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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.06.2013

Ein bitterer, sehr kalter Romantiker

Natan Zach: "Verlorener Kontinent", Jüdischer Verlag, Berlin 2013, 87 Seiten

Der Alltag in Israel ist immer wieder Thema Zachs. (picture alliance / dpa / Foto: Schoening)
Der Alltag in Israel ist immer wieder Thema Zachs. (picture alliance / dpa / Foto: Schoening)

Natan Zachs gefühlvolle und ironische Gedichte sind seit Jahrzenten Teil der israelischen Alltagskultur. Ein kleiner Gedichtband gibt nun deutschsprachigen Lesern einen Einblick in das Schaffen des streitbaren Autors.

"Womit versüßt man Tage, wenn nicht mit Gedichten", heißt es in einem Vers des israelischen Lyrikers Natan Zach.

Seit 1955 versüßt der 1930 in Berlin geborene Zach nun die Tage – wobei er alles andere als ein poetischer Zuckerbäcker ist. Sein Werk, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt, in Israel und international mehrfach ausgezeichnet, hat ihn zum Erneuerer und Wegbereiter der modernen hebräischen Lyrik gemacht. Zach prägt sie bis auf den heutigen Tag: als "bitterer, sehr kalter Romantiker", so die Selbstcharakterisierung des streitbaren Zeitgenossen. Seine gefühlvollen, aber unsentimentalen Gedichte, Teil der israelischen Alltagskultur, sind – vielfach vertont – auch als Lieder populär. Hin und wieder thematisieren sie in poetischer Form politische Ereignisse - weitaus subtiler als es ein Günter Grass vermag.

Vor wenigen Tagen erst erinnerte Zach in der Tageszeitung Haaretz mit einem Gedicht an den erschossenen Palästinenserjungen Muhammed al-Dura.
Umso mehr wundert es, dass erst jetzt, im dreiundachtzigsten Lebensjahr des Dichters, ein Buch erscheint, das es dem deutschen Leser erlaubt, sich wenigstens mit einem Querschnitt aus Zachs jahrzehntelangem Schaffen bekannt zu machen.

"Verlorener Kontinent" lautet der Titel dieser mit 87 Seiten viel zu bescheiden ausfallenden Sammlung von Gedichten aus den Jahren 1955 bis 2008.

Zach, Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer italienischen Mutter kam als Kind in das Mandatsgebiet Palästina. In der Familie sprach man Deutsch. Hebräisch, die Sprache, in der Zach sich künstlerisch ausdrückt oder auch an der Universität Haifa unterrichtet hat, erlernte er als Fremdsprache.

Fremdsein ermöglicht Distanz. Natan Zach brachte Ironie und einen direkten, umgangssprachlichen Ton in die anfangs pathetische, stark ideologisch gefärbte israelische Lyrik. Er versuchte, sich durch feine Alltagsbeobachtungen seiner neuen Heimat zu vergewissern. Die Form war offen, lokale Angelegenheiten wurden zum Gegenstand seiner Dichtung ebenso wie Entwurzelung und Vereinsamung des modernen Menschen. Eigenwillig, souverän und assoziativ schrieb er, beeinflusst von europäischen Traditionen, dem deutschen Expressionismus und den englischsprachigen Dichtern der klassischen Moderne: T.S. Eliot, W.H. Auden, William Carlos Williams, E.E. Cummings. Selbst übersetzte er unter anderem Allen Ginsberg und Brecht ins Hebräische.

Fünf Kapitel hat Zachs Gedichtsammlung. Sie sind nicht chronologisch unterteilt, sondern thematisch geordnet. Im ersten geht es vor allem um Dichtung. Im zweiten um menschliche Begegnungen und die Selbstverortung des lyrischen Ichs. Es folgen Liebesgedichte und Widmungen an Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, S. Yishar. Im vierten und fünften Kapitel dann thematisiert Zach Tod, Verlust und Vergänglichkeit.

"Jetzt ist das Schweigen pure Verschwendung", heißt es da. Pure Verschwendung sind auch leere Buchseiten, könnte man sie doch mit Gedichten Natan Zachs füllen. Der vorliegende kleine Band vermittelt nachdrücklich, dass dieser israelische Lyriker im Deutschen immer noch ein "Verlorener Kontinent" ist, den ausgiebig zu erkunden, ein großes Leseglück und eine tiefe menschliche Erfahrung wäre.

Besprochen von Carsten Hueck

Natan Zach: Verlorener Kontinent
Aus dem Hebräischen von Ehud Alexander Avner
Jüdischer Verlag, Berlin 2013
87 Seiten, 19,95 Euro

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