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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.11.2015

Edwige Danticat "Kein anderes Meer"Vom Umgang mit dem Tod

Von Sigrid Brinkmann

Eine Frau vor ihrem Haus in Haiti (imago/Haytham Pictures)
Eine Frau vor ihrem Haus in Haiti (imago/Haytham Pictures)

Die Geschichten der US-amerikanischen Autorin Edwidge Danticat sind die Stories ihrer Heimat Haiti. "Kein anderes Meer" erzählt die Geschichte von Claire und von ihrem Umgang mit den Härten des Alltags auf der Insel.

Am Morgen ihres siebten Geburtstages wachte Claire Limyè Lanmé allein in der winzigen Hütte auf, die sie mit ihrem Vater teilte. Der Fischer Nozias Faustin stand am Meeresufer und sah, wie eine "Monsterwelle "das Boot eines Freundes versenkte. Nun würde er heimkommen und die Tochter mit einer Todesnachricht betrüben. Das Mädchen bleibt ruhig, denn es lebt längst mit dem Gefühl, dass ihr auf-der-Welt-sein mit dem Sterben anderer Menschen verbunden ist. Ihre Mutter überlebte die Geburt nicht. Verwandte mussten den Säugling aufziehen. Als Claire sechs wurde, stellte ihr Vater sie einer wohlhabenden Stoffhändlerin vor. Die Frau hatte ihre eigene Tochter drei Jahre zuvor bei einem Unfall verloren, und Claire begriff schlagartig, dass ihr Vater bereit war, sie wegzugeben. Es sollte einen Aufschub bis zum siebten Lebensjahr geben.

Der Entschluss, Claire zu einer restavek zu machen - zu einem Mündel, das gegen kleine Hilfsdienste verpflegt wird -, bildet die erzählerische Klammer des Romans. Sechs von acht Kapiteln widmet die 46 Jahre alte, in Miami lebende Autorin anderen Personen. Edwidge Danticat vermeidet jedes Urteil über notgeborene Entscheidungen ihrer Figuren. Knapp hält sie fest: "Er (Nozias Faustin) wollte etwas so Wichtiges wie die Zukunft seiner Tochter nicht dem Zufall überlassen."

Die Suche nach Hilfe im Kampf gegen  die alltäglichen Gefahren

Die Ängste und Anfälle von Verzweiflung, die sämtliche Charaktere durchleben, sind kaum der Rede wert. Schließlich lernt man auf Haiti früh, dass der Tod überall und jederzeit lauert: Das Meer, "feindselig und sanftmütig zugleich", verschluckt Fischer, Kinder verunglücken auf Straßen, politisch unliebsame Bürger werden durch Schüsse aus dem Weg geräumt, Polizisten misshandeln willkürlich Festgenommene und die Justiz ist korrupt.

Ruft Danticat in ihrem 2010 erschienenen Erzählband "Der verlorene Vater" die zahllosen Gewaltverbrechen in der Duvalier-Ära wach, so fokussiert sie nun stärker auf die Überlebensstrategen der Haitianer. Der Roman "Kein anderes Meer" war fast zu Ende geschrieben, als ein gewaltiges Erdbeben die Insel verheerte. Auch fünf Jahre später leben die meisten Haitianer weiter im permanenten Provisorium. Slums an erodierenden, zerbröckelnden Bergen gab es auch zuvor, weshalb Danticat die Folgen der letzten Naturkatastrophe bewußt ausblendet. Sie erzählt von Straßenkinder-Banden, die sich Namen nubischer Könige geben und Voodoo-Rituale zelebrieren, von Frauen, die sich allein durchs Leben schlagen müssen und einsamen Männern, die davon träumen, gemeinsam mit Verhaltensforschern, Psychologen und Stadtplanern die Zustände auf der Insel zu verbessern.

Schwierigkeiten der Kritik mit dem Ende von "Kein anderes Meer"

So bewegend sind die flüchtig aufscheinenden Biografien einzelner Figuren, dass man das Mädchen Claire vorübergehend vergisst. Erst auf den letzten Seiten begegnen wir der Siebenjährigen wieder: Sie will erfahren, wie hoch der Preis der Freiheit ist. Dem Leser hat Danticat längst vor Augen geführt, dass es Freiheit auf der wasserumschlossenen Insel Haiti nicht gibt. Sie zeigt Menschen, die sich am Strand über Halbtote beugen und ihnen Atem einhauchen. Andere werfen Salz ins Feuer, um die Seelen der Ertrunken an Land zu holen. Bilder von Seelengröße und Grausamkeit durchmischen sich in diesem Roman. 

Das versöhnliche Ende der Geschichte von Claire wollten einige amerikanische Rezensenten nicht hinnehmen. Wer Edwige Danticat liest, kennt wahrscheinlich auch Dany Laferrière. Der Romancier hat einen Sitz in der Académie Française und behält von Kanada aus die haitianische Wirklichkeit im Blick. Laferrière notierte: "In der karibischen Literatur hat praktisch jeder Roman einen guten Ausgang.""Kein anderes Meer" macht da keine Ausnahme.

Edwige Danticat: Kein anderes Meer
Carl Hanser Verlag, München 2015, 256 Seiten, 19,90 Euro

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