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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.03.2012

"Eher ein Mafiastück"

Brock: Mit dem Abtritt von Wullff ändern sich die politischen Verhältnisse nicht

Bazon Brock im Gespräch mit Joachim Scholl

Der Kulturwissenschaftler Bazon Brock (picture alliance / dpa /Horst Ossinger)
Der Kulturwissenschaftler Bazon Brock (picture alliance / dpa /Horst Ossinger)

Komödie, Tragödie, Farce? Als Theaterstück würde der große Zapfenstreich für Christian Wulff am ehesten ein Mafiastück geben, sagt der Kulturwissenschaftler Bazon Brock.

Joachim Scholl: Heute Abend ist der letzte Akt, mit Fackelschein und Blasmusik, der offizielle feierliche Abschied mit dem Großen Zapfenstreich, den jeder scheidende Bundespräsident bekommt. Auch Christian Wulff hat ihn sich ausgedungen, ungeachtet allen Streits um Würde und politischen Schaden, den sein Verhalten verursacht hat, bestand er auf dem Ritual, das ein Großteil der Öffentlichkeit in diesem Fall nur noch als peinlich empfindet. Am Telefon ist jetzt der Kunsttheoretiker Bazon Brock, guten Morgen!

Bazon Brock: Guten Morgen!

Scholl: Was ist das für ein Stück, Herr Brock, das da heute Abend im Park von Schloss Bellevue gegeben wird? Ein bürgerliches Trauerspiel, absurdes Theater, eine Farce oder ein politisches Lehrstück?

Brock: Vielleicht ist es eher ein Mafiastück. Denn Sie wissen ja, dass der Begriff der Ehre hoch im Kurs ist unter Mafiaorganisationen, wahrscheinlich der höchstrangige überhaupt. Und in Jugendbanden ist es dann Respekt. Von dem, was das Grundgesetz eigentlich fordert, nämlich Würde, ist bei beidem nicht die Rede. Wenn man hier jetzt davon ausgeht, dass es um die Ehre ginge, jenseits von Würde, Vermögen, Können und so weiter, dann hat man offenbar die Nähe der politischen Organisation und ihrer Selbsteinschätzung zur Bandenstruktur oder kriminellen Vereinigung hinzunehmen. Das möchten die Bürger natürlich nicht gerne, aber wenn man es ihnen zumutet, bleibt ihnen ja nichts anderes übrig.

Scholl: Und wie steht die Hauptfigur dabei auf der Bühne? Ist es der Trotzkopf, der tragisch gefallene Held, der heroische Verlierer, der wenigstens in vollem Ornat untergeht?

Brock: Nein, gerade nicht. Er hat überhaupt kein Gefühl für Tragik, für Größenverhältnisse. Er ist völlig überzeugt von sich, wie jeder Naivling. Man fragt sich, wie kann man in der Politik so hoch steigen? Die Antwort heißt: Gerade, wenn man eben keinerlei Bedenken in sich trägt, wenn nichts einem überraschend tragisch erscheint oder menschlich in besonderer Weise bemerkenswert erscheint. Man wird gerade als diese Nullsummenfigur politisch auch reüssieren. Also, er ist sozusagen der Inbegriff dessen, was in den letzten 20 Jahren bundesrepublikanische Politik und ihr Selbstverständnis ausmachte.

Scholl: Aber ist man dann nicht wirklich froh, wenn dieser letzte Vorhang gefallen ist?

Brock: Nein, das ist man nicht, denn es geht ja so weiter. Es sind ja nicht mit dem Abtritt von Wulff die politischen Verhältnisse anders, die Selbsteinschätzung der Abgeordneten beziehungsweise des politischen Systems, des, man könnte sagen, demokratischen Komplexes, analog zu dem militärischen Komplex in Sowjetunion und anderen Staaten. Es ist ja nicht vorbei, es geht weiter, und zwar gnadenlos, wie man ja in der Geschichte der Auseinandersetzung über die Banker sieht, die ebenfalls für sich Ehre reklamieren und sich keinerlei Schuld bewusst sind. Das ist für uns vielleicht das Tragische, dass die Akteure keinerlei Bewusstsein von ihrer Situation haben. Hätten sie ein solches Bewusstsein von der historischen Situation, von ihrer Situation, dann wären sie eben nicht in der Hierarchie aufgestiegen. Und das ist eine Einsicht, die man zwar abstrakt in gewisser Weise immer schon hatte, die einem aber doch jetzt als besondere Zumutung erscheint, weil, so etwas Skandalöses wie den Ehrenabschied mit Ehrensold von einem Unehrenmann kann man sich ja gar nicht vorstellen!

Scholl: Man hat ja als Betrachter, Herr Brock, das starke Gefühl, dass hier etwas furchtbar Peinliches stattfindet, dass jeder Beteiligte es weiß und doch nicht auszusprechen vermag. Gibt es also demnach, ja, kein richtiges Leben im falschen Politischen?

Brock: Ja, doch, die Peinlichkeit ist, glaube ich, eher darauf ausgerichtet zu sagen, das hätte mir ja genau so gut passieren können. Ich meine, aus der Mannschaft der politisch Führenden. Und da eine Krähe einer anderen nicht das Auge aushackt, hat man vorsorglich diesen ganzen Affenzirkus auch so vonstattengehen lassen, wie er jetzt vonstattengeht. Inklusive Ehrensold et cetera. Vorsorglich, dass man selber in die Situation käme. Das ist ja wenigstens noch verständlich, aber das Bedenkenswerte daran ist, dass die handelnden Personen weder eine dramatische, historische, theatralische, psychologisch tief gehende Struktur oder Bewusstsein von ihrer Situation haben, sondern eben tatsächlich Flachmänner sind, in jeder Hinsicht völlig eigenschaftslos, völlig austauschbar, ohne jedes Standing, ohne jedes private Vermögen, sich in einem Urteil der Welt gegenüber zu behaupten. Das ist das Bedenkliche. Das heißt, der Zustand, der jetzt zur Geltung kommt, ist der, in dem uns klar wird: Mit solchen Figuren treten wir gegen die internationalen Bankenmaster an – master of universe nannten sich diese Big Bosse, die Herren der Welt also –, mit solchen Leuten treten wir gegen die Herren der Welt an. Das kann nicht gut gehen. Das ist nicht peinlich, sondern das ist wörtlich abgrundtief hässlich, man könnte eigentlich sagen: dämlich.

Scholl: Christian Wulff, das Finale. Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Kunsttheoretiker Bazon Brock. – Sie sind Jahrgang 1936, Herr Brock, haben schon etliche solcher offiziellen politischen Abschiede in der Geschichte der Bundesrepublik erlebt. Haben Sie eigentlich schon mal Ähnliches wahrgenommen, gibt hier Parallelen, die Sie ziehen würden?

Brock: Na ja, wir hatten ja im Frühjahr die Parallele mit dem Grafen, mit dem falschen Grafen ...

Scholl: ... zu Guttenberg ...

Brock: ... zu Guttenberg, und hatten auch zwischendrin Herrn Lübke mal in früheren 60er-Jahren. Nur hat man immer das Bewusstsein gehabt, es gibt auch andere, es gibt da gestandene Männer, die sich das nicht gefallen lassen. Es gibt Leute, die immerhin so ein Ereignis wie diesen Zweiten Weltkrieg beziehungsweise Nazidiktatur überstanden haben und die sich dann doch anders ins Zeug legen würden. Das alles fehlt jetzt. Diese Generation hat ja nichts erlebt, sie hat ja nichts durchstehen müssen. Sie ist eine Karrieristengeneration ohne jeden Beweis an der Wirklichkeit. Sie waren weder Geschäftsführer, noch waren sie in irgendeiner Hinsicht verantwortlich für irgendetwas, nämlich selber haftend, sondern sie haben immer nur als Funktionäre herumgemauschelt, vom Abitur bis zur Pensionierung ein einziger Werdegang innerhalb dieser Wattebauschgesellschaft beziehungsweise eingekastelten Gesellschaft, die ja keinen Eindruck von der Außenwelt mehr zulässt. Sie sind so abgeschottet, dass sie nicht die geringste Ahnung von dem haben, was die Wirklichkeit ist. Sie glauben, die Wirklichkeit sei das, was sie dafür halten. Sie sind sozusagen Opfer der dümmsten posthistorischen Einschätzung geworden, jeder macht sich seine Wirklichkeit selber. Das ist natürlich dummes Zeug. Aber so kommen heute die Boros und andere durch, indem man sagt, die machen sich ihre Welt selber und glauben das auch noch. Und wir können es auslöffeln, was daraus an Konsequenzen entsteht.

Scholl: Gestern hat der Herausgeber der "Welt" Thomas Schmid in einem längeren Aufsatz die Causa Wulff noch einmal dekliniert und dabei die ganze Affäre als einen Akt der symbolischen Reinigung über das Pathos rückhaltloser Aufklärung dargestellt. Das ist die Formulierung von Herrn Schmid. Und damit spielt er als ehemaliger Linker natürlich auf die alte Adorno-Horkheimer-These an, dass die vollendete Aufklärung notwendig in die Barbarei zurückfalle. Wäre das eine Lehre aus der Affäre?

Brock: Nein, das wäre viel zu hoch angesetzt. Herr Wulff ist intellektuell nicht in der Lage, solche Gedanken nachzuvollziehen, und ich garantiere Ihnen, drei Viertel der gesamten politischen Mannschaft ebenfalls nicht. Zu so einfachen Überlegungen wie die von Adorno sind sie gar nicht fähig und was das historisch bedeutet, können sie erst recht nicht einschätzen. Die rückhaltlose Aufklärung ist doch eine Entlastungsformel. Immer wenn irgendetwas passiert, wird angekündigt: Und nun wird rückhaltlos aufgeklärt. Und die rückhaltlose Aufklärung besteht darin, dass nichts passiert. Es wird so lange durchgezogen, bis den Bürgern die Sache aus dem Halse raushängt und aus allein Resistenz gegen Gemütserweichung sagt, er will davon nichts mehr hören. Darauf rechnen ja alle. Man kann es nicht mehr hören, man wird wahnsinnig, wenn man das von morgens bis abends hört, in rasendem Stillstand immer auf der Stelle treten, das ist unerträglich. Und mit dieser Unerträglichkeit der Zumutung rechnet ja das politische System und lebt davon, dass die Bürger es satthaben, sich ständig auf die gleiche Weise angegangen und belogen und betrogen zu fühlen.

Scholl: War nicht das Ganze Leben peinlich? – So hat sich der alternde Thomas Mann kurz vor seinem Tod gefragt und es im Tagebuch notiert. Wird, Herr Brock, sich ein Christian Wulff das irgendwann auch fragen?

Brock: Nein, Herr Wulff kann sich dergleichen nicht fragen, er hat die Erziehung dafür nicht, er hat nie Thomas Mann gelesen, er weiß gar nicht, wer das ist. Ich kann das in gewisser Weise beurteilen, weil ich ihn auf einem Kongress erlebt hatte, wo wir ihn aufgefordert haben, zu bestimmten Dingen in Hannover Stellung zu nehmen. Das war gar nicht möglich. Also, diese Art von Peinlichkeit des Heroen, also eines Mannes, der ungeheuer große Ambitionen hat und dann seine eigene Kläglichkeit danebensetzt sozusagen, wirklich der Blick durchs Schlüsselloch vom Kammerdiener, das ist die Peinlichkeit der wirklich bedeutenden Menschen. Aber diese Funktionärsnullen haben keinerlei Bedeutung und deswegen können sie auch keinerlei Peinlichkeit empfinden.

Scholl: Seit letztem Herbst, Herr Brock, betreiben Sie in Berlin die sogenannte Denkerei. Mit dem Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand, wie es heißt. Die nächste Veranstaltung am 14. März nächste Woche nennt sich "Bewegungen gen Mitternacht", habe ich gelesen. Das wäre für diesen Zapfenstreich heute Abend doch auch ein schönes Motto, oder?

Brock: Ja, wir haben es auch daraufhin gesagt. Wir wollen nämlich dann doch ein kleines Fingertheater dazu aufführen. Natürlich ist das peinlich für uns, dass wir glauben, mit einer Kabarettnummer oder mit etwas seelischer Bewegtheit uns vor dem Irrsinn schützen zu können, das ist für uns selbst peinlich, aber uns bleibt ja schließlich nichts anderes übrig. "Bewegungen gen Mitternacht" heißt natürlich auch "Es ist Mitternacht, Dr. Schweitzer", das heißt, irgendwann ist die Kraft erschöpft, jetzt muss man mal aufhören, man muss umschalten, auf den neuen Tag gucken. Und das ist ja die große Metapher geworden. Einerseits hieß es, wir dürfen nie vergessen, immer sehen, was die Geschichte uns beschert hat. Andererseits, wir dürfen nicht rückwärts denken, wir müssen immer nach vorwärts schauen, nur wer vorwärts schaut, hat eine Zukunft. – Dieser Widerspruch zwischen den permanenten Aufforderungen, Auschwitz nicht zu vergessen, Hitlerei nicht zu vergessen, Stalin nicht zu vergessen et cetera, und anderseits der wohlgemuten Aufforderung, wir müssen nach vorne schauen, lassen, was hinter uns liegt, jetzt sein: Das ist der große Widerspruch, in dem sich die großen Strudel des Politischen langsam wie in einem Sauggully verschwinden, vermahlen, zerstäuben. Da ist, glaube ich, jeder in Gefahr, wenn die Löcher etwas größer werden, sich selber im Strudel untergehen zu sehen.

Scholl: Christian Wulff zum vorläufig Letzten, das war Bazon Brock der Kunsttheoretiker. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Brock: Bitte, danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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