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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.04.2016

Ecuador nach dem Erdbeben Hoffen auf Wasser und Hilfe

Ninja Taprogge im Gespräch mit Dieter Kassel

Sie sehen ein zerstörtes Haus, auf den Trümmern stehen Einsatzkräfte mit roten Pullovern. (picture-alliance / dpa / Fredy Constante)
Die Schäden an Gebäuden nach dem Erdbeben in Ecuador sind groß, Städte liegen in Schutt und Asche. 570 Menschen wurden mittlerweile tot geborgen. (picture-alliance / dpa / Fredy Constante)

Städte in Schutt und Asche, kaum Elektrizität und Wasser, Nothütten - so beschreibt die CARE-Mitarbeiterin Ninja Taprogge die Lage in Ecuador nach dem verheerenden Erdbeben vom Wochenende. Man brauche mehr internationale Hilfe, fordert sie.

Dieter Kassel: Nach dem verheerenden Erdbeben im Westen von Ecuador am vergangenen Wochenende sind inzwischen so um die 570 Menschen tot geborgen worden. Das ist aber bestimmt noch keine endgültige Zahl, leider nicht, die Zahl der Toten wird sich vermutlich noch erhöhen, denn die Rettungs- und Aufräumarbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen. Aktuelle Informationen aus der Region wollen wir jetzt von Ninja Taprogge bekommen, sie ist für die Hilfsorganisation CARE in Ecuador, war in den Erdbebengebieten und ist heute - oder in ihrer Uhrzeit gestern -  erst mal wieder zurückgekehrt in die Hauptstadt Quito, wo wir sie jetzt erreichen. Schönen guten Morgen, Frau Taprogge!

Ninja Taprogge: Guten Morgen!

Kassel: Was haben Sie in den stark betroffenen Gebieten gesehen, welche Eindrücke haben Sie jetzt mitgebracht?

Taprogge: Die Situation ist wirklich katastrophal. Es handelt sich ja um eines der stärksten Erdbeben, das Ecuador seit 1987 erfahren hat. Wir waren gestern in der Stadt Hama, das ist in der Provinz Manabi, die am stärksten von dem Erdbeben betroffen ist. Dort liegt nahezu alles in Schutt und Asche, überall sind Trümmer, die Stadt gleicht einer Geisterstadt.

Es sind kaum Menschen unterwegs und die, die dort sind, sind viele freiwillige Helfer, die versuchen, eben dem Schutt und der Asche Herr zu werden mit schwerem Gerät, aber auch mit bloßen Händen. Ein Großteil der Menschen ist aus der Stadt geflohen, vor den Städten haben sich so kleine Camps gebildet, Menschen haben sich Notunterkünfte gebaut einfach aus Holzstöcken und aus Plastikplanen.

Suche nach Verschütteten geht weiter

Kassel: Bestehen denn jetzt, fast eine Woche nach dem ersten großen Beben, überhaupt noch Chancen, lebende Menschen zu retten, zu bergen?

Taprogge: Die Regierung hat ganz klar gesagt, dass die Helfer weitermachen und weiter nach Menschenleben suchen. Vor einer Woche - das wird ja dann am kommenden Dienstag sein – schwindet natürlich die Hoffnung, aber es wird trotzdem weiterhin gesucht.

Kassel: Wie leben denn die Überlebenden? Sie haben gesagt: am Stadtrand. Gibt es immer noch Angst vor Nachbeben oder können die einfach nur nicht in ihre Häuser zurück, weil die eben zerstört sind?

Taprogge: Zum einen sind die Häuser zerstört und die Menschen können nicht zurück. Es hat am Mittwochmorgen Nachbeben gegeben in der Höhe von 6,2, das macht den Menschen natürlich Angst, deswegen kehren die in die Städte nicht zurück. Aber in Schutt und Asche lässt es sich auch einfach nicht leben.

Kassel: Sie reden jetzt über die Städte, da haben wir auch Bilder gesehen im Fernsehen. Es sind ja nicht nur die Städte an der Küste betroffen, haben Sie denn auch Informationen darüber, wie es den Menschen auf dem Land geht, in den schwer zugänglichen Gebieten?

Viele ländliche Gebiete sind verschont geblieben

Taprogge: Wir sind von Quito aus mit dem Auto in das Gebiet gefahren und haben ungefähr zehn Stunden dahin gebraucht, und wir sind durch ländliche Regionen gefahren. Und da sieht es eigentlich recht gut aus. Also, bis kurz vor den Städten sind Erdrutsche zu sehen, aber die ländlichen Gebiete scheinen eher verschont geblieben zu sein. Dort gibt es viele Häuser, die aus Bambus gebaut sind. Und ich hatte den Eindruck, dass eben leichte Gebäude weniger schwer betroffen sind.

Kassel: Dann kehren wir zurück in die Städte. Es sind ja natürlich große Teile der Infrastruktur beschädigt, was immer so theoretisch klingt, aber das heißt ja, die Wasserleitungen funktionieren nicht mehr und vieles andere. Wie ist denn die Versorgungslage?

Taprogge: Ja, es gibt keine Elektrizität oder kaum Elektrizität. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum die Menschen nicht zurückkehren und in den Städten nicht schlafen können, weil es abends einfach kein Licht gibt. Es gibt kaum Wasser, das ist wirklich eines der dringendsten Dinge, die gebraucht werden. Man sieht das auch, wenn man in die Städte reinfährt und die Menschen am Straßenrand sieht, die halten Schilder hoch: Wir brauchen Wasser.

Und Hilfsorganisationen wie CARE spezialisieren sich jetzt eben darauf, Hilfe in Form von Wasser zu leisten, aber auch in Form von sanitären Anlagen. Und eben auch in der Prävention von Krankheiten, die ausbrechen können, durch Moskitos. Dort sind wir in den Tropen, in dem Gebiet, dort gibt es viele Moskitos. Und Viren zum Beispiel wie der Zika-Virus  müssen einfach vorgebeugt werden.

Vereinzelte Plünderungen

Kassel: Das ist ein schreckliches Ereignis. Aber was mich bei der Berichterstattung fast am meisten geärgert hat, sind die Meldungen darüber, dass in den Städten gerade auch nachts, auch tagsüber jetzt Plünderer unterwegs sind, die das Ganze ausnutzen und die auch für Gefahr sorgen für die Menschen, die dort ohnehin genug Probleme haben. Haben Sie davon was mitbekommen?

Taprogge: Das soll vereinzelt der Fall sein. Ich habe mit Menschen gesprochen, denen das passiert ist. Ich muss aber ganz ehrlich sagen, dass es sich eigentlich um völlig zerstörte Städte handelt und dass dort kaum noch etwas ist, was man eigentlich aus den Häusern rausziehen kann. Das war auf jeden Fall mein Eindruck von gestern.

Kassel: Was haben Sie denn für einen Eindruck, jetzt was die Zukunft angeht? Es ist noch ein bisschen früh, ich weiß, wir müssen eigentlich darüber reden, wie jetzt Menschen geholfen werden kann.  Sie haben das alles beschrieben. Aber wann kann man mit so einer Art Wiederaufbau anfangen, was glauben Sie, wie lange wird das dauern?

Taprogge: Ich denke, das wird noch Wochen, Monate und Jahre dauern, bis dort wieder alles steht. Es wird weiterhin internationale Hilfe gebraucht werden, CARE hat den Ansatz, dass jetzt eben Nothilfe geleistet wird auch in Form von Notunterkünften. Und da soll es eben in den nächsten Monaten darauf hinauslaufen, dass eben auch geplant wird, wie Häuser in Zukunft besser aufgebaut werden können und einfach sicherer sind.

Kassel: Ninja Taprogge live aus Quito. Dahin, in die Hauptstadt Ecuadors, ist sie gerade erst zurückgekehrt nach ihrem Aufenthalt in den am stärksten vom Erdbeben betroffenen Gebieten an der Pazifikküste Ecuadors. Frau Taprogge, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit!

Taprogge: Gerne, vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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