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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.12.2011

Ein Barschel-Ermittler packt aus

Heinrich Wille: "Ein Mord, der keiner sein durfte", Rotpunktverlag, Zürich 2011, 382 Seiten

Uwe Barschel am 18. September 1987 (AP Archiv)
Uwe Barschel am 18. September 1987 (AP Archiv)

Bis heute sind die genauen Todesumstände von Uwe Barschel nicht aufgeklärt. Heinrich Wille hat in dem Fall als Oberstaatsanwalt ermittelt. Er ist überzeugt: Der CDU-Politiker wurde ermordet. In seinem Buch beschreibt Wille sein Ringen mit Geheimdiensten, Politikern und nachlässigen Behörden.

Am 11. Oktober 1987 wurde in Genf ein deutscher Politiker tot aufgefunden: der langjährige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Uwe Barschel. Sein Name stand damals aktuell für eine unappetitliche Intrige gegen seinen Konkurrenten bei der Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Er wurde auch in Verbindung gebracht mit Waffengeschäften, seltsamen Beziehungen zur DDR, illegalen U-Boot-Blaupausen für Südafrika, der Iran-Contra-Affäre. Bei so einem Fall arbeitet die Polizei unter medialen Argusaugen, also mit äußerster Akribie? Nein. Die Schweizer Behörden nahmen ein irritierend lässiges Todesermittlungsverfahren vor - Medikamentenpackungen wurden weggeworfen, eine fehlende Weinflasche wurde nicht etwa im Müll des Hotels gesucht, die Spurensicherung bekam nicht mal Fotos vom Fund- und möglicherweise Tatort hin, die Kamera funktionierte nicht - und schlossen es bald ab. Ergebnis: Selbstmord.

Niemand scheint den Schweizern die Brisanz des Falls nahegebracht zu haben. Der Generalbundesanwalt zog das Verfahren nicht an sich. Die Staatsanwaltschaft Lübeck leistete nur Rechtshilfe, übernahm das Schweizer Ergebnis und beließ es bei dem, was Beamte sarkastisch "Aktenrundlauf" nennen: Keine exorbitanten Aktivitäten bitte. Auch die medialen Meinungsführer gaben sich überzeugt vom Selbstmord. Eventuell mit Sterbehilfe.

Das änderte sich erst 1993, als ein neuer Oberstaatsanwalt in Lübeck den Fall erbte: Heinrich Wille. Wille, Jahrgang 1945, ein streitbarer Mann - linke SPD, Zuarbeiter von Norbert Gansel im "U-Boot"-Untersuchungsausschuss, also vertraut mit Geheimdienst- und Politgestrüpp - und ein beinharter Verfechter des Legalitätsprinzips. Also ermittelte er, wie es sich gehört, in alle Richtungen und stieß auf manches, das nicht zu einem Selbstmord passte: ein abgerissener Hemdknopf, ein fehlender Schuh, ein ausgewaschenes Whiskeyfläschchen mit toxischen Resten. Er verfolgte jetzt auch die Mordspur. Was dann passierte und sich bis heute hinzog, erzählt Wille in seinem Buch. Als US-TV-Fiction wäre es ein prima Schmöker. Aber das hier ist deutsch und real. Kriminalliteratur der beunruhigenden Art.

Seine Arbeit stand von Anfang an unter Dauerbeschuss. Ermittlungen wurden hinterrücks blockiert, Interna der Presse durchgestochen, er und seine Mitarbeiter gerieten in Lebensgefahr, der BND mauerte, Vorgesetzte verletzten ihre Fürsorgepflicht so eklatant, dass politischer Einfluss fast unüberhörbar ist und interessierte Medien leichtes Spiel hatten, ihn persönlich madig zu machen - ähnlich wie Michael Buback.

Das Bild, das sie zeichnen, oszilliert zwischen Pathologisierung (hysterisch verrannt) und Hohn (kleiner Provinz-Staatsanwalt verläuft sich in der großen Welt aus CIA-Mossad-Mafia). Wie fatal es ist, wenn Ermittlungsbehörden Hinweise auf "große Zusammenhänge" ignorieren und alles auf kleiner Flamme kochen, hat sich gerade bei der rassistischen Mordserie von Neonazis gezeigt.

Wille ist heute überzeugt, dass Barschel ermordet wurde. Vielleicht lässt sich das nie mehr klären. Die Welt ist keine Festplatte, einmal gelöschte Spuren sind für immer weg. Willes Buch allerdings sollte dringend jeder lesen, der wissen will, was Rechtsstaatlichkeit ist und wie sie erodiert durch konzertiertes Untergraben. Die Spuren solcher Erosionen sind weiter da, an vielen Stellen.

Besprochen von Pieke Biermann

Heinrich Wille: Ein Mord, der keiner sein durfte. Der Fall Uwe Barschel und die Grenzen des Rechtsstaates
Rotpunktverlag, Zürich 2011
382 Seiten, 24 Euro

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