Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.07.2007

Egos mit Rendite

Ulrich Bröckling: "Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform". Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt/Main 2007, 327 S.

Das Leitbild vom Konkurrenzkampf auf dem freien Markt durchwirkt alle Lebensbereiche. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)
Das Leitbild vom Konkurrenzkampf auf dem freien Markt durchwirkt alle Lebensbereiche. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)

Kaum ein Wort wurde durch die rot-grüne Regierung so populär wie das der "Ich-AG”. Menschen sollten sich selbst als Kleinunternehmer auf den Markt bringen. Laut "Duden-Wörterbuch der New Economy” bedeutet Ich-AG aber auch, dass jeder der Unternehmer seines Lebens sein und wie bei einer Aktiengesellschaft, einer AG, immer am Kurswert der eigenen Person arbeiten soll. So stellt sich ein neues Verständnis her, wie Menschen sein sollen und auf das hin sie sich selbst zu formen versuchen.

Dieses "unternehmerische Selbst” ist Thema des erhellenden, klugen Buches von Ulrich Bröckling, in dem der Autor die "Dynamik permanenter Selbstoptimierung” für den turbokapitalistischen Markt beschreibt. So wie der Unternehmer der Marktakteur schlechthin ist, soll jeder Mensch heute sein Humankapital fördern, um damit den Erfordernissen des Marktes Rechnung zu tragen. Denn in der ständigen Erneuerung von Produktion und Markt fragen Unternehmen nicht mehr nach Unterordnung durch Disziplin, sondern nach Initiative aus eigener Motivation.

Bröckling bezieht sich auf das Konzept der "Gouvernementalität” von Michel Foucault. Mit diesem Kunstwort ist gemeint, dass Menschen in der heutigen Form des Regierens geführt werden, indem man die Anforderungen an sie zu ihren eigenen macht. Fremdführung und Selbstführung gehen somit zusammen. Das Buch handelt also nicht von einem neuen "Sozialcharakter”. Denn diese Theorien wie die vom "autoritären Charakter” beschreiben, wie Menschen typisch und empirisch feststellbar sind.

Bröckling lässt auch die Frage aus, in welchem Ausmaß der Arbeitskraftunternehmer als Ich-AG eine soziale Realität ist. Ihm geht es allein um eine Analyse eines Leitbildes, das eine Richtung angibt, in der Menschen von außen verändert werden und sich von innen her verändern sollen und zu verändern versuchen. Das ist gemeint mit dem Begriff der "Subjektivierungsform”: ein Modell, sich zum Subjekt zu machen.

Das Leitbild soll den Markt- und Produktionsformen gerecht werden. Zum Beispiel avanciert das Modell der vertraglichen Einigung aus der Wirtschaft zum Modell für alle sozialen Beziehungen, bis hinein in die Pädagogik, wenn Eltern geraten wird, nicht mehr auf dem Weg der Autorität zu erziehen, sondern auf dem von Familienkonferenzen, bei denen man Abmachungen mit Kindern trifft. So studieren Kinder ein Verhalten ein, das später in Unternehmen verlangt wird: sich aufgrund von Abmachungen selber zu Aufgaben zu motivieren.

Ratgeber aus dem Management-Bereich predigen das Leitbild seit Jahren: Sei dein eigener Coach oder "empower yourself”. Bröckling hat diese Literatur ausgiebig gesichtet. Sein Buch ist - mit einem alten Begriff gesagt, den er selbst nicht verwendet - eine Ideologiekritik, die das Denken der Menschen auf die Verhältnisse bezieht, in denen sie leben und für die sie schreiben. Kritisch zeigt er auf, welche Götzen einer neuen Zivilreligion die Ratgeber-Literatur anbetet.

Bröckling bettet die Entstehung neuer "Sozial- und Selbsttechnologien” ein in die neuere Theorie der Volkswirtschaft. Das Programm zur Erzeugung des unternehmerischen Selbst ist ein Programm des Neoliberalismus, dessen verschiedene Varianten der Autor darstellt. Der Neoliberalismus will einen freien Markt, der allein aus der Konkurrenz heraus lebt. Auf diesem Markt aber ist jeder ein konkurrierender Unternehmer eines jeden. Da dauerhafte Arbeitsverhältnisse seltener werden, muss er sich als die Marke "ich selbst” auf diesem Markt behaupten. Das verlangt zunehmende Selbstverantwortung. Sie schließt eine Verantwortung für das Scheitern ein, das im allgegenwärtigen Konkurrenzkampf vorprogrammiert ist. Denn man kann nie gut genug sein. Die Krankheit des modernen Menschen ist daher das "erschöpfte Selbst”, der Burnout in der Depression.

Liest man das Buch von Bröckling, lernt man die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsleben und der Art und Weise, wie Menschen der new economy sich heute selbst entwerfen, zu verstehen. Das Buch öffnet dem Leser die Augen. Wer es liest, weiß nachher nicht, wie er sich verhalten soll, womöglich anders als verlangt, aber er weiß mehr darüber, warum er und andere sich wie verhalten und in welchen Zwängen das eigene Verhalten steht.

Rezensiert von Ulfried Geuter

Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt/Main 2007
327 S., 13,00 EURO

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur