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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.11.2007

Edgar Reitz: Heimat ist ein changierender Begriff

Ein Gespräch mit dem Regisseur zu seinem 75. Geburtstag

Moderation: Joachim Scholl

Edgar Reitz
Edgar Reitz (AP Archiv)

International bekannt wurde der Filmemacher Edgar Reitz mit dem Mammut-Projekt "Heimat". In der mehrteiligen Familien-Chronik über ein fiktives Dorf im Hunsrück schlägt er einen historischen Bogen vom Ersten Weltkrieg bis in das wiedervereinigte Deutschland. Die Idee dazu sei ihm in einer künstlerischen wie persönlichen Krise gekommen, erzählt Reitz.

Joachim Scholl: "Das ist eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich im Leben gemacht habe, dass die Zeit unerbittlich verstreicht. Nur die Kunst vermag es, den Augenblicken Dauer zu verleihen." Diese poetischen Sätze finden sich im Internet auf der Homepage des deutschen Regisseurs und Filmemachers Edgar Reitz. Ein persönliches Bekenntnis, das zugleich auf das Wesen seiner künstlerischen Arbeit verweist. Heute wird Edgar Reitz 75 Jahre alt, und er ist uns nun aus einem Studio in München zugeschaltet. Seien Sie gegrüßt!

Edgar Reitz: Ja, guten Tag, Herr Scholl!

Scholl: Zunächst auch von uns die besten Wünsche, viel Glück und viel Segen, alles Gute zum Geburtstag, Herr Reitz! An solchen runden Jubiläen wird die unerbittlich verstreichende Zeit ja immer umso deutlicher und auch in Ihrem Fall öffentlich. Lebenszeit, historische Zeit, stets war die Zeit in Ihren Filmen prägendes Thema. Wie gehen Sie selbst mit dem Phänomen um, dass einem jeden Morgen ja unerbittlich aus dem Spiegel entgegenblickt?

Reitz: Na ja, also aufzuwachen, ohne was vorzuhaben, ohne dem Tag schon eine Struktur zu geben, das würde ich nicht aushalten. Ich habe immer – das war wohl so instinktiv – dafür gesorgt, dass der nächste Tag schon vieles Vorgeplante in sich hat, sodass ich morgens beim Aufwachen gar nicht ins Grübeln komme und gleich mal was zu tun habe. Und da ich gerne lange schlafe, bin ich meist auch in Eile, wenn ich wach werde.

Scholl: Das heißt carpe diem, so gehen Sie mit der Zeit um, nütze den Tag! Lassen Sie uns ein wenig zurückschauen auf Ihr Lebenswerk, Herr Reitz. Ohne Sie hätte der deutsche Film vermutlich eine ganz andere Entwicklung genommen. Sie gehörten in den 60er Jahren zu den jungen Filmrebellen, die unter dem Motto "Papas Kino ist tot" die Ära des neuen deutschen Films, des sogenannten Autorenfilms, einleiteten im berühmten Oberhausener Manifest 1962. Sie waren damals 30. Was empfinden Sie heute, wenn Sie an diesen jungen Mann zurückdenken?

Reitz: Es ist lange her. Und man hat auch den Mund ein bisschen voll genommen. Wenn ich mir heute vorstelle, was ich damals überhaupt wusste über das Filmemachen und wie wenig Lebenserfahrung sich in dem äußern konnte, das steht schon in einem ziemlichen Kontrast zu dem, was man so dann öffentlich von sich gegeben hat. Aber auf der anderen Seite, ich glaube auch, das gehört zum Jungsein, dass man sich selbst überschätzt oder dass man da mit so einem Elan rangeht. Das ist ja so, der Mensch wächst an den Aufgaben, die er sich selber stellt. Und so waren dann die Jahre erst einmal Lehrjahre, Experimentaljahre. Sie waren insofern auch wirklich etwas Bereicherndes, etwas, was ich heute übrigens wieder aufgreife. Also nach "Heimat" habe ich jetzt angefangen zu sagen, diese Impulse mit meinem heutigen Wissen weiterzuverfolgen, das …

Scholl: Die rebellischen Impulse von damals.

Reitz: Von Anfang der 60er Jahre. Es war damals nur ganz wenigen schon vorstellbar, dass eines Tages die technischen Entwicklungen – und der Film ist ja ein Kind der Technik, das dürfen wir nicht leugnen. Wir gehen immer mit so vielen künstlerischen Vorstellungen daran, aber zunächst einmal ist der Film in allen seinen Ausdrucksmöglichkeiten das Kind eines technischen Zeitalters. Und das hat sich permanent seitdem weiterentwickelt. Damals war gerade das Fernsehen die große Konkurrenz des Kinos. Es gab ein Kinosterben, es gab große Krisen, Gerüchte. Heute haben wir eine so unglaubliche Fülle von neuen Medien, die alle audiovisuell sind, die alle diese Ausdrucksmöglichkeiten in sich enthalten. Und die Menschen müssen überhaupt nicht mehr vor die Haustür gehen. Man ist in den Wohnungen bereits überrumpelt von einer Inflation der Bilder – über das Internet, über die Computer, über das Fernsehen und die DVDs und was sie alle haben.

Scholl: Wie ist denn nun Ihr eigener Um- und Zugang zum Nachwuchs, der ja eigentlich gegen Ihre Generation rebellieren muss oder müsste. Sie haben jetzt so schön den Zustand beschrieben. Gibt es noch Rebellentum im Film oder sollte es unter Filmemachern dieses geben?

Reitz: Das habe ich mir immer gewünscht. Ich dachte, warum machen die jetzt nicht wieder ein neues Oberhausener Manifest? Es wäre absolut notwendig, jetzt in dieser Zeit mal Bilanz zu ziehen und zu sagen, bis hierher hat die Filmgeschichte eine bestimmte Entwicklung genommen, und jetzt sind wir natürlich auf ganz vielen Gebieten festgefahren in gewohnte Strukturen, die Rollen der Medien, der Fernsehredaktionen und der Förderer und was es so gibt, das wird ja mehr und mehr hingenommen wie ein Naturzustand. In Wirklichkeit laufen die Dinge permanent vor unseren Augen davon. Und ich denke, die neue Generation sollte auch mal wirklich rebellieren und für sich ein Terrain neu erobern und nicht nur auf den vorhandenen Terrains versuchen, sich zu bewähren.

Scholl: Edgar Reitz wird heute 75 Jahre alt, und er ist zu Gast im Radiofeuilleton von Deutschlandradio Kultur. Herr Reitz, man hat Sie einen deutschen Epiker genannt, den Mann mit dem enorm langen Atem, und meint natürlich damit den Autor von "Heimat". Sie haben den Film schon erwähnt. Es ist Ihr Haupt-, Meister- und Lebenswerk, kann man wohl sagen, 31 Einzelfilme, 54 Stunden Spieldauer, eine Chronik über das fiktive Dorf Schabbach im Hunsrück und seine Bewohner. Unbestritten haben Sie damit Filmgeschichte geschrieben, auch über 20 Jahre an diesem Stoff gearbeitet. Wie hat das damals eigentlich begonnen? Was hat den Keim eigentlich gelegt für dieses dann so gewaltige Projekt?

Reitz: Dem voraus ging eine Pleite. Ich hatte einen Spielfilm gemacht, das war das ambitionierteste Ding, was ich da je angefasst hatte, "Der Schneider von Ulm", ein historischer Film mit Kostüm und Ausstattung und allem, was dazugehört, finanziell bis an die äußersten Grenzen dessen, was unsereins damals in Deutschland mit den vorhandenen Mitteln machen konnte. Und das ging schief. Da scheiterte die Premiere und der Film war nach zwei Wochen verschwunden. Das hatte nicht nur eine wirtschaftliche Krise, sondern auch so eine persönliche ausgelöst. Ich fragte mich wirklich, ob das eine gute Entscheidung war, hier Filmemacher werden zu wollen, denn ich kam aus einer soliden, bürgerlichen Handwerkerfamilie im Hunsrück. Es gab in meiner Familie nirgends irgendeinen, der es so mit Kunst und Abenteuer hatte. Ich hatte ja auch vorher immer so die Vorstellung, ich mache Literatur und bewege mich in den klassischen Künsten. Und in dieser Krise zog ich mich – das war dann Weihnachten, es kamen viele Dinge hinzu, eine Ehescheidung, eine Finanzamtsprüfung, also manchmal kommt’s knüppelhart im Leben …

Scholl: Interessant, wie Kunst entsteht, aus vielen Faktoren …

Reitz: … Und dann kam auch noch in diesem Winter, als ich auf der Insel Sylt war, in einer Ferienwohnung von Freunden, kam ein Schneesturm, wie er nur einmal im Jahrhundert vorkommt. Man war gefangen auf der Insel, man konnte überhaupt nicht weg. Der ganze Verkehr in Norddeutschland kam zum Erliegen. Und ich war da in dieser Wohnung gefangen. Und da fing ich an, mich zu fragen, was sind eigentlich meine Wurzeln, wo kommt das alles her, wo will das hin, wie finde ich mich selbst, wenn ich weiterhin Filme machen will. Und fing an, das in irgendeiner Weise zunächst einmal ganz unstrukturiert aufzuschreiben. Und als der Schnee weg war, da hatte ich ein etwa 100 Seiten starkes Manuskript, das war die Ur-Heimat. Also wenn man das heute liest, steht da eigentlich schon alles drin. Aber das kam so aus dieser Notlage heraus.

Scholl: Sie haben gerade schon das literarische Interesse erwähnt. Wenn man Ihren Film anschaut, dann kommt er einem so vor wie ein filmisches Pendant zu Romanen wie vielleicht von Uwe Johnson die "Jahrestage" oder auch Marcel Proust, sein Riesenroman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", also ästhetische Versuche, die Zeit zu bannen und die Heimat auch in der Erinnerung wiederzufinden.

Reitz: Ja, das waren auch literarische Vorbilder, die mich sehr geleitet haben. Ich habe in der Zeit, als es später daran ging, die Drehbücher zu schreiben, wieder Proust gelesen, was man ja normalerweise seit den Studienjahren dann nicht mehr getan hat. Und ich habe auch die "Odyssee" endlich einmal gelesen in einer deutschen Übersetzung aus dem Altgriechischen, das man auch nicht wirklich kannte. Aber auch da ging es ja seit ewig in der Menschheit um diese Heimkehrproblematik. Und die Frage, wie ist das, in der Fremde mit allen seinen Träumen umherzuschwimmen, in abenteuerlichen, gefährlichen Gewässern, und dann zurückzukehren, das habe ich ja in der dritten "Heimat" dann auch direkt fast wörtlich versucht aufzugreifen. Odysseus kehrt ja bekanntlich schlafend in sein Heimatland, er wird an den Gestaden Ittakas schlafend aufgefunden und weiß gar nicht, dass er wieder zu Hause ist. So ähnlich kehrt Hermann in "Heimat 3" nach Schabbach zurück.

Scholl: Das "Hermännche" aus dem ersten Teil, ich werde das nie vergessen, das "Hermännche" aus dem Hunsrück. "Heimat", Herr Reitz, "das ist ein Ort, an dem noch niemand war", hat einmal Ernst Bloch gesagt. Für ihn existierte Heimat nur in der Erinnerung. Was ist für Sie Heimat?

Reitz: Das ist ein Begriff, der mich seitdem permanent beschäftigt. Ich werde auch zu Hunderten von Symposien und Diskussionen eingeladen, weil sie immer denken, der weiß es. Aber ich weiß es natürlich auch nicht wirklich. Es ist ein Begriff, der unglaublich changiert vor unseren Augen. Auf der einen Seite war das ja ein Tabu. 1984, als wir die erste "Heimat" veröffentlichten, war dieses Wort noch schwer belastet, aus Nazi-Zeiten, durch den deutschen Heimatfilm, durch Tourismusindustrie und Alpenkitsch usw. Man wollte das Wort nicht mal anfassen. Heute ist es fast Mode geworden. Und da mag ich es fast nicht mehr anfassen, ehrlich gesagt. Das ist etwas, was sich permanent bewegt, aber es enthält eine menschliche Grunderfahrung. Das ist die, dass wir in den Jahren des Heranwachsens, als Kinder bis zu einem bestimmten Lebensalter, ein unglaublich intensives Verhältnis zu den Bildern in uns bilden. Das ist die Quelle für jede künstlerische Arbeit, aber auch für so ganz persönliche Dinge wie die Liebe. Ich glaube, in jeder Liebe, auch wenn sich Männer und Frauen lieben, steckt die Erinnerung an bestimmte Erfahrungen des Geborgenseins, der Wärme, der Beziehung zu Familie, Landschaft, Haus usw. Das schwingt alles in diesem Wort mit. Und das haben alle Menschen der Welt. Das kennt jeder. Also das ist so eine Urerfahrung.

Scholl: Edgar Reitz, wir wünschen alles Gute, Ihnen heute einen wunderschönen Tag, und wir gratulieren zudem zur Verleihung des renommierten Konrad-Wolf-Preises für Film- und Medienkünste, den Ihnen am Sonntag die Berliner Akademie der Künste verleiht. Ich hoffe, Sie haben eine schöne Reise nach Berlin. Herzlichen Dank!

Reitz: Danke Ihnen auch!