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Studio 9 | Beitrag vom 23.12.2015

Ehemaliger Bundeswehr-ÜbersetzerDen Taliban entkommen

Von Jürgen Webermann

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Der Übersetzer Aliullah Nazary im Jahr 2013 in Kundus. (ARD / Jürgen Webermann)
Der Übersetzer Aliullah Nazary im Jahr 2013 in Kundus. (ARD / Jürgen Webermann)

Aliullah Nazary übersetzte jahrelang für die Bundeswehr in Afghanistan. Nach deren Abzug 2013 wurde der Afghane bedroht, ein früherer Kollege von ihm ermordet. Aliullah schaffte es nach Hamburg. Dort arbeitet er wieder als Übersetzer - für Flüchtlinge.

Ende 2013. Aliullah Nazary lotst zum Haus seines Vaters in Kundus in Nordafghanistan. Sein Gesicht hat er mit einem Tuch verhüllt. Niemand soll ihn erkennen. Aliullah hat Angst.

"Heute sind wir in meinem Elternhaus. Aber hier kann ich nicht bleiben. Ich muss ständig woanders unterkommen, damit mich die Taliban nicht finden."

Aliullah hat jahrelang für die Bundeswehr als Übersetzer gearbeitet, auf Englisch. Der Job war gut. Aliullah ging davon aus, dass die Deutschen dauerhaft für Sicherheit sorgen würden. Ende 2013 aber zog die Bundeswehr ab. Aliullah wurde bedroht. Von Taliban, wie er sagt. Ein Freund, auch ein ehemaliger Bundeswehr-Dolmetscher, wurde ermordet. Von wem, das ist bis heute unklar.

Neue Heimat Hamburg

Aliullah hatte damals, vor zwei Jahren, nur noch ein Ziel: raus aus Afghanistan. Im Februar 2014 landete er tatsächlich in Hamburg. Nach monatelangem Bangen hatte er ein Visum erhalten. Und der erste Morgen in Deutschland – er war genau so, wie es sich Aliullah im fernen Kundus erträumt hatte.

"Ich fühlte, dass ich in Afghanistan, in Kundus oder Kabul bin. Aber als ich nach draußen geschaut habe, habe ich gesehen: Das ist Deutschland, das ist Hamburg! Du hast hier Sicherheit! Du hast hier Frieden! Du hast hier keine Sorgen!"

Vom ersten Tag an hat Aliullah Deutsch gelernt. Er will studieren, Jura oder Politik. Er engagiert sich in einer Studentenorganisation. Ein Hamburger Ehepaar, durch Radioberichte auf ihn aufmerksam geworden, half Aliullah bei der Wohnungssuche. Der 27-Jährige nennt das Paar seine "deutschen Eltern". Durch sie hat er auch seinen ersten Job bekommen – wieder als Dolmetscher. Diesmal aber nicht für die Bundeswehr, sondern für afghanische Flüchtlinge in Neumünster in Schleswig-Holstein.

"Das macht Spaß, ich freue mich, und außerdem ist es eine gute Übung für meine Sprache. Und es ist eine gute Integration für mich."

Deutschland als Heimat

Im Sommer konnte Aliullah seine Familie nachholen, seine Eltern, seinen Bruder und seine Schwester. Aber trotzdem lässt Kundus, die Stadt, in der er aufgewachsen und aus der er geflüchtet ist, Aliullah nicht los.

Ende September 2015, nur Wochen, nachdem seine Familie in Hamburg ankam, fiel Kundus für mehrere Tage an die Taliban. Jeder, der irgendwie mit den Deutschen oder anderen Ausländern zusammen gearbeitet hatte, war in akuter Lebensgefahr. Aliullahs Ängste, die er vor seiner Abreise nach Deutschland täglich durchlebte, wurden für viele Menschen in Kundus zum ganz realen Alptraum.

"Ich hatte immer Kontakt mit Freunden, mit Verwandten. Ich habe immer verfolgt, was passiert in Kundus. Ich war sehr, sehr traurig. Ich habe sehr geweint. Ich habe Kundus nie so erlebt."

Trotz der vielen Sorgen um seine Heimat: Aliullah hat sich an den so ganz anderen Alltag in Deutschland gewöhnt.

"Deutschland und Afghanistan sind meine Heimat. Ich bin in Afghanistan geboren und aufgewachsen, aber ich fühle mich in Deutschland sicher und ganz wohl. Das ist auch meine Heimat."

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