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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 02.11.2006

E-Learning hinter Gittern

Informationstechnologie spielt auch im Gefängnis eine wichtige Rolle

Von Dirk Asendorpf

Gefängnisgitter (AP)
Gefängnisgitter (AP)

Studien haben gezeigt, dass ein fester Job die beste Voraussetzung für einen Ausstieg aus der Kriminalität ist. Gefängnisse setzen daher bei Inhaftierten verstärkt auf E-Learning, um die Chancen nach einer Entlassung aus dem Knast zu verbessern.

Im Schultrakt der Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee. Die Türen zu den Klassenzimmern stehen offen. Tischkreis, Lehrerpult, Tafel mit Schwamm und Kreide: wären die Fenster nicht vergittert, könnte man keinen Unterschied zu einer x-beliebigen Hauptschule erkennen.

Doch der erste Eindruck täuscht. Vieles läuft hinter Gittern anders als in Freiheit.

"Zur Schule draußen bin ich nur wegen Freunden, Mädchen und Drogen gegangen. Hier bin ich, weil ich was lernen will und weil ich was nachholen kann. Ist schon was Schönes hier drin, also ist ne Möglichkeit auf jeden Fall."

Mehmet, so möchte der 21-jährige Deutsch-Türke hier genannt werden, ist einer von insgesamt 80.000 Gefangenen in deutschen Haftanstalten. Die Hälfte hat keinen Schulabschluss, zwei Drittel sind ohne Berufsausbildung. Bei den Unter-30-Jährigen ist die Lage noch schlechter: 90 Prozent haben keine abgeschlossene Ausbildung. Kriminalität und fehlende Bildung gehören eng zusammen. Doch fehlt es in viele Haftanstalten an Geld, Unterrichtsräumen und Lehrkräften, um für alle Gefangenen das richtige Angebot zu machen. Deshalb setzen jetzt immer mehr Anstalten auf E-Learning für die Schulen hinter Gittern.

Auch im Computerraum steht Mathe auf dem Stundenplan. Kathrin Galla, die Lehrerin, geht zwischen den Tischen herum und beugt sich hier und da zu einem Schüler herunter, wenn er bei den Bruchrechnungsaufgaben nicht alleine weiter kommt.

"Bei dem Oriolus-Programm, da können sie sich die Klassenstufe ja selber aussuchen, also von sieben bis neun. Und hier in dem Kurs muss man stark differenzieren. Also einer ist drin, der arbeitet mehr auf dem Niveau der siebenten Klasse und zwei auf dem der neunten Jahrgangsstufe. Computer hat ja immer auch einen gewissen Reiz bei den Inhaftierten. Die fragen schon auch öfter mal: Können wir heute nicht in den PC-Raum gehen? Also da ist schon das Interesse vorhanden."

"Hier drin" – auch dieser Rap über den Alltag im Knast ist im Computerraum der Berliner Jugendstrafanstalt entstanden. Birgit Lang leitet das Hip-Hop-Projekt.

"Die haben einerseits die Texte geschrieben natürlich, andererseits mit dem Audiorecorder sich aufgenommen, wir haben dann ein paar Freeware-Programme noch dazu geholt, wir haben das geschnitten, bisschen verzerrt und einfach ein bisschen experimentiert damit."

Ahmed ist einer der Rapper. Wenn sich die Band am Freitagnachmittag trifft, ist das der Höhepunkt seiner Woche.

"Wir schreiben meistens auf Zelle auf Schmierblätter, geht schneller. Und dann, wenn die Sachen sozusagen spruchreif sind, setzen wir uns an’n Rechner, tippen die sauber ab, so dass sie auch von den offiziellen Leuten mal durchgelesen werden können, ob alles jugendfrei ist sozusagen und so."

"Das ganze läuft jetzt fast schon ein gutes Jahr und wir versuchen eben ein stückweit das berufsqualifizierend zu machen, das heißt, ein bisschen Berufsqualifizierung in diesem Bereich Musik, Event zu bieten. Dass es auch ein bisschen pädagogisch unterfüttert ist. Da holen wir uns immer wieder Fachleute aus verschiedenen Bereichen, in dem Fall waren es Studenten von der Universität der Künste, die haben uns da sehr unterstützt, aber das Drehbuch war von den Jugendlichen und dadurch gelang dann solch ein Projekt auch."

Fast jedes Gefängnis hat inzwischen einen Computerraum. In 20 norddeutschen Anstalten sind die Rechner sogar online, finanziert mit sieben Millionen Euro aus dem EU-Projekt "E-Learning im Strafvollzug". Die Datenverbindung wird für den Zugriff auf über 80 Lernprogramme genutzt – vom Deutschkurs für Anfänger bis zum Europäischen Computerführerschein. Sie alle liegen auf einem besonders gesicherten Server an der Bremer Universität, betreut von Informatik-Professor Jürgen Friedrich.

"Man kann nicht rechts und links irgendwo abzweigen und ins Internet gehen. Das Ganze beruht auf ner sehr modernen Sicherheitstechnologie, die auch von Banken eingesetzt wird. Und wir haben sehr viel Mühe darein gesetzt, diese Sicherheit herzustellen, weil man deutlich sagen muss, dass das natürlich das A und O einer Anwendung von E-Learning im Justizvollzug ist. Wenn diese Grundbedingung der Sicherheit nicht erfüllt ist, dann wird natürlich der Vollzug solche modernen Methoden nicht anwenden."

Im zweiten Schritt sollen die Anstalten sogar gemeinsamen Unterricht anbieten.

"Nehmen wir an, in Bremen gäbe es durchaus ein, zwei Strafgefangene, die zum Beispiel in computerunterstützter Konstruktion ausgebildet werden könnten, aber es gibt eben nur ein oder zwei, dann kann man dafür sicher keinen Lehrer einstellen. Wenn wir jetzt aber hingehen: Es gibt in Bremen zwei, es gibt in Brandenburg zwei, in Cottbus, in Neumünster, dann hat man schon acht, und dafür kann man schon eine kleine Klasse einrichten. Das setzt voraus, dass diese vier Strafvollzugsanstalten auch untereinander vernetzt sind."

Auch wenn es verträumt klingt, die harten Jungs haben hart geschuftet, bis Text und Beats so gut zusammenpassten. Viele von ihnen haben dabei zum ersten Mal intensiv im Team an einem Projekt gearbeitet. Keine schlechte Vorbereitung auf den Alltag, der sie draußen erwartet.

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