Mittwoch, 3. September 2014MESZ01:52 Uhr

Buchkritik

FamiliengeschichteZerwürfnisse wie Giftmüll
Wachsfiguren-Kabinett in St. Petersburg: Geheimdienst-Chef Lawrentij Berija (l.) und Stalin, dazwischen der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko.

Den Niedergang einer Familie vor dem Hintergrund der finsteren Geschichte Georgiens im 20. Jahrhundert schildert Nino Haratischwili in ihrem Mammutroman. Allerdings ergeben die detaillierten Episoden nur ein unübersichtliches Wimmelbild.Mehr

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

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Literatur

Bewegung und SchreibenIch ist ein Wanderer
"Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich

Die Bewegung eines Schriftstellers zu Fuß auch in Zeiten unbegrenzt möglicher Fernreisen ist für sein Schreiben existenziell. Die Bewegung eines Schriftstellers zu Fuß ist auch in Zeiten unbegrenzt möglicher Fernreisen entscheidend ist für sein Schreiben.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.08.2011

Ein auf Neid und Mythologie basierendes Feindbild

Buch der Woche - Götz Aly: "Warum die Deutschen? Warum die Juden?", S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, 352 Seiten

Adolf Hitler bei einem Truppenaufmarsch 1937 in Berlin
Adolf Hitler bei einem Truppenaufmarsch 1937 in Berlin (AP)

Angenommen, man hätte im Jahr 1914 gefragt, welches Land am ehesten gefährdet sei, innerhalb der nächsten 20 Jahre in einen antisemitischen Furor auszubrechen. Wie hätte die Antwort gelautet? Der israelische Ideengeschichtler Zeev Sternhell hat vor 30 Jahren in seinen Studien zur Entstehung des Faschismus und zur Dreyfus-Affäre "Frankreich" gesagt. Andere würden aufgrund der ständigen Pogrome gewiss Russland genannt haben.

Folgt man dem Berliner Historiker Götz Aly, so hätte man schon damals auf die Deutschen kommen können. Denn von lange her, so seine These, hat sich eine aggressive Aversion dieser Nation gegen die eigene jüdische Bevölkerung angebahnt. Hitler und die Seinen radikalisierten sie nur und fügten die Habgier auf jüdischen Besitz hinzu.

Die Feindseligkeit selbst gründet für Aly vor allem auf Neid und Mythologie. Die deutschen Juden waren, was Bildung und Berufskarrieren angeht, überproportional erfolgreiche Bürger. Um 1900 machten sie zehnmal so oft Abitur wie die Christen und verdienten fünfmal so viel. Mit der Industrialisierung, Monetarisierung, Urbanisierung und Verwissenschaftlichung der Gesellschaft fanden sie sich im Durchschnitt besser zurecht als viele andere Deutsche.

Das weckte überall - bei den Christen, den Nationalisten, den Sozialisten, den Bauern wie den Burschenschaftlern - Ressentiments, die Aly eindrucksvoll dokumentiert. Alles, was man als Zumutung der Moderne empfand, galt leicht als jüdisch, weil die Juden am deutlichsten von der Moderne profitierten.

Viele Deutsche träumten ihrerseits von der Einigung eines Volkes, das sie sich als Gemeinschaft vorstellten. Für Aly zeigt der deutsche Hang zur Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse im Antisemitismus seine giftigen Aspekte. Er zerlegt gewissermaßen den Nationalsozialismus in seine Bestandteile – Nationalismus und Sozialismus – und führt vor, wie oft sich der Antiliberalismus beider Traditionen im jüdischen "Fremden", im "Wucherer" oder im "wurzellos Verkopften" sein Feindbild schuf.

Jede Bemühung jüdischer Bürger, es durch Leistung, Patriotismus und Assimilation den anderen recht zu machen, konnte dabei missgünstig gegen sie verwendet werden. Mitten im Ersten Weltkrieg beispielsweise startete der Reichstag eine "Judenzählung", die feststellen sollte, ob die jüdischen Soldaten unterdurchschnittlich tapfer seien.

Aber waren es wirklich "die" Deutschen, die den Massenmord an den Juden begangen haben? Alys Darstellung, die glänzend geschrieben ist und durch die Vielfalt ihrer demografischen, soziologischen, ökonomischen und literarischen Bezüge beeindruckt, antwortet auf diese Frage mit dem Nachweis von Antisemitismus in so gut wie jeder gesellschaftlichen Gruppe.

Die Täter selbst analysiert er als aggressive, junge Aufsteiger, die sich durch die wirtschaftlich desolate Lage um die Früchte ihres Ehrgeizes gebracht sahen – und mit Hass reagierten. Aber es geht ihm nicht nur um die Taten nach 1933, die man auf die Täter eingrenzen kann, sondern auch um die Indifferenz, mit der fast ein ganzes Volk sie hinnahm.

Besprochen von Jürgen Kaube

Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass
S. Fischer, Frankfurt am Main 2011
352 Seiten, 22,95 Euro