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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.11.2011

Ein Arzt nimmt Rache

Herman Koch: "Sommerhaus mit Swimmingpool", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 346 Seiten

Ein halbes Jahr nach der Behandlung ist Schlossers Patient tot. Nur ein Zufall? (AP)
Ein halbes Jahr nach der Behandlung ist Schlossers Patient tot. Nur ein Zufall? (AP)

Ein Arzt, wie er nicht sein sollte - das ist Marc Schlosser, ein Menschenfeind, der über seine Patienten zynische Bemerkungen macht. Der niederländische Autor Herman Koch beschreibt in seinem Roman den tristen Alltag des Mediziners - der eines Tages Gelegenheit findet, sich zu rächen.

Der Hausarzt Marc Schlosser, spezialisiert auf Hypochonder und Menschen in künstlerischen Berufen, erzählt aus seiner Praxis: "In Kleidern finde ich diese menschlichen Körper schon schlimm genug ... " Und dann schildert er im Detail jene "Hautfalten", in denen die "Bakterien freies Spiel" haben und deren Anblick er sich nach Möglichkeit erspart. Wüssten die Patienten, was Schlosser über sie denkt - sie würden sofort den Arzt wechseln.

Aber sie wissen es nicht. Der misanthropische Mediziner hat eine Fassade aufgebaut. Wie schon in "Angerichtet" konstruiert Herman Koch eine extrem ambivalente und gerade deshalb faszinierende Erzählstimme. Einen Mann mit starken, entschiedenen Meinungen, die man eine Weile gut nachvollziehen kann. Man lacht über Schlossers zynische Pointen, wenn er etwa über die Schauspieler spricht, die er tagsüber in der Praxis betreut und deren Theaterpremieren er nach Feierabend angeödet absitzen muss. Auch Schlossers Blick auf die Geschlechtsgenossen ist erfrischend. Männer beim Abbrennen eines Feuerwerks: dieses frohsinnige Gebrüll, dieser kindsköpfige Spaß an deftigem Geballer und Kriegsspiel.

Der Menschenfeind hat ja immer gut reden. Nur kippt die scharf gewürzte Schlosser-Suada immer wieder in einen erbarmungslosen Soziobiologismus, den er einst von seinem Mentor Aaron Herzl übernommen hat, einem Mediziner, der zur Maßnahme tendiert: "Weg mit diesen Saukerlen. Ausgemerzt gehören sie, diese Missgeburten." Gemeint sind die Kinderschänder.

Im Verlauf der Handlung bekommt es Schlosser nun selbst mit einem Kinderschänder zu tun. Er freundet sich mit den präpotenten Schauspieler Ralph Meier an. Wechselseitig begehrt man die Ehefrauen. Weil Schlosser eine Affäre mit Judith Meier in Gang bringen will, arrangiert er den Sommerurlaub so, dass die beiden Familien - Schlossers mit zwei Töchtern, Meiers mit zwei Söhnen, jeweils im halbwüchsigen Alter - gemeinsame Tage im französischen Sommerhaus verbringen.

Aufgeheizte Stimmung am Pool, Tage der Liebelei, aber es gibt ungute Vorzeichen: zu viel Testosteron in der Luft. Und dann geschieht etwas Schreckliches. Schlossers 13-jährige Tochter wird am Strand von einem Unbekannten vergewaltigt. Scheinbar ohne Erinnerung an das Vorgefallene wird sie aufgefunden.

Die Menschenfeindlichkeit des Arztes bekommt ein konkretes Ziel: den Schänder seiner Tochter. Er will ihn zur Strecke bringen. Aber wer war's? Der Roman entwickelt sich zum paranoiden Kammerspiel. Immer mehr verdichten sich die Zeichen, dass Ralph Meier, mit dem Schlosser kurz zuvor hart aneinandergeraten war, die Tat begangen hat. Die Reise wird abgebrochen. Einige Zeit darauf kommt Meier in Schlossers Praxis - und ist ein halbes Jahr später tot.

Ein kunstvoller "Kunstfehler", eine verschleppte Behandlung - der Arzt nutzt die Gelegenheit zur Rache, die der Zufall ihm in die Hand gibt. Man kommt ihm allerdings auf die Schliche. Und plötzlich erscheint auch das Sexualverbrechen am Strand in ganz neuem Licht. Hat Schlosser im Furor der Selbstjustiz den Falschen zur Strecke gebracht?

Auch wenn ein paar melodramatische Überspitzungen und Erzählkonventionen stören (etwa die ständigen ominösen Vorausdeutungen) - "Sommerhaus mit Swimmingpool" ist ein hoch spannendes Familiendrama, mit einer Erzählstimme voller Witz, Wut und böser Gefühle. Ein Thriller, der diverse moralische Fragen aufwirft und literarischen Mehrwert besitzt.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Herman Koch: Sommerhaus mit Swimmingpool
Aus dem Niederländischen übersetzt von Christiane Kuby
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011
346 Seiten, 19,99 Euro