldorf ein wohl einzigartiges Experiment. Denn hier kooperieren vier Hochschulen: die israelische Universität Herzliya, die palästinensische Al Quds-Universität in Ost-Jerusalem, die Royal Scientific Society in Amman - und die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

"”Ich fand es sehr interessant, mich mit palästinensischen und jordanischen Kommilitonen zu treffen, mit ihnen über die Europäische Union zu sprechen und dabei auch ihr Leben zu verstehen, was bei ihnen politisch so passiert, - und wie wir, als die jüngere Generation, vielleicht bessere Konfliktlösungen finden können.""

Itay kommt aus Tel Aviv. Er hat -ganz in der Nähe- an der Universität von Herzliya Politikwissenschaften studiert und anschließend an der Düsseldofer Heinrich Heine-Universität seinen Master in ”European Studies" gemacht. Genauso wie Nimala. Sie stammt aus dem palästinensischen Bayt Djala, einer Stadt in der Nähe von Bethlehem. Sie hat bereits einen Abschluss in Psychologie und war schon Mitarbeiterin im Willy-Brandt-Center in Jerusalem.

"”Die Idee, zusammen mit Israelis an einem Ort zu studieren, ist für viele von uns immer noch ziemlich ungewohnt. So ist nicht einfach, an diesem Programm teilzunehmen.""

Nimala und Itay sind zwei von insgesamt 30 jungen Frauen und Männern aus Israel, Palästina und Jordanien, die für 12 Monate an die Düsseldorfer Universität gekommen sind, um dort den Masterabschluss in ”European Studies" zu erwerben. In dieser Zeit leben sie auch zusammen in einem Wohnheim auf dem Campus, sie kochen und feiern zusammen, machen Exkursionen und spielen ganz einfach auch mal Fußball. So lernen sie sich - auf neutralem Boden - allmählich auch besser kennen und schätzen, erzählt Itay.

"”Ich habe gelernt, dass die Palästinenser kein geschlossener Block sind und die Jordanier auch nicht. Zu einigen Palästinensern, mit denen ich letztes Jahr sehr befreundet war, habe ich immer noch Kontakt.""

Initiator und Leiter dieses weltweit einzigartigen Studienganges ist Prof. Avi Primor, ehemals israelischer Botschafter in Deutschland und jetzt Leiter des Center for European Studies an der Universität in Herzliya, - nahe Tel Aviv.

"Ich war ja vor Jahren Botschafter bei der Europäischen Union, noch bevor ich nach Deutschland gekommen bin. Und habe begriffen, wie sehr die Europäische Union für uns in Israel wichtig geworden ist und wie wenig wir in Israel was davon verstehen. Und als ich in den Ruhestand gegangen bin, habe ich gedacht, jetzt wäre die Zeit, und habe in der Universität ein Zentrum für Europäische Studien gegründet."

Was dringend Not tat. Denn im Rahmen der Mittelmeer-Union und der EU-Nachbarschaftspolitik werden die Beziehungen zwischen Europa und dem Nahen Osten stark ausgebaut. Dadurch wächst dort auch der Bedarf an Europa-Experten. Und an denen mangelt es nicht nur in Israel.

"Aber ich dachte damals nur an Israelis. Und danach, weil ich mit dem Präsidenten der Palästinensischen Universität seit geraumer Zeit befreundet bin - und mit dem Prinzen Hassan in Jordanien, ist es dazu gekommen, dass ich aus mein Zentrum der Europäischen Studien in meiner Universität, ein trilaterales Zentrum gegründet habe, und betreibe es heute mit der palästinensischen Universität in Al Quds und mit dem jordanischen Wissenschaftszentrum unter der Leitung des Prinzen Hassan."

Seine Idee: Studenten in Israel, Palästina und Jordanien, die bereits einen Abschluss in Jura, in Politik-, Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften haben, beizubringen, wie die Europäische Union funktioniert. In allen ihren Facetten. Das Problem: Während dieser Studienzeit konnten die jungen Leute aus den verfeindeten Ländern niemals direkt zusammenkommen.

"Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich will ja nicht nur Brücken schlagen zwischen Europa und dem Nahen Osten, sondern auch zwischen den Völkern des Nahen Ostens. Aber wie macht man das unter den Umständen des Nahen Ostens?"

Die Lösung: ein Zwei-Phasen-Plan. Für die erste Phase bieten die Universität Herzliya in Israel, die Al-Quds-Universität in Palästina und das jordanische Wissenschaftszentrum in Amman ein Vorbereitungsjahr in ”European Studies" an. Mit den Fächern Wirtschaft, Finanzen, Recht und Geschichte, sowie ”Einführung in die Europäischen Union" und ”Integration europäischer Gesellschaften". Gelehrt wird nach einem für alle drei Hochschulen verbindlichen Studienplan.

"Und so ist es, dass wir heute, meine Dozenten und ich, in den drei Zentren, parallel unterrichten. Und dann fliegen die Studenten gemeinsam nach Düsseldorf, …"

… um während der nun folgenden zweiten Phase für 12 Monate an der Heinrich-Heine-Universität ihren Masterabschluss in ”European Studies" zu machen. Ihre Reise- und Lebenshaltungskosten werden aus Spenden finanziert, die Avi Primor einwirbt. Das Interesse an diesem Englisch sprachigen Studiengang ist mittlerweile groß. So müssen sich 100 Kandidaten aus jeder der drei kooperierenden Hochschulen einem Auswahlverfahren stellen. Dafür seien aber seine Kollegen aus Düsseldorf zuständig, betont Primor.

"Ich glaube, dass das auch richtig ist, weil ich als Israelis es mir nicht leisten kann, einem Palästinenser oder einem Jordanier absagen oder ihm sagen, dass er nicht das richtige Niveau hat, - das ist zu empfindlich."

So gehen auch die Dozenten in Düsseldorf sehr diplomatisch vor. Politische Diskussionen etwa über den Nahost-Konflikt versuchen sie nur indirekt anzugehen, in dem sie am Beispiel der Europäischen Union vermitteln, wie aus vermeintlichen Erbfeinden Freunde werden können. Die EU also ein Modell für den Nahen Osten? Nimala, die junge Palästinenserin, ist optimistisch.

"”Es kann funktionieren! Aber es braucht noch viel Arbeit daheim, sozusagen Hausaufgaben. Ich engagiere mich für diese Zukunft. Ich sehe doch, wie es hier in Europa mehr Zusammenarbeit und vertrauensbildende Maßnahmen gibt. Das schaffen wir auch eines Tages im Nahen Osten.""

Daran möchte sie aktiv mitarbeiten. So plant Nimala in Jerusalem ein Europa-Café. Und sie will als Journalisten mit Schwerpunkt ”Europa" Fuß fassen. Und Itay aus Tel Aviv? Er versucht in der Verwaltung der EU einen Job zu finden, gibt aber auch zu bedenken:

"”Wir können die Idee der Europäische Union nicht einfach so übernehmen, - so wie sich die Länder nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenfanden, um dann zu sagen:'Ok, jetzt spielen wir das als Middle-East-Programm!' Die europäische Sichtweise und der 'Blickwinkel des Nahen Ostens' sind mitunter komplett anders. Deshalb müssen wir miteinander vor allem mehr reden. Dabei werden zwar auch Wunden aufgebrochen, - um dann von uns geheilt zu werden, - für eine bessere Zukunft.""

Um diesen Prozess aufrecht zu halten, hat Avi Primor für die Absolventen der ”Europaen-Studies" einen Alumni-Kreis gegründet. Bislang gab es zwei Treffen. Letztes Jahr in Jerusalem. Und dieses Mal in Amman, - zu dem bereits 160 Teilnehmer gekommen waren. Die Partnerschaft zwischen Israelis, Palästinensern und Jordanier: Zu Beginn dieses gewagten Experiments, erinnert Avi Primor, habe es weit mehr Skeptiker als Befürworter gegeben.

"Aber nachdem es doch gut gelaufen ist und nachdem die Nachfrage ununterbrochen wächst, - ja wissen Sie, auf englisch sagt man 'nothing succeds like success', und das ist es eben. Wir haben hier einen Erfolg und ein Erfolg kommt immer gut an."

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