Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 05:05 Uhr Aus den Archiven
 
 

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.08.2012

Egotrip Karriere

Wenn Arbeit überbewertet wird

Von Christine Wimbauer

Eine Mutter versucht in München mit ihrem Kind auf dem Schoß an einem Laptop zu arbeiten. (picture alliance / dpa)
Eine Mutter versucht in München mit ihrem Kind auf dem Schoß an einem Laptop zu arbeiten. (picture alliance / dpa)

Bei vielen Paaren stimmt die Balance zwischen Arbeit und Familie nicht. Schuld daran sind oft die Arbeitsbedingungen. Im Mittelpunkt steht meist die Erwerbsarbeit und das Glück der Paare bleibt auf der Strecke.

Früher war die Aufteilung klar: Die Männer waren für den Beruf und die Frauen für Familie und Kindererziehung zuständig. Seit den 1980er Jahren ist dieses Modell ins Wanken geraten: Immer mehr Frauen arbeiten und immer mehr Paare wünschen sich eine gleichberechtigte Beziehung.

Aber funktioniert das? Wie steht es um die gegenseitige Wertschätzung für die jeweilige Arbeit im Beruf oder in der Familie? Können Frauen wie Männer Anerkennung für ihre Erwerbsarbeit erhalten? Und was passiert, wenn das Streben nach beruflicher Anerkennung zu groß wird? Kurz: Sind die Paare heute wirklich glücklich?

Mit diesen Fragen habe ich mich in meiner Forschungsgruppe "Liebe, Arbeit, Anerkennung" beschäftigt. Wir haben Doppelkarriere-Paare befragt, in denen beide Partner gut qualifiziert und beruflich orientiert sind. Sie gelten als Vorreiter egalitärer Geschlechterarrangements. Untersucht wurden zweitens die Arbeitgeber dieser Paare. Welche Leistungs- und Karrierekriterien gelten dort? Und drittens haben wir die Familien- und Sozialpolitik in den Blick genommen.

Für alle befragten Paare ist der Beruf eine zentrale Quelle der Anerkennung. Das war zu erwarten. Denn die meisten Menschen möchten nicht nur von Freunden und Familie dafür geschätzt werden, wer sie sind und wie sie sind. Die meisten wollen vor allem auch Anerkennung dafür, was sie tun. Deshalb ist der Beruf so wichtig. Ohne bezahlten Job fühlen wir uns weniger wertvoll.

Da wird es für Frauen zum zweifachen Problem, dass sie nach wie vor einen Großteil der Hausarbeit erledigen und die Kinder erziehen, denn diese Mühen sind regelrecht unsichtbar. Dass jemand die Wohnung putzen muss, fällt vielen Männern erst auf, wenn es niemand tut. "Das bisschen Haushalt ... " scheinen sie zu denken - und die Frauen werden vom Partner nicht angemessen geschätzt. Selbst bei den Doppelkarriere-Paaren bleibt Gleichheit also ein leeres Versprechen. Erstens.

Und zweitens bekommen viele Frauen auch keine Anerkennung im Beruf, besonders, wenn sie Kinder bekommen. Einigen der befragten Frauen wurde nach ihrer Elternzeit die Rückkehr auf ihre vorherige Position verwehrt. Das bedeutet nicht nur weniger Geld und einen massiven Karriereknick.

Es führt auch zu persönlichen Krisen und es verletzt. Eine Frau sagte uns: "Also da muss man schon erst mal schlucken und dann fragt man sich schon, was ist man Wert. Ich kann genau das gleiche wie vorher, aber ich bin jetzt plötzlich völlig unattraktiv".

Es ist bitter, dass ausgerechnet beim Thema Benachteiligung Gleichberechtigung herrscht: Auch bei Vätern schadet eine längere Elternzeit dem Beruf. Denn nach wie vor gilt: Wer Karriere machen will, muss Vollzeit arbeiten. Eine Familie ist da zweitrangig.

Wir müssen uns langsam fragen, wie viel Arbeit die Liebe verträgt. Das haben unsere Forschungen gezeigt. Der Leiter eines Unternehmens zum Beispiel, den wir befragt haben, ist "beruflich maximal absorbiert". Er hat keine Zeit für seine Frau und Kinder. Dies führt zu Streit, weil seine Frau sich nicht anerkannt fühlt für ihre Hausarbeit und für ihre Karriere. Doch er kann seinem "Hamsterrad" nicht entkommen.

Das Streben nach beruflicher Anerkennung - befördert durch Konkurrenzdruck und ein inneres Leistungsdenken - lässt nicht nur keine Zeit für Familie. Der berufliche Dauereinsatz kann Paare ruinieren.

Unsere Erkenntnisse sind ernüchternd. Die Anerkennung durch den Beruf ist zwischen Geschlechtern nach wie vor ungleich verteilt. Zudem leiden die einen darunter, dass sie keine oder zu wenig Arbeit haben. Gleichzeitig wird die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben für andere zur "Quadratur des Kreises".

Eigentlich müssten wir in unserer Gesellschaft dringend eine Balance zwischen Arbeit, Familie und Paarbeziehung schaffen. Dazu brauchen wir bessere Arbeitsbedingungen für Frauen und für Männer. Doch gegenwärtig tun wir das Gegenteil: Statt die gemeinsame Zeit in der Familie aufzuwerten, wird die Erwerbsarbeit immer wichtiger, und zur einseitigen Referenz für Anerkennung. Das müsste sich ändern, damit die Arbeit nicht auf unsere Ehen und Partnerschaften übergreift.

Sonst kann es sein, dass wir auch in gleichberechtigten Zeiten nicht glücklicher sind als früher. Sondern dass bald die Arbeit die Liebe ersetzt.

Christine Wimbauer (Christine Wimbauer)Christine Wimbauer (Christine Wimbauer) Christine Wimbauer, geboren 1973, ist Professorin für Soziologie am Institut für Soziologie der Universität Duisburg-Essen. Ihre Schwerpunkte: Soziale Ungleichheit und Geschlechtersoziologie. Bucherscheinungen: "Geld und Liebe. Zur symbolischen Bedeutung von Geld in Paarbeziehungen" (2003) und "Wenn Arbeit Liebe ersetzt".

Politisches Feuilleton

Kollektive RegressionLieber Komfortzone als Daueralarm
Zeichnung eines angsteinflößenden Clowns von Marion Auburtin (Clown Maléfique - Serie La Nuit des Masques/ Marion Auburtin)

In der Komfortzone richten sich die Veränderungsunwilligen ein. Doch so schlecht sei diese Zone gar nicht, meint Psychotherapeut Christian Kohlross. Denn die Alternative dazu sei nicht gesund: Alarm als gesellschaftlicher Dauerzustand.Mehr

Politiker und ihre AusredenSorry, es war frei von der Leber weg
EU-Kommissar Günther Oettinger  (dpa / picture alliance / Patrick Seeger)

Wer sich entschuldigt, räumt eine Verfehlung ein und bittet um Vergebung – im günstigsten Fall versichert er glaubhaft, es nie wieder tun. Doch in der Politik und der öffentlichen Diskussion hat sich eine andere Art von Entschuldigung etabliert, meint Stephan Hebel.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur