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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.01.2013

Ein bisschen Glamour mit Hang zum Banalen

Warum Christian Wulff sich doch nicht als Theaterfigur eignet

Thomas Laue im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat "Ansätze zur Größe, auch theatral zur Größe, und dann banalisiert sich es wieder".
Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat "Ansätze zur Größe, auch theatral zur Größe, und dann banalisiert sich es wieder". (dapd)

Zwar hat die Geschichte vom Aufstieg und Fall Christian Wulffs alle Zutaten zu einem guten Theaterstück, dennoch tauge er nicht zum tragischen Helden, sagt Dramaturg Thomas Laue: "Man hat das Gefühl, er schlittert immer so hinein in das, was ihm passiert, und am Ende landet er wieder in einer Mietwohnung in Hannover."

Jörg Degenhardt: Die Trennung der Eheleute Wulff – die Meldung kam nicht wirklich überraschend, hatte doch die künftige Exfrau des ehemaligen Bundespräsidenten schon in ihrer Biografie durchblicken lassen, dass es zwischen beiden nicht mehr zum besten bestellt war. Kritik gab es da an ihrem Mann und vom Besuch bei einem Paartherapeuten war die Rede.
Nun gehen auch andere Menschen zum Therapeuten oder zum Scheidungsanwalt. Warum ist das Interesse an dieser Geschichte dennoch so groß? Darüber will ich reden mit Thomas Laue, Chefdramaturg am Schauspiel in Bochum. guten Morgen, Herr Laue.

Thomas Laue: Schönen guten Morgen.

Degenhardt: Einmal ganz oben im Glanze, im höchsten Amt des Staates, im Schloss Bellevue, dann wieder ziemlich geerdet und grau in einer Hannover Mietwohnung. Die Geschichte des Christian Wulff, ist es das, dieses Auf und Ab, was die Menschen so interessiert, so neugierig macht?

Laue: Ja, es ist natürlich auf den ersten Blick dieser große Fall, dass man so einen Aufstieg hat, man kommt aus relativ kleinen Verhältnissen, dann jemand, dem man das eigentlich nicht zutraut von seinem Aussehen, von seinem Auftreten, der plötzlich der beliebteste Politiker Deutschlands ist – man weiß gar nicht warum. Und dann sitzt der im Schloss Bellevue, ganz egal wie der Weg dahin ist, und hat diese Frau an seiner Seite, die sich ja mit ihm gemeinsam dann so als ein Glamour-Paar stilisiert hat, und plötzlich geht es bergab in einem Tempo, dass man gar nicht mehr mitkommt. Das ist natürlich auf den ersten Blick eine spannende Geschichte, eine fast auch tragische Geschichte.

Degenhardt: Kann man aus diesem Theater um die Wulffs auch ein Theaterstück machen?

Laue: Na ja, wie gesagt: Auf den ersten Blick wirkt das alles wie eine sehr große Geschichte, weil natürlich die ganzen Zutaten so groß sind, das Schloss, der Bundespräsident, die First Lady, das Paar, das nicht zueinander passt, dann dieser etwas anrüchige Sturz, wo es um Geld geht, wo es um falsche Freunde geht, wo es um andere Glamour-Paare geht. Das klingt alles gut.

Beim zweiten Hingucken ist es dann nicht mehr ganz so spannend. Da wird es dann plötzlich doch sehr banal.

Degenhardt: Aber so ist das Leben!

Laue: Ja, so ist das Leben. Aber so ist vielleicht das Theater dann nicht unbedingt. Wo ist der Held? Christian Wulff ist ja nicht wirklich ein Schurke, nicht wirklich ein tragischer Held. Man hat das Gefühl, er schlittert immer so hinein in das, was ihm passiert, und am Ende landet er wieder in einer Mietwohnung in Hannover. Ich weiß, was das heißt, ich habe selbst mal in einer Mietwohnung in Hannover gewohnt.

Degenhardt: Der Regisseur Dieter Wedel hält einen Film über die Wulff-Geschichte für noch verfrüht, aber immerhin für möglich. Im Moment könne er nicht entscheiden, wer in dieser Geschichte der Sympathieträger ist und wer der Bösewicht. Haben Sie denn, Herr Laue, schon eine Wahl getroffen? Ist sie die Schöne oder das Biest?

Laue: Ja, das ist genau das Problem. Man weiß es ja bei beiden nicht so richtig. Man hat ja auch viel darüber gelesen, ob das nicht vielleicht doch eher so eine Beziehung ist, die auf so einer unausgesprochenen Verabredung beruht, dass man voneinander profitiert, sie, die irgendwie nach oben kommt durch ihn, und er, der sich schmücken kann mit dieser Frau, die sich als schön und fotogen ja auch selbst stilisiert, und alles wird öffentlich gemacht.

Wenn Sie das aber mal vergleichen, dieses Paar, zum Beispiel mit dem anderen großen Scheidungspaar, was jetzt die letzten Tage durch die Presse gegangen ist, mit den van der Vaarts, dann hat das natürlich gleich eine ganz andere Qualität. Da ist dann wirklich Glamour, er hat sie geschlagen, aber sie hat ihm verziehen, wird er wieder Fußball spielen können. Obwohl eigentlich die Rahmenbedingungen viel kleiner sind, gibt die Geschichte an Emotionen und an Mitleidensfähigkeit ja viel mehr her. Hier guckt man so drauf und denkt, na ja, ...

Degenhardt: Wir wissen ja nicht, was noch kommt. Vielleicht schreibt Herr Wulff auch noch ein Buch.

Laue: Ja wollen wir es nicht hoffen! Wollen wir es nicht hoffen … Ich meine, sie hat jetzt das Problem, sie sitzt jetzt in einem Albtraum aus Klinker in Großburgwedel und er sitzt wieder in Hannover, und es ist, wie, ich glaube, dass so ein Erwachen jetzt kommt, dass sie jetzt ihre Rolle finden müssen, dass sie gucken müssen, wie geht es denn eigentlich weiter im Leben. Aber wer sind wir, darüber jetzt zu entscheiden, wer da der Gute oder der Böse ist.

Degenhardt: Immerhin hat doch Herr Wulff alles verloren, und dann ist da noch die mögliche Anklageerhebung in Hannover wegen der mutmaßlichen Verfehlungen in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident. Tut er Ihnen nicht ein bisschen leid?

Laue: Er ist ja mit seinem Ehrensold dann auch wieder erst mal relativ weich gefallen. Es ist aber immer ein bisschen so: Es hat immer Ansätze zur Größe, auch theatral zur Größe, und dann banalisiert sich es wieder. Es ist immer so, als würde Richard III., bevor er seinen großen Mordfeldzug beginnt, erst mal noch einen Bausparvertrag abschließen. So wirkt das ein bisschen. Und dadurch redet man darüber und es ist wahnsinnig interessant, mal zu gucken, was passiert jetzt wieder, aber man erwartet ja eigentlich keine großen Taten mehr von den beiden. Das geht ja bis hin, wenn man sich anguckt, wie sie sich getrennt haben: Sie haben eine Trennungsvereinbarung unterschrieben. Geht es normaler oder banaler? Schwer.

Degenhardt: Trotzdem scheint es sehr viele zu beschäftigen. Wenn man die Zeitungen heute durchblättert, ganz viele Kommentare dazu. Wir hatten es auch in der Presseschau. Was sagt das möglicherweise auch aus über die Mentalität unserer Gesellschaft?

Laue: Was natürlich interessant daran ist, das ist diese Hybris, dass jemand so die Kontrolle über das verloren hat, was sein eigenes Leben ist, weil er dachte, na ja, ich kann das, und da wird es auch interessant. Es gibt ja diese Geschichte, dass er in der Endphase seiner Amtszeit durchs Schloss Bellevue gelaufen sei und immer gesagt habe, ich bin der Bundespräsident, ich, ich, ich. Da wird es dann plötzlich interessant, in dieser Spannung zwischen Normalität und, ich sage mal, dann doch wieder Größe oder dem Anspruch an Größe, aber dem Unvermögen, das tatsächlich sauber hinzubekommen, obwohl er eigentlich alle Möglichkeiten gehabt hätte.

Und er hatte ja auch gute Momente, der berühmte Satz, der hängen bleibt, Deutschland gehört zum Islam, und so weiter, wo er sich ja auch was getraut hat. Aber man hat nie das Gefühl, dass er diese Figur, wenn wir es mal als Theaterfigur betrachten, als Schauspiel, dass er sie wirklich glaubhaft füllen kann. Das ist sein großes Problem. Und plötzlich ist man da so, dass man sagt, die tun einem leid, aber man ist dann auch so, da man sagt, Gott sei Dank, das könnten wir sein.

Degenhardt: Gott sei Dank, jetzt ist es erst mal zu Ende. Der Fall Wulff, er sorgt offensichtlich für viel Gesprächsstoff. Wir haben es gerade gehört. Vielen Dank dafür, dass Sie Zeit hatten. Das war der Chefdramaturg Thomas Laue vom Schauspiel in Bochum. Ich wünsche Ihnen, Herr Laue, noch einen schönen Tag.

Laue: Ebenso! Herzlichen Dank.

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