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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.12.2015

Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer"Eine Kraft, die man nicht ignorieren sollte"

Birgit Bursee im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Man sieht zwei Frauen, die Flüchtingskindern versorgen. (picture-alliance / dpa / Michael Hudelist)
Freiwillige Helferinnen kümmern sich an Heiligabend um Flüchtlingskinder. (picture-alliance / dpa / Michael Hudelist)

Ohne die ehrenamtlichen Helfer wäre die Versorgung der vielen Flüchtlinge, die in diesem Jahr nach Deutschland kamen, nicht möglich gewesen. Das scheinen inzwischen auch die Behörden zu begreifen, meint die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen.

Birgit Bursee, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen, hat die große Bereitschaft vieler Menschen in Deutschland gewürdigt, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Es gebe viele Menschen, die sich einbringen und dabei helfen wollten, die Gesellschaft zu gestalten, sagt Bursee. Insofern habe sie das große Engagement für Flüchtlinge auch nicht sonderlich überrascht. Gleichzeitig räumt sie ein, dass freiwilliges Engagement für Flüchtlinge auch Züge einer Modeerscheinung trage, etwa, wenn Menschen gewissermaßen "ihren" persönlichen Flüchtling betreuen wollten. Negativ wolle sie dieses Engagement dennoch nicht sehen. "Es sind Menschen da, die etwas tun wollen, die sich melden."

Umdenken bei den Behörden?

Allerdings sei das Zusammenspiel zwischen Freiwilligen und Verwaltung noch nicht eingeübt, so die Leiterin der Freiwilligenagentur Magdeburg. Offenbar gibt es aber seitens der Behörden Anzeichen einer Umdenkens, was die Rolle der Freiwilligen angeht: "Verwaltung, also einfach Ämter, Behörden in den Landkreisen, in den Kommunen, merken vielleicht jetzt doch zum ersten Mal, dass bürgerschaftliches Engagement, freiwilliges Engagement eine Kraft hat, die man jetzt nicht ignorieren sollte."


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Ohne die vielen freiwilligen Helfer wären die Aufnahme, die Unterbringung und die Versorgung der Zehntausenden Flüchtlinge, die in den vergangenen Monaten nach teils wochenlanger Flucht Deutschland erreicht haben, schlicht unmöglich gewesen. Und über den für manchen überraschenden Freiwilligen-Boom wollen wir deshalb am letzten Tag des Jahres der Flüchtlinge mit Birgit Bursee sprechen. Sie ist die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen, leitet auch die Freiwilligenagentur in Magdeburg, die sie 2005 mit begründet hat, und ist aufgewachsen im südlichen Brandenburg. Dort hat sie jahrelang Projekte mit Kindern und Jugendlichen begleitet. Frau Bursee, schönen guten Morgen!

Birgit Bursee: Guten Morgen!

Ausmaß des Engagements nicht überraschend

von Billerbeck: Statistiken und Zahlen gibt es keine so richtig, aber es sind viele, das weiß man, die ehrenamtlich Flüchtlingen helfen. Hätten Sie am Beginn dieser Zeit mit so viel freiwilligem Engagement gerechnet?

Bursee: Ja, eigentlich hat mich das jetzt nicht so sonderlich überrascht, weil wir natürlich in vielen Bereichen schon auch vor der Zeit, als jetzt die Situation mit den Flüchtlingen noch mal sich etwas zuspitzte, das in vielen Bereichen schon erleben. Und es gibt einfach viele Menschen, die sagen, ja, ich will mich einbringen, ich will helfen, auch unsere Gesellschaft zu gestalten. Und da ist es eigentlich nicht so sehr verwunderlich, dass das dann in Situationen wie jetzt in diesen noch mal zum Ausdruck kommt.

von Billerbeck: Trotzdem waren ja viel mehr Menschen gefordert, weil einfach so viele Flüchtlinge zu uns gekommen sind. Sind das andere, die sich da jetzt engagiert haben, also andere als jene, die üblicherweise Ehrenämter ausüben?

Bursee: Andere ja, aber auch die, die sich schon immer engagieren. Es ist einfach eine große Palette, eine Vielfalt, und ich glaube, die Motive und auch die Art des Engagements, das ist so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Es gab, glaube ich, in den vergangenen Wochen und Monaten viele, die sich natürlich durch die aktuellen Informationen in den Medien wirklich dazu erst motiviert gefühlt haben, zu sagen, jetzt ist der Zeitpunkt, jetzt muss ich was tun, ich kann mir das jetzt nicht länger anschauen. Andere, die vielleicht sich in den Stadtteilen oder in Vereinen engagieren und das schon länger tun, für die war das natürlich jetzt auch eine Selbstverständlichkeit zu sagen, oh, wir sind jetzt noch mal besonders herausgefordert, und wir tun das.

Viele engagieren sich seit Jahren bei Organisationen und Wohlfahrtsverbänden

Man darf da auch nicht die vielen Ehrenamtlichen vergessen, die in den großen Hilfsorganisationen schon über viele Jahre tätig sind, ob das das Deutsche Rote Kreuz ist, das Technische Hilfswerk oder andere Wohlfahrtsverbände. Und ich denke, auch da sind Strukturen entstanden und auch Ehrenamtliche, die sich verpflichtet fühlen, haben natürlich da jetzt nicht gewartet, sondern sind da eben gleich mit eingesprungen.

von Billerbeck: Manchmal kann man trotzdem den Eindruck gewinnen und könnte es vielleicht überspitzt so formulieren, dass es auch in Mode ist, Flüchtlingen zu helfen, dass es irgendwie zum guten Ton gehört, was ja auch nicht schlecht ist, aber weil jeder eben seinen Flüchtling betreuen will. Haben Sie solche Fälle auch erlebt?

Bursee: Ja, das gibt es natürlich auch. Gerade dieses, ich möchte meinen persönlichen in Anführungsstrichen Flüchtling betreuen. Diese Fragen gibt es natürlich auch. Aber ich glaube, das resultiert manchmal auch aus Unwissenheit. Ich würde das immer erst mal positiv begreifen. Es sind Menschen da, die etwas tun wollen, die sich melden. Manchmal existieren dann vielleicht auch etwas, na ja, noch nicht ganz konkrete Vorstellungen über das Ehrenamt, was sie da erwartet. Und dann muss man einfach das entsprechend aufklären, man muss über die Rahmenbedingungen informieren. Man muss auch noch mal natürlich die Motivationslage genau abfragen, und ich glaube, manches kann dann auch geradegerückt werden.

Vom Ausmaß der Hilfsbedürftigkeit angesprochen

Aber mit der Modeerscheinung, das klingt so ein bisschen negativ. So würde ich das jetzt gar nicht sehen. Ich glaube, es ist im Moment eine Situation oder in den vergangenen Wochen und Monaten, die einfach Menschen noch mal neu zum Nachdenken gebracht hat, und das ist schon etwas, was wir auch in der Freiwilligenagentur erleben, dass Leute kommen, die von sich behaupten, bisher vielleicht nicht so politisch aktiv gewesen zu sein, oder überhaupt die Nachrichten intensiver verfolgt zu haben, und jetzt aber doch von der Informationsflut oder auch von dem Ausmaß auch der Hilfsbedürftigkeit sich angesprochen gefühlt haben und gesagt haben, nein, das ist jetzt irgendwas, da muss ich jetzt wirklich selbst was tun.

von Billerbeck: Trotzdem ist es ja nicht nur so, dass man da nur gute Nachrichten vermelden kann. Wir haben ja auch Fälle, denken wir nur an das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales, LaGeSo, da gab es ja vehemente Proteste der freiwilligen Helfer gegen die Behörden, auch anderswo gab es Klagen, dass die Helfer sogar behindert wurden. Wie groß ist da der Enthusiasmus, und wie groß ist auch der Frust?

Bursee: Man muss natürlich sehen, Verwaltung ist häufig etwas, was ein bisschen anders funktioniert, als sich das viele Freiwillige sicherlich wünschen. Und ich würde auch da mal noch einen positiven Aspekt rausheben: Verwaltung, also einfach Ämter, Behörden in den Landkreisen, in den Kommunen, merken jetzt vielleicht doch zum ersten Mal, dass bürgerschaftliches Engagement, freiwilliges Engagement, eine Kraft hat, die man jetzt nicht ignorieren sollte. Und das ist natürlich auch etwas, was sicherlich manchmal anstrengend und schwierig ist, aber ich glaube, man hat gerade in den vergangenen Monaten erlebt, dass es durchaus auch möglich ist, mit freiwilligem Engagement gesellschaftliche Herausforderungen zu meistern.

Noch keine reibungslose Zusammenarbeit von Freiwilligen und Verwaltung

Und die Konflikte, die natürlich dann manchmal in der Zusammenarbeit entstehen, die resultieren natürlich ganz oft auch daraus, dass man sich nicht kennt, also dass man nicht weiß, wie das eigentlich funktioniert. Das ist, glaube ich, für Menschen, die in Verwaltungen arbeiten, vielleicht nicht immer so ganz nachvollziehbar, dass es jetzt Leute gibt, die mehr oder weniger Tag- und Nachtstunden opfern und sich bemühen, alles Mögliche irgendwie auf die Beine zu stellen und die zum Teil sogar Urlaub nehmen und den eigenen Job vernachlässigen, um da zu helfen. Und das ist etwas, was vielleicht vielen auch suspekt ist. Und in der Zusammenarbeit ist da noch nicht so viel eingeübt. Ich glaube, da treffen manchmal tatsächlich Welten aufeinander.

von Billerbeck: Birgit Bursee war das, die Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen. Ich danke Ihnen und wünsche alles Gute!

Bursee: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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