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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.01.2012

Ein Abend im Wald

"Der Freischütz" von Carl Maria von Weber an der Komischen Oper

Von Jürgen Liebing

Kaum hat das Orchester begonnen, trottet ein Schwein über die Bühne. (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Kaum hat das Orchester begonnen, trottet ein Schwein über die Bühne. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Der Spanier Calixto Bieito schafft jenseits der Lust an der gezielten Provokation nun Inszenierungen mit Tiefe und vor allem Rhythmus. Jetzt hat er in Berlin an der Komischen Oper den "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber auf die Bühne gbracht, mit Patrick Lange als Dirigent.

Bevor es mit der Musik losgeht, rezitiert Max ein Gedicht von Pablo Neruda "Der Jäger im Wald", dann beginnt die Ouvertüre und kaum hat das Orchester begonnen, trottet ein Schwein über die Bühne, das Publikum schmunzelt, und man achtet nicht mehr auf die Musik, sondern auf das Schwein, ob es sich "anständig" benimmt.

Dann wird's von der Bühne gescheucht, denn dann kommen die Jäger, und die kennen kein Pardon. Da spätestens dann der Tierschutzbund aufschreien würde, ist es eine Frau, die an die Stelle des echten, braven Schweins tritt und sich im Blute wälzt und dann waidmannsgerecht gehäutet wird.

Max, der im dritten Akt splitternackt auf der Bühne ist, erschießt Agathe mit den Worten, ich liebe dich. (Deutschlandradio - Bettina Straub)Max, der im dritten Akt nackt auf der Bühne ist, erschießt Agathe mit den Worten, ich liebe dich. (Deutschlandradio - Bettina Straub)Also wir sind gleich im Wald und bleiben es den ganzen Abend lang. Rebecca Ringst hat diesen Wald gebaut, blattlose Sträucher, dann schweben dicke Stämme vom Bühnenhimmel, in der Wolfsschlucht wackeln sie bedrohlich, und im dritten Akt ist der Wald abgeholzt. Der Wald ist ein Haupthandlungsträger der Oper, aber dadurch, dass er allgegenwärtig ist, gibt es keinen Kontrast mehr zwischen innen und außen.

Für Bieito ist der Freischütz ein psychologischer Thriller. Die Geschichte um den Freischuss ist eher peripher. Max ist ein Versager, das wird ihm von der Jagdgesellschaft immer wieder gesagt. In der Wolfsschluchtszene entführt der böse Kaspar ein Brautpaar, und durch den Mord an der Braut gewinnt er die Freikugeln und Max ermordet den Bräutigam.

Der Brautchor wird zur Lachnummer, denn die Brautjungfern benehmen sich wie englische Mädels, die sich so richtig besaufen, und dass in der Schachtel nicht der Brautkranz ist, sondern ein Totenkranz ist ein schlechter Scherz vom Ännchen, das sauer darüber ist, dass es keinen Mann mitgekriegt hat.

Ein Wort zum Schluss: Es gibt kein Happy End. Max, der im dritten Akt splitternackt auf der Bühne ist, erschießt Agathe mit den Worten, ich liebe dich.

Kaspar erschießt sich selbst, und Max wird von den Jägern erschossen. Der Eremit wird unter Hohngelächter weggeschickt. Am Anfang das gemütliche Schwein, am Ende das Gemetzel. Was aus dem Graben kommt, ist wirklich toll, ohne Abstriche, und die Musik von Carl Maria von Weber ist sauschwer, besonders für die Hörner. Auf der Bühne überzeugt besonders Carsten Sabrowski als der Bösewicht Kaspar, Ina Kringelborn, die Agathe hat schöne, leise Töne, der Max des Vincent Wolfsteiner ist manchmal etwas bemüht.

Am Schluss gab es kräftige Buhs, aber ebenso heftigen Applaus. Es hätte schlimmer kommen können, oder: Irgendwie war es ein wenig fad.

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